Entscheidungsverhalten von Führungskräften aus Energietechnik und Energiewirtschaft

Prof. Dr. Sighard Neckel, Dr. Hermann Kocyba

Gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit

Die Entwicklung von Energieversorgungssystemen ist nicht das schlichte Resultat technischer oder wirtschaftlicher Sachzwänge. Sie ist vor dem Hintergrund institutioneller Rahmenbedingungen durch komplexe unternehmerische Entscheidungsprozesse geprägt. Diese werden durch normativ-rationale Entscheidungsmodelle, wie sie beispielsweise der »Nutzwertanalyse« zugrunde liegen, nur unzureichend abgebildet. Neben energietechnischen, ökonomischen und ökologischen Dimensionen gilt es die Wirksamkeit sozialer Einflussgrößen zu analysieren. Im Rahmen des Forschungsvorhabens soll das Entscheidungsverhalten wichtiger Akteure aus Energietechnik und Energieversorgung untersucht werden. Dies schließt die Analyse der in Entscheidungsprozessen zu Tage tretenden Wahrnehmungsweisen, Denkformen und Deutungsmuster ebenso ein wie die Untersuchung feldspezifischer Relevanzstrukturen.

Das Projekt will die Perspektive bestehender Bewertungsverfahren dadurch ergänzen, dass es – ausgehend von individuellen und sozialen Einflussgrößen des Entscheidungsverhaltens – auch Prozesse der Präferenzbildung sowie der Wahrnehmung, Abwägung und Gewichtung von Entscheidungsalternativen empirisch untersucht. Dies soll zugleich Aussagen darüber ermöglichen, welche Rolle die in der »Nutzwertanalyse« zusammengefassten Bewertungsdimensionen in der Wahrnehmung von Entscheidungspersonen tatsächlich spielen und wie hoch demgegenüber der Einfluss spezifisch sozialer Faktoren (Fachkulturen, berufliche Routinen, Unternehmenstraditionen, Bezugsgruppen) anzusetzen ist. Ziel ist dabei zunächst die Rekonstruktion des jeweiligen Bewertungshorizonts der Entscheidungsträger; in einem zweiten Schritt kann dann das faktische Entscheidungshandeln der Akteure mit den Annahmen eines normativen Modells rationalen Verhaltens kontrastiert werden.

Das Vorhaben verknüpft Ansätze der Organisations- und Wissenssoziologie, der Professionssoziologie, der verhaltenswissenschaftlichen Entscheidungsforschung und der techniksoziologischen Netzwerk-Forschung mit Verfahren der Erhebung und Analyse qualitativer Daten. Methodisch basiert die soziologische Analyse des Entscheidungsverhaltens und der dabei erkennbaren Handlungsmotive und Hintergrundüberzeugungen auf der interpretativen Rekonstruktion der Deutungsmuster von Entscheidungsträgern im Rahmen eines gezielten Fallvergleichs. Hierzu werden leitfadengestützte Intensivinterviews durchgeführt, die jeweils Elemente des Expertengesprächs und des biographisch-narrativen Interviews umfassen. Die Gesprächspartner, die nach dem Prinzip des Kontrastgruppenvergleichs ausgewählt werden, stammen aus der Energiewirtschaft beziehungsweise aus Unternehmen, die Energiesysteme entwickeln und bauen, und repräsentieren unterschiedliche fachliche Hintergründe sowie verschiedene regionale Gegebenheiten und Unternehmenssituationen. Im Ergebnis soll mit dem Einbezug soziologischer Aspekte ein innovatives methodisches Instrument der Technikforschung entwickelt werden, das auch für die Analyse der Rolle weiterer Akteure (etwa aus dem politischen System und der Öffentlichkeit) in der Gestaltung von energiepolitischen Entscheidungen Anwendung finden kann.

Das Forschungsprojekt ist Teil einer interdisziplinären Kooperation von Technik-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, die sich im Rahmen der vom Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit geförderten Studie »Multidimensionale Technikbewertung« mit der Weiterentwicklung der Bewertungsverfahren von Energiesystemen befasst. Neben dem Institut für Sozialforschung sind das Institut für Energietechnik der TU Dresden, das Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe sowie das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität Köln beteiligt.