Wissen für Entscheidungsprozesse - Expertenwissen, Öffentlichkeit
und politische Entscheidung.
Ethikkommissionen und Bürgerbeteiligung als Instrumente
der Politikberatung in Deutschland und Österreich |
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Projektgruppe: Prof. Dr. Wilhelm
Schumm, Dipl. Soz. Wolfgang
Menz
Thema - Fragestellung - Methode
Bei politischen Entscheidungsprozessen in Fragen komplexer Technologien
wie der Gentechnik kommt wissenschaftlicher Beratung und öffentlicher
Abstimmung eine wachsende Bedeutung zu. Die Kontroversialität der
Gentechnik führt zur Etablierung neuer Modelle wie z. B. wissenschaftlicher
Expertengremien und partizipativer Verfahren, die den Platz traditioneller
Interessenvertretung einnehmen.
Auf der Ebene des Selbstverständnisses der Akteure und der Abstimmungsverfahren
in den Beratungsorganen zielt unsere Studie auf die Rekonstruktion der
spezifischen Formen von Meinungsbildung, Aushandlungsprozessen und Entscheidungsfindung
in den unterschiedlichen Gremien von ExpertInnen und Laien sowie der
politischen Resonanz auf die einschlägigen Empfehlungen und Stellungnahmen.
Dahinter steht einerseits die Vorstellung, dass Politikberatung kein
linearer, sondern ein "rekursiver Prozess" (Weingart) ist.
Zum anderen gehen wir davon aus, dass Ethik und ethische Positionsmarkierungen
nicht Ausdruck einer "höheren", formalisierten professionellen
Vernunft sind, sondern das Ergebnis von Aushandlungsprozessen, Abstimmungsverfahren
und Koalitionsbildungen. Ethik ist in dieser Perspektive Produkt eines
mikropolitischen Handlungsgeflechts. Dabei spielen die Strategien der
Akteure, ihre Interessen und Handlungsorientierungen im konkreten Kontext
ebenso eine wichtige Rolle wie die jeweiligen professionellen Orientierungen
der Experten unterschiedlicher Disziplinen sowie die normativen und
ethischen Einstellungen der beteiligten Akteure aus der Öffentlichkeit
in den Laiengremien. Hinsichtlich der Entscheidungs- und Abstimmungsprozesse
ist insbesondere nach dem Umgang mit und dem Verhältnis von medizinischem
und biologischen "Sachstandswissen" und genuin ethischer Normbegründung
und ihrem wechselseitigem Verhältnis zu fragen.
Auf der Ebene der Begründung von politischen Entscheidungsprozessen
geht es uns darum zu klären, wie die Voten sowie die Beratungs-
und Willensbildungsprozesse in den Kommissionen und Foren dazu genutzt
werden können, politische Entscheidungen zu begründen, zu
rationalisieren und zu legitimieren und dabei auch den Schutz von Minderheitsmeinungen
zu gewährleisten. Hier fragen wir insbesondere danach, wie die
Politik mit expertiell erzeugtem Dissens in den Expertengremien umgeht
und ob sich daraus spezifische Begründungsprobleme für die
politischen Akteure ergeben oder ob solche Verfahren aus Perspektive
der Entscheidungsträger auch als funktional erscheinen können.
Diesen Themenkomplex untersuchen wir im Rahmen von sieben Fallstudien
zu Formen institutionalisierter Politikberatung durch Experten und Öffentlichkeit
in Deutschland und Österreich (Ethikräte, Enquetekommissionen,
Konsultationen, Bürgerkonferenzen). Unser Ziel ist es, zur Formulierung
einer Konzeptionalisierung der politischen Funktion von Expertenwissen
und Öffentlichkeitspartizipation im Zeitalter von auf Dauer gestelltem
Dissens angesichts neuer Risikotechnologien beizutragen.
Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit dem Institut für Technikfolgenabschätzung
der Österreichischen Akademie der Wissenschaften durchgeführt.
Stand der Projektarbeit
Das Projekt wird von Mai 2004 bis September 2007 vom Bundesministerium für Bildung
und Forschung im Rahmen des Programms "Wissen für Entscheidungsprozesse
- Forschung zum Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft"
gefördert.
Publikationen
Bogner, Alexander und Wolfgang Menz 2006: Science Crime. The Korean cloning scandal and the role of ethics, in: Science and Public Policy, 33. 8, 601–612.
Bogner, Alexander und Wolfgang Menz 2006: Welche Rationalität durch Verfahren? Die Organisation bioethischer Expertise, in: Teorie Vedy / Theory of Science, Jg. XIV/XXVIII. 1, 245–264.
Bogner, Alexander und Wolfgang Menz 2006: Wissen und Werte als Verhandlungsform. Ethikexpertise in der Regulation der Stammzellforschung, in: Rüdiger Wink (Hg.): Deutsche Stammzellpolitik im Zeitalter der Transnationalisierung, Baden Baden, Nomos Verlag, Baden–Baden: Nomos, 141–163.
Bogner, Alexander und Wolfgang Menz 2006: Wissenschaftskriminalität. Der koreanische Klonskandal und die Bedeutung der Ethik, in: Leviathan, 34. 2, 270–290.
Bogner, Alexander und Wolfgang Menz 2005: Bioethical Controversies and Policy Advice: The Production of Ethical Expertise und its Role in the Substantiation of Political Decision-Making, in: Sabine Maasen und Peter Weingart, Peter (Hg.): Democratization of Expertise? Exploring Novel Forms of Scientific Advice in Political Decision–Making. Sociology of the Sciences, Vol. 24. Dordrecht: Springer, 21–40.
Bogner, Alexander und Wolfgang Menz 2005: The Politics of Knowledge and Values: Ethics Expertise in the Stem Cell Discourse, in: Teorie vedy / Theory of Science, XIV/XXVII. 3, 113–126.
Bogner, Alexander und Wolfgang Menz 2005: Alternative Rationalitäten? Technikbewertung durch Laien und Experten am Beispiel der Biomedizin, in Alfons Bora, Michael Decker und Ortwin Renn (Hg.): Technik in einer fragilen Welt. Die Rolle der Technikfolgenabschätzung, Berlin: Sigma, 383–391.
Bogner, Alexander und Wolfgang Menz 2002: Wissenschaftliche Politikberatung? Der Dissens der Experten und die Autorität der Politik. In: Leviathan, 30. 3, 384–399.
INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG an der
Johann Wolfgang Goethe-Universität
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