Neue Väter – andere Kinder? Vaterschaft, familiale Triade und Sozialisation

Prof. Dr. Axel Honneth, PD Dr. Martin Dornes, Dipl. Soz. H.-W. Gumbinger, Dipl. Soz. Andrea Bambey

Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

01. April 2003 bis 31. März 2006

Die Vaterschaft unterliegt einem gesellschaftlichen Wandel, der die patriarchalen Familienstrukturen erodiert, der Aushandlungsprozesse über veränderte Rollenverständnisse erzwingt, der neue Identitätskonzepte notwendig macht und in die intime Kommunikationsstruktur der Familie eingreift. Die These des Forschungsprojektes ist es, dass dieser gesellschaftlich bedingte Umbildungsprozess zu einer wechselseitigen Neubestimmung der sozialen Positionen innerhalb der Familie zwingt, die mit einer gewandelten Vaterschaft die familiale Sozialisationsfunktion überhaupt neu zu definieren scheint. Was Väterlichkeit und Mütterlichkeit in der Sozialisation ausmacht, ob dies an die Leiblichkeit der Personen oder an die traditionelle Familienstruktur gebunden ist, wird zunehmend fraglich. Mit diesem Wandel wird die zentrale Konstellation familialer Sozialisation, die familiale Triade Vater-Mutter-Kind, deren Verinnerlichung das innere Grundmuster der Sozialität darstellt, gewissermaßen neu konfiguriert. Unser Forschungsprojekt untersucht, welche sozialisatorischen Wirkungen sich aus diesen Veränderungsprozessen ergeben: hat eine veränderte Vaterrolle und die daraus sich ergebende Neukonfiguration der familialen Triade Auswirkungen auf die Autonomieentwicklung des Kindes?

In einem ersten Schritt des Forschungsprojektes ging es darum, angesichts der Spannung zwischen »neuen« Rollenerwartungen einerseits und teilweise persistierender traditioneller Aufgabenteilung in den Familien und Partnerschaften andererseits, konkrete Ausgestaltungsformen von Vaterschaft in Form von statistisch ermittelten Vatertypen zu untersuchen, um so das Spektrum heutiger Vaterschaft genauer in den Blick nehmen zu können. Dazu wurde ein Fragebogen mit der Zielsetzung konzipiert, vielschichtige Aspekte von Vaterschaft zu erheben. Neben der Haltung zu traditionellen Rollenklischees sollten vorrangig die emotionale Kompetenz und Einfühlung in Bezug auf das Kind, die Einschätzung der Qualität der Partnerschaft, das familiale Engagement und die Positionierung im familialen Gefüge, die Sicherheit in der väterlichen Rolle und die Einstellung zur Herkunftsfamilie auf der Grundlage entsprechender Skalen erfragt werden.

Auf der Basis der Fragerbogenerhebung konnten mit Hilfe einer Clusteranalyse sechs prägnante Vatertypen voneinander unterschieden werden. Im Anschluss an diese Typenbildung wurden Interviews mit Elternpaaren und deren Kindern durchgeführt, um den ermittelten Vatertypen zusätzliche inhaltliche Kontur zu verleihen und differenzierte Erkenntnisse bezüglich der jeweiligen familialen Konstellationen zu gewinnen. Zielsetzung des Elterninterviews war dabei die Vertiefung von Themenkomplexen wie: das Selbstverständnis der Familie aus der Perspektive beider Eltern; das je individuelle Erleben von Elternschaft und die jeweilige Beziehung zum Kind; die Bedeutung der Herkunftsfamilie für die eigene Elternschaft; die Einschätzung der Paarbeziehung; die heutigen normativen Erwartungen an Elternschaft und insbesondere Vaterschaft.

Ein ergänzendes Interview mit dem Kind bestand aus einem leitfadenorientierten Gesprächsteil und der Durchführung des Schwarzfuß-Tests, einem projektiven Testverfahren, das auf der Stimulierung beispielsweise unbewusster Wünsche, aggressiver Impulse oder Schuldgefühlen basiert. Wir konzentrierten uns dabei auf folgende Themenkomplexe: Beziehung zu den Eltern und Position in der familialen Triade; Autonomie und Autonomiekonflikte; Gerechtigkeitsvorstellungen sowie Vorstellungen zur eigenen Persönlichkeit (Ich-Ideal, abgelehnte Persönlichkeitsanteile, Umgang mit Affekten).

Der Fragebogen wurde ausschließlich an Väter von Grundschulkindern an 50 Schulen in Frankfurt und angrenzenden Städten und Kreisen verteilt. Es konnte ein auswertbarer Rücklauf von 1524 Fragebögen erreicht werden.

 

Veröffentlichungen

Bambey, Andrea 1991: Das Geschlechterverhältnis als Anerkennungsstruktur. Zum Problem der Geschlechterdifferenz in feministischen Theorien. Studientexte zur Sozialwissenschaft, Sonderband 5. Frankfurt a. M.: Goethe-Universität.

Bambey, Andrea 1992: Literaturbesprechung: Karin Flaake und Vera King (Hg.): Weibliche Adoleszenz. Zur Sozialisation junger Frauen, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 3, 603–604.

Bambey, Andrea und H.-W. Gumbinger 1992: Trieb versus Objektbeziehung. Subjekttheoretische Implikationen feministischer Bildungstheorie, in: Franz Grubauer , Jürgen Ritsert, Albert Scherr und Martin Rudolf Vogel (Hg.): Subjektivität – Bildung – Reproduktion: Perspektiven einer kritischen Bildungstheorie. Weinheim: Deutscher Studienverlag, 176–212.

Martin Dornes 1993: Der kompetente Säugling. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch-Verlag.

Gumbinger, H.-W. 1996a: Die Anerkennung beschädigter Subjektivität. Kritische Anmerkungen zu Axel Honneths Theorie der Anerkennung, in: Helmut Brentel (Hg.): Gegensätze: Elemente kritischer Theorie. Festschrift für Jürgen Ritsert. Frankfurt a. M. und New York: Campus. 125–141.

Gumbinger, H.-W. 1996b: Axel Honneths Begriff der Anerkennung: Ein Grundbegriff der Reflexion normativer Probleme der Sozialen Arbeit?, in: Widersprüche 61, 117–148.

Gumbinger, H.-W. 1999: Die Bedeutung der Elternarbeit im Zusammenhang mit Überlegungen zum Konzept der Triangulierung, in: Arbeitshefte Kinderpsychoanalyse 27, 107–132.

Dornes , Martin 2000: Die emotionale Welt des Kindes, Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch-Verlag.

Bambey, Andrea und H.-W. Gumbinger 2006: Der randständige Vater. Sozialwissenschaftliche Erkundungen einer prekären Familienkonstellation, in: Frank Dammasch und Hans-Geert Metzger (Hg.): Die Bedeutung des Vaters. Psychoanalytische Perspektiven. Frankfurt a. M.: Brandes und Apsel, 218–254.

Bambey, Andrea und H.-W. Gumbinger 2006: »Neue Väter – andere Kinder?« Das Vaterbild im Umbruch. Zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und realer Umsetzung, in: Forschung Frankfurt 4, 26–31.

Bambey, Andrea und Hans-Walter Gumbinger 2007a: Väterliches Engagement als Aspekt der Familiengesundheit. Vortrag auf der Fachtagung »Familien auf dem Weg – mehr Gesundheit durch neue Konzepte« am 22. Mai in Hannover. Der Vortrag ist abrufbar:
‹http://www.awo-akademie-hannover.de/Fachtagung_22-05-2007_Gesundheit/dokumentation_der_tagung.htm›

Bambey, Andrea und H.-W. Gumbinger 2007b: Vaterschaft zwischen Norm und Selbstbestimmung, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 4. 1, 92–101.

Bambey, Andrea und H.-W. Gumbinger 2008: Wandel des Leitbildes oder Wandel väterlicher Praxis?, in: José Brunner (Hg.): Mütterliche Macht und väterliche Autorität. Elternbilder im deutschen Diskurs. Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte. Göttingen: Wallstein-Verlag, 309–326.

Bambey, Andrea und H.-W. Gumbinger 2009: Zwischen «traditionellen» und «neuen» Vätern. Zur Vielgestaltigkeit eines Wandlungsprozesses, in: Karin Jurczyk und Andreas Lange (Hg.): Vaterwerden und Vatersein heute. Neue Wege – neue Chancen! Gütersloh: Verlag Bertelsmann-Stiftung, 195–216.