Subjektivierung von Arbeit und Human Resource Management

Prof. Dr. Wilhelm Schumm, Dr. Uwe Vormbusch, Dipl. Soz. Peter Kels

Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

2004 bis 2008

Wir erleben einen tiefgreifenden Status- und Funktionswandel menschlicher Arbeit im Rahmen eines verstärkt durch Wissen, Innovation und die Organisation von Projekten bestimmten Kapitalismus. Vor allem solche Unternehmen, deren Wettbewerbsfähigkeit sich in hohem Maße auf wissensbasierte Arbeit gründet, entdecken die subjektiven Potentiale ihrer Mitarbeiter neu. Im Streit um Marktanteile gilt das »Humankapital« dem Management als eine wettbewerbsrelevante Ressource, die zugleich entfaltet und geformt werden soll. Dass Arbeit in der so genannten Standortdebatte als reiner Kostenfaktor denunziert wird, steht in scharfem Widerspruch zu dieser neuen Wertschätzung des menschlichen Arbeitsvermögens. Letztere dient nicht allein der vordergründigen Legitimation manageriellen Handelns. Die Neubewertung der schwer greifbaren, personengebundenen Kompetenzen ist vielmehr auf veränderte funktionale Anforderungen in der Arbeit zurückzuführen.

Das Projekt konzentriert sich auf die Ambivalenzen und Widersprüche, die sich für die Beschäftigten aus der gleichzeitigen Auf- und Verwertung ihrer Kompetenzen, aus erweiterten Handlungsspielräumen und entgrenzten Anforderungen in der Arbeit ergeben. Die Führung von Menschen und die Entwicklung des menschlichen Arbeitsvermögens sind wichtige Aufgaben für solche Unternehmen, die ihr Kapital im Wissen, den Fähigkeiten und der Motivation ihrer Beschäftigten sehen. Dementsprechend bildet einen Schwerpunkt des Projekts das in Großbetrieben etablierte Human Resource Management (HRM), welches anhand von Fallstudien zur Produktions- und Dienstleistungsarbeit untersucht wird. Das Human Resource Management zielt auf die Vermittlung derjenigen individuellen Handlungsfähigkeiten und -motive, die für die betriebliche Dezentralisierung und Vermarktlichung die Voraussetzung bilden. Es agiert damit als eine zentrale betriebliche Instanz im Feld der »Subjektivierung von Arbeit«. Dieser dauerhafte, betriebsförmig organisierte Prozess der Veränderung subjektiver Fähigkeiten und Handlungsmotive kann nicht im Sinne einer ungebrochenen Formung beziehungsweise Subsumtion des Arbeitsvermögens interpretiert werden. Das Projekt geht stattdessen davon aus, dass Personalentwicklung und Weiterbildung als neue Rationalisierungsarenen zu verstehen sind und die betrieblichen Anforderungen hier auf eine empirisch unterschiedlich ausgeprägte Bereitschaft der Beschäftigten treffen, bislang unerschlossene Momente ihrer Persönlichkeit im Rahmen ökonomischer Imperative zu nutzen und nutzen zu lassen. Dieses Verhältnis von Selbst- und Fremdformung im Spannungsfeld subjektiver Ansprüche und betriebsfunktionaler Anforderungen wird mittels Intensivinterviews und Gruppendiskussionen analysiert.

Der Erfolg der betrieblichen Weiterbildung und Personalentwicklung soll in den Unternehmen zunehmend mithilfe des Bildungscontrollings beurteilt werden. Auch wenn die Möglichkeiten einer quantifizierten und eindeutigen Zurechnung von Bildungserfolgen auf Kompetenzen, Leistung und Wertschöpfung umstritten sind, so scheint das Bildungscontrolling als neue Denkhaltung und als Legitimitätsgrundlage des Human Resource Management doch an Einfluss zu gewinnen. Erste Konsequenz dieser Entwicklungen ist eine in neuer Klarheit argumentierende selektive Personalpolitik, welche nicht sehr feinfühlig, aber zielsicher zwischen »high potentials« und »dead wood« unterscheidet. Begründet wird dies mit den zukünftigen Wertbeiträgen, die sich das Unternehmen durch Nutzung des individuell verschiedenen Humankapitals aneignen könne. Die einen sollen mit »goldenen Handschellen« an das Unternehmen gekettet werden, die anderen zählen zur wachsenden flexiblen Randbelegschaft. Die skizzierten Verschiebungen der Wertigkeit des menschlichen Arbeitsvermögens bewegen sich zwischen dem zunehmenden Subjektivitätsbedarf der Ökonomie und einer neuen Stufe der Ökonomisierung des Humanen. In welcher Weise eine der Idee nach systematische Kalkulation des Wertbeitrages des einzelnen Beschäftigten Rückwirkungen auf Ziele und Organisation der Personalentwicklung, auf Status und Wertigkeit verschiedener Beschäftigtengruppen, und schließlich auf die Subjektivierung von Arbeit hat, diese Fragen sollen am Institut für Sozialforschung in den kommenden Jahren untersucht werden.