Negative Klassifikationen – Ideologien der Ungleichwertigkeit in den symbolischen Ordnungen gegenwärtiger Sozialgruppen

Prof. Dr. Sighard Neckel, Dr. Ferdinand Sutterlüty, Ina Walter

Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung

Juni 2002 bis Mai 2005

Das Projekt erforschte »negative Klassifikationen«, das heißt abwertende Zuschreibungen zwischen verschiedenen Sozialgruppen, die sich in sozial benachteiligten Stadtteilen als Nachbarn begegnen. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage nach den Auswirkungen solcher Klassifikationen auf die Integrationschancen der beteiligten Gruppen und Personen. Die Untersuchung konzentrierte sich auf jene Elemente symbolischer Ordnungen sozialer Ungleichheit, die mit negativen Wertungen verbunden und von exkludierenden Semantiken beherrscht sind. Insbesondere war sie daran interessiert, in den Rhetoriken und Symboliken von Missachtung jene Elemente zu identifizieren, die sich als Überzeugungen von der Ungleichwertigkeit einzelner Bevölkerungsteile verstehen lassen. Die Studie ließ sich hierbei von der Hypothese leiten, dass die aktuellen Verwerfungen der Sozialstruktur in besonderer Weise Anlässe für soziale Klassifikationskämpfe bereitstellen. Schnell zeichnete sich ab, dass die deutliche Spreizung sozialer Ungleichheit sich symbolisch insbesondere in negativen Klassifikationen repräsentiert, die sich an ethnische Merkmale heften.

Am Beispiel von Zuschreibungen zwischen autochthonen und türkischstämmigen Bevölkerungsgruppen rekonstruierte das Forschungsprojekt eine Reihe verschiedener interethnischer Klassifikationsmuster. Dabei fällt auf, dass türkische Aufsteiger besonders häufig Ziel stigmatisierender Zuschreibungen waren. Dies lässt sich mit der Existenz eines »ethnischen Verwandtschaftsglaubens« erklären, der eine symbolische Tiefendimension sozialer Ungleichheit sowie ein generatives Prinzip abwertender Kategorisierung darstellt. Die sozial integrierenden oder exkludierenden Wirkungen negativer Klassifikationen und entsprechender Klassifikationskämpfe werden im Ergebnis auf drei Faktoren zurückgeführt.

Der erste Faktor besteht in der internen Logik der Klassifikationsmuster selbst. Während die einen zwar pejorativ, aber nicht exkludierend sind (graduelle Klassifikationen), werden die andern von Semantiken beherrscht, die abwertend und ausschließend zugleich sind (kategoriale Klassifikationen). Der zweite Faktor ist die Form der Konfliktaustragung. Offene Aushandlungsprozesse über stigmatisierende Klassifikationen bieten die Chance zu »konfliktvermittelter Integration«, während negative Klassifikationen eher Kontaktvermeidung und Abschottung befördern, wo Strategien der Konfliktvermeidung das Geschehen bestimmen. Drittens schließlich hängen die Integrationsfolgen negativer Klassifikationen davon ab, auf welchen sozialen Kontext sie sich beziehen. Während die desintegrativen Effekte negativer Klassifikationen in der lokalen Politik und im ökonomischen Leben durch institutionalisierte Normen begrenzt werden, existieren in der sozialen Lebenswelt nur informelle, performative Normen des wechselseitigen Umgangs. Negative Klassifikationen können daher in diesem Bereich besonders leicht zu sozialem Ausschluss und ethnischer Separierung führen.

Methodisch arbeitete das Projekt mit einem explorativen Design, in dem mittels ethnographischer Feldforschung und sozialwissenschaftlicher Hermeneutik an der soziologischen Rekonstruktion alltäglich relevanter Ungleichwertigkeitsideologien gearbeitet wurde. Es wurden exemplarische Fallstudien erstellt, an denen sich die Fragen nach dem materialen Inhalt, der formalen Struktur, den Kontextbedingungen, Aushandlungsformen und Folgen negativer Klassifikationen strukturtypisch beantworten ließen. Zwei benachteiligte Stadtteile bildeten die Untersuchungsgebiete; einer liegt in einer Stadt im Ruhrgebiet, der andere in einer süddeutschen Großstadt. Die »lokal« orientierten Fallstudien ermöglichten kontrastive Vergleiche zwischen diesen Untersuchungsgebieten, aber auch innerhalb der beiden Stadtteile, zumal die sozialen Lagen der aufgesuchten Gruppen kontrastreich und hinsichtlich Generation, Ethnizität und Geschlecht variabel waren. Für die Erhebung wurden »natürliche Situationen« favorisiert, in denen sich wechselseitige Bezüge unterschiedlicher Sozialgruppen von sich aus ergaben und sich die Konkurrenz um das symbolische Kapital von Anerkennung und Missachtung in dichten Sozialräumen vollzog. Parallel wurden Einzel- und Gruppeninterviews eingesetzt, um nicht nur in der Öffentlichkeit artikulierte Klassifikationen (public transcripts), sondern auch den nur in der jeweiligen Eigengruppe geführten Diskurs über andere (hidden transcripts) erfassen zu können.

Das Projekt »Negative Klassifikationen« war Teil des bundesweiten Forschungsverbundes »Desintegrationsprozesse. Analysen zur Stärkung von Integrationspotentialen einer modernen Gesellschaft«, der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wurde und in dem Soziologen, Psychologen, Politikwissenschaftler und Pädagogen in insgesamt 17 Einzelprojekten zusammenarbeiteten.

 

Veröffentlichungen

Neckel, Sighard 2003: Kampf um Zugehörigkeit. Die Macht der Klassifikation, in: Leviathan 31. 2, 159–167.

Neckel, Sighard und Ferdinand Sutterlüty 2005: Negative Klassifikationen. Konflikte um die symbolische Ordnung sozialer Ungleichheit, in: Wilhelm Heitmeyer und Peter Imbusch (Hg.): Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft. Analysen zu gesellschaftlicher Integration und Desintegration. Wiesbaden: VS Verlag, 409–428.

Sutterlüty, Ferdinand 2005: Türkische Tüchtigkeit und deutsche Dissozialität. Negative Klassifikationen in urbanen Nachbarschaften, in: Soziale Probleme 16. 1, 25–48.

Sutterlüty, Ferdinand und Ina Walter 2005: Übernahmegerüchte. Klassifikationskämpfe zwischen türkischen Aufsteigern und ihren deutschen Nachbarn, in: Leviathan 33. 2, 182–204.

Sutterlüty, Ferdinand 2006: Blutsbande. Ethnische »Verwandtschaft« als Tiefendimension sozialer Ungleichheit, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 3. 1, 36–70.

Sutterlüty, Ferdinand 2006: The Belief in Ethnic Kinship: A Deep Symbolic Dimension of Social Inequality, in: Ethnography 7. 2, 179–207.

Sutterlüty, Ferdinand 2006: Wer ist was in der deutsch-türkischen Nachbarschaft?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 40–41 (»Integration – Desintegration«), 26–34.

Sutterlüty, Ferdinand und Sighard Neckel 2006: Bashing the Migrant Climbers: Interethnic Classification Struggles in German City Neighborhoods, in: International Journal of Urban and Regional Research 30. 4, 798–815.

Neckel, Sighard und Hans-Georg Soeffner (Hg.) 2008: Mittendrin im Abseits. Ethnische Gruppenbeziehungen im lokalen Kontext. Wiesbaden: VS Verlag.

Neckel, Sighard und Ferdinand Sutterlüty 2008: Negative Klassifikationen und die symbolische Ordnung sozialer Ungleichheit, in: Sighard Neckel und Hans-Georg Soeffner (Hg.): Mittendrin im Abseits. Ethnische Gruppenbeziehungen im lokalen Kontext. Wiesbaden: VS Verlag, 15–25.

Sutterlüty, Ferdinand 2008: Ethnischer Verwandtschaftsglaube – ein generatives Klassifikationsprinzip, in: Sighard Neckel und Hans-Georg Soeffner (Hg.): Mittendrin im Abseits. Ethnische Gruppenbeziehungen im lokalen Kontext. Wiesbaden: VS Verlag, 91–111.

Sutterlüty, Ferdinand 2008: Markt der Nächstenliebe, in: Ferdinand Sutterlüty und Peter Imbusch (Hg.): Abenteuer Feldforschung. Soziologen erzählen. Frankfurt a. M. und New York: Campus, 79–96.

Sutterlüty, Ferdinand, Sighard Neckel und Ina Walter 2008: Klassifikationen im Kampf um Abgrenzung und Zugehörigkeit, in: Sighard Neckel und Hans-Georg Soeffner (Hg.): Mittendrin im Abseits. Ethnische Gruppenbeziehungen im lokalen Kontext. Wiesbaden: VS Verlag, 27–89.

Sutterlüty, Ferdinand 2010: The Paradox of Ethnic Equality, in: Archives Européennes de Sociologie – European Journal of Sociology 51. 1, 33–53.

Sutterlüty, Ferdinand 2010: In Sippenhaft. Negative Klassifikationen in ethnischen Konflikten. Frankfurt a. M. und New York: Campus.