Sozialökonomische Transformation und industrielle Beziehungen in China

Antragstellung: PD Dr. Boy Lüthje

Projektbearbeitung: PD Dr. Boy Lüthje

Förderinstitution: Hans-Böckler-Stiftung

Zeitraum der Förderung: 1. Januar 2008 bis 31. Dezember 2010

Das Projekt untersucht die Veränderungen in den industriellen Beziehungen in China im Kontext der entstandenen kapitalistischen Wirtschaftsstrukturen und der Globalisierung zentraler Wirtschaftssektoren. Für die Schlüsselindustrien Auto, Stahl, Elektronik, Chemie und Bekleidung wird nach Stabilitätsbedingungen und Veränderungsperspektiven in den Produktionsregimes gefragt.

Das Projekt geht von der These aus, dass sich in China ein relativ eigenständiger Typ kapitalistischer Produktionsweise herausbildet. Dieser ist geprägt von der historisch bislang einmaligen, relativ erfolgreichen Transformation eines planwirtschaftlichen in ein kapitalistisches System. In politischer Hinsicht hat das Aufbrechen des realsozialistischen Wirtschafts- und Sozialmodells nicht zu liberaldemokratischen Herrschaftsformen geführt, vorherrschend ist vielmehr eine von Staat und Partei im Namen von Wirtschaftswachstum und Weltmarkterfolg betriebene Entpolitisierung gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen, gerade auch in der Arbeitswelt. Der Transformationsprozess setzt indes kapitalismustypische Sozialkonflikte auf die Tagesordnung, die sich manchmal in heftigen Protesten einzelner Gruppen der Lohnabhängigen äußern und durchgreifende arbeitspolitische Reformen erforderlich machen.

Das Projekt soll wesentliche Einsichten in die industriellen Beziehungen in zentralen Industriebranchen Chinas eröffnen, in denen auch deutsche Unternehmen als Produzenten oder maßgebliche Auftraggeber vertreten sind. Damit soll ein konkreter Beitrag zu der in der internationalen Diskussion stark beachteten Frage der Arbeitsstandards in China und ihrer Regulierung geleistet werden. Ziel der Forschungsarbeiten ist es, Ansatzpunkte einer verbesserten internen Verankerung und Kontrolle von Arbeitsstandards und der dazu notwendigen Veränderungen in Betriebsmanagement, Gewerkschaften und Gesellschaft in China zu identifizieren, insbesondere mit Bezug auf die rasche technologische und organisatorische Entwicklung der industriellen Produktion und die Arbeitsbedingungen in modernen, hochgradig komplexen Betriebs- und Branchenstrukturen.

Für die jeweiligen Branchen sollen repräsentative qualitative Fallstudien in Leitbetrieben durchgeführt werden, in denen die Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen, die Formen der betrieblichen industriellen Beziehungen und deren politische Regulierung auf lokaler und regionaler Ebene zu untersuchen sind. Gefragt werden soll auch nach dem Einfluss neuerer westlicher und japanischer Produktionskonzepte. Auf dieser Basis sollen die Differenzierungen der betrieblichen Arbeitspolitik und die Auswirkungen auf die Entwicklung branchenweiter Arbeitsstandards in den Blick genommen werden, insbesondere bezüglich der Entwicklungsmöglichkeiten tarifvertraglicher Regulierungen in China. Methodisch wird an das industriesoziologische Konzept des Produktionsregimes sowie an zentrale Ansätze aus der neueren Diskussion in China angeknüpft.

Das Projekt wird von einem deutsch-chinesischen Forscherteam durchgeführt. Auf chinesischer Seite ist Prof. Chang Kai (School of Labor Relations and Human Resouces, China Renmin University in Beijing) Projektleiter.

 

Veröffentlichungen

Chen, Weiguang und Boy Lüthje 2011: Trade Unions and Worker Struggles in Guangdong. Chen Weiguang interviewed by Boy Lüthje, in: Global Labour Column 55, 3.

Lüthje, Boy 2010: Belegschaften und Gewerkschaften in China in der Wirtschaftskrise. Tripartis­mus mit vier Parteien?, in: WSI-Mitteilungen 9, 473–479.

Lüthje, Boy 2010: »Sag mir, wo Du stehst« – Lehren aus den Streiks bei Autozulieferern in Südchina, in: Express 12.

Lüthje, Boy 2011: Auto Worker Strikes in China: What Did They Win?, in: Labor Notes.  | mehr …

Lüthje, Boy 2011: Which Side are you on? Lessons from the Strikes at Auto Suppliers in South China, in: Asian Labour Update 78, 15–20.

Lüthje, Boy 2012: China. Woran scheitert der Umbau des Wachstumsmodells?, in: Gegenblende. Das gewerkschaftliche Debattenmagazin 13.

Lüthje, Boy 2013: Why is there no Fordism in China: Regimes of Accumulation and Indus­trial Reorganization in Chinese Manurfacturing Industries. IfS Working paper 2. Submitted for publication to: Socio Eco­nomic Review.

Lüthje, Boy 2013: Corporatism with Chinese Characteristics? Regimes of Production in German Transnationals in China, in: Anita Chan (Hg.): Chinese Labor in Comparative Perspec­tive. Ithaca, NY: ILR Press.

Lüthje, Boy 2013: Labor Relations, Regimes of Production, and Labor Conflicts in the Chinese Automotive Sector, in: International Labour Review.

Luo, Siqi 2011: Collective Contract, but no Collective Bargaining, in: Christoph Scherrer (Hg.): China’s Labor Question. München und Mering: Hampp, 49–69.

Luo, Siqi 2013: Collective Bargaining and Changing Industrial Relations in China. Lessons from the U. S. and Germany. Frankfurt a. M.: Peter Lang.


English Version