Transnationale Fertigungsnetze im informationstechnischen Industriesektor. Arbeitspolitische Implikationen eines neuen Modells industrieller Produktion in den USA und Europa

Prof. Dr. Wilhelm Schumm, Dr. Boy Lüthje, Dipl.-Soz. Martina Sproll

Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

1. Oktober 1999 bis 31. März 2001

Das seit Oktober 1999 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Schwerpunktes »Regulierung und Restrukturierung der Arbeit in den Spannungsfeldern von Globalisierung und Dezentralisierung« finanzierte Projekt beschäftigt sich mit den Veränderungen von Produktion, Arbeitsorganisation und Arbeitspolitik in der Fertigung von Computern, Datennetzwerk- und Telekommunikationsgeräten.

Während die technologie- und gesellschaftspolitischen Implikationen der »mikrolelektronischen Revolution« breites wissenschaftliches und politisches Interesse finden, sind die Arbeitsbeziehungen innerhalb des informationstechnischen (IT-) Industriesektors wenig analysiert. Die neuere industrie- und techniksoziologische Forschung in Deutschland hat sich auf die neuen Arbeitsformen im Bereich der »technischen Intelligenz« konzentriert (so auch das inzwischen abgeschlossene Institutsprojekt »Innovationsmuster in der Softwareindustrie«). Die Entwicklung der Produktionsarbeit im IT-Sektor wurde kaum systematisch untersucht – allenfalls im Zusammenhang mit älteren, von der technischen und industriestrukturellen Entwicklung überholten Arbeiten zur Rationalisierungsforschung in der Elektroindustrie. Damit wurde auch die Lage der fast überall aus »schwachen« Arbeitsmarktgruppen von Frauen, Einwanderern und ethnischen Minderheiten rekrutierten Arbeitskräfte am unteren Ende der »Informationsgesellschaft« wenig beachtet.

Die internationale Forschung verweist indes darauf, daß sich in diesem Sektor auch ein neues Produktionsmodell etabliert hat, dessen Funktionsweise für den globalisierten Kapitalismus des 21. Jahrhunderts in vielerlei Hinsicht stilbildend sein dürfte. Hier geht es nicht allein um eine »Verschlankung« der Produktionsstrukturen einzelner Firmen oder den Aufbau neuer »Zulieferpyramiden« unter der Führung sogenannten »fokaler Unternehmen«, wie etwa aus den einschlägigen Konzepten der Lean Production bekannt. Es findet vielmehr eine Neuformierung der Branchen- und Produktionsbeziehungen statt, die die gesamte Arbeitsteilung innerhalb des Sektors umfasst.

Dieses neue Konkurrenz- und Produktionsmodell, dessen Entstehung sich in den führenden »High-Tech«-Zentren der USA lokalisieren lässt, ist gekennzeichnet durch eine radikale Entkopplung von »Innovation« und »Produktion«. Seine Spitzenakteure – also die weltmarktführenden Großanbieter von Computern und Datenkommunikationssystemen – konzentrieren sich fast ausschließlich auf die Gestaltung kapitalaufwendiger neuer Produktdesigns, die mit hohem Tempo entwickelt und mit harten monopolistischen Praktiken verteidigt werden. Die Produktion wird hingegen weiträumigen Netzen von Montagefirmen überlassen, wofür sich im Englischen die Bezeichnung contract manufacturing (CM) eingebürgert hat.

Anders als etwa in der Automobilindustrie wird aber nicht nur die Lieferung einzelner Komponenten, sondern die komplette Montage von IT-Systemen auf spezialisierte »Zuliefer«-Firmen verlagert, die ihrerseits nicht mit eigenständigen Markennamen in Erscheinung treten. Die IT-Herstellung ähnelt so immer mehr den Produktionsketten von Konsumgüterbranchen wie etwa der Textil- und Bekleidungsindustrie. Global aufgebaute Niedriglohnfertigung mit einem hohen Anteil von ethnisch und/oder geschlechtlich diskriminierten Arbeitskräften wird im IT-Sektor freilich mit technologisch äußerst komplexen Produktionsprozessen verknüpft.

Die zentrale Frage des Forschungsprojektes lautet, wie dieses globale System der »Tarnkappenproduktion« (New York Times) sich durch unterschiedliche ökonomische, soziokulturelle und arbeitspolitische Kontexte hindurch organisiert und reproduziert. Komplexe Wechselbeziehungen von »globalen« und »lokalen« Faktoren lassen sich dabei sowohl bezüglich der Unternehmensorganisation als auch der Arbeitsorganisation und -politik feststellen.

In unternehmensorganisatorischer Hinsicht stellen sich die Fertigungsverbünde der CM-Firmen als transnational integrierte Produktionsketten dar, deren besondere Aufgabe in der Wahrnehmung »marktnaher« Funktionen der Endfertigung liegt. Die CM-Firmen unterhalten ein weltweites Netz von Produktionsstätten, die einem global ausgelegten Wertschöpfungs-Management unterstehen, aber relativ dezentral operieren, um den Besonderheiten lokaler Zuliefernetze und Absatzmärkte gerecht zu werden.

In arbeitsorganisatorischer Hinsicht läßt sich eine starke Standardisierung von Produktionsabläufen und Arbeitsorganisation feststellen (»global supply chain management«), die allerdings unter sehr unterschiedlichen arbeitspolitischen und -kulturellen Voraussetzungen stattfindet. Diese Differenzierungen entstehen nicht nur durch national unterschiedliche Systeme industrieller Beziehungen, sondern auch durch regionalspezifische Arbeitsmarktstrukturen und die darin angelegten ethnischen, geschlechtlichen und sozialen Diskriminierungsformen. Hinzu kommt, daß die CM-Firmen ihre Betriebe oft von ihren Großkunden übernommen haben, und deshalb auch mit dem »Erbe« spezifischer Unternehmenskulturen umzugehen haben.

Bemerkenswert ist nämlich, daß das contract manufacturing keineswegs allein in »Billiglohnländern« Südostasiens, Lateinamerikas oder Osteuropas stattfindet, sondern – jedenfalls im Falle der USA – zu einer Wiederaufwertung metropolitaner Fertigungsstandorte geführt hat. Dies geschieht allerdings auf der Basis recht niedriger Löhne, einer hohen Flexibilität des Arbeitseinsatzes und der extensiven Beschäftigung diskriminierter Arbeitsmarktgruppen.

Wie dieses arbeitssoziologisch noch kaum untersuchte Modell dezentral-globaler Massenfertigung nun in unterschiedlichen Kontexten implementiert wird, soll anhand eines Vergleiches von zwei bis drei wichtigen Produktionsstandorten der IT-Indsutrie in den USA und der Bundesrepublik untersucht werden. Dabei soll gefragt werden

Das Projekt knüpft an eine von der DFG finanzierte im Sommer 1999 abgeschlossene Habilitationsarbeit an, in deren Rahmen während eines einjährigen Forschungsaufenthaltes an der Universität Berkeley die neuen Konkurrenz-, Unternehmens- und Arbeitsstrukturen im IT-Sektor erforscht wurden. In diesem Kontext wurden mit Hilfe umfangreicher Feldstudien im kalifornischen Silicon Valley auch Genese und Struktur des bislang kaum bekannten, aber rasant wachsenden contract manufacturing sowie die damit verbundenen ethnischen, geschlechtlichen und arbeitsmarktpolitischen Segmentierungen systematisch aufgearbeitet

In dem laufenden Projekt sollen die aus dem global-lokalen Charakter der neuen Branche erwachsenden arbeitssoziologischen und -politischen Fragestellungen im Rahmen einer Reihe kleinerer Fallstudien international und regional vergleichend bearbeitet werden. Gestützt auf Interviews mit lokalem Management, auftraggebenden Großfirmen und regionalpolitischen und gewerkschaftlichen Experten sollen jeweils die Funktion der betreffenden lokalen Betriebe im globalen Kontext, die Praktiken von Arbeitskräfteeinsatz und -rekrutierung und deren arbeitsmarktpolitisches Umfeld beleuchtet werden. Besonderes Gewicht soll dabei auf die Erfassung der jeweils vorhandenen ethnisch-sozialen und geschlechtlichen Formen der Arbeitsmarktsegmentierung gelegt werden, die sich für die USA aus der starken Rolle einzelner Minderheiten (Asiaten, Latinos, Schwarze) in den Vergleichsregionen, in Deutschland aus der Frauen- und Immigrantenbeschäftigen ergeben können.

Ausgangspunkt der inzwischen aufgenommenen empirischen Forschungsarbeiten in den USA ist zunächst wieder Silicon Valley, wo die Unternehmenszentralen der meisten untersuchten industriellen Akteure angesiedelt sind. Die arbeitsplatzbezogenen Aspekte der Studie sollen für die USA in Betrieben in den Regionen Austin (Texas) und Raleigh/Durham/Charlotte (North Carolina) untersucht werden, die heute zu den zentralen Standorten der Serienfertigung informationstechnischer Erzeugnisse in den USA zählen. In der Bundesrepublik werden Betriebe an traditionellen Schwerpunkten der IT-Fertigung in den Regionen Stuttgart, München/Augsburg und Paderborn sowie am ostdeutschen IT-Standort Dresden untersucht. Dabei geht es um ehemalige Betriebe amerikanischer IT-Großhersteller, von amerikanischen Unternehmen beauftragte bundesdeutschen Kontraktfertigungsunternehmen, und um die aus dem Umbau eines namhaften deutschen Elektrounternehmens hervorgehenden Kontraktfertigungsstrukturen. Die Fallbeispiele sind darüber hinaus so ausgewählt, dass an den einzelnen Standorten auch die lokalen Operationen einiger führender CM-Unternehmen im Konzernquerschnitt verglichen werden können.

Als ein erprobter »Stützpunkt« für die Forschungsarbeiten in den USA steht das Institute for the Study of Social Change der Universität Berkeley zur Verfügung. Eine Kooperationsbeziehung wird zur Zeit mit dem Center for Global, International, and Regional Studies der Universität Santa Cruz und dem dort geplanten UC Silicon Valley Center entwickelt. In den anderen Regionen bestehen sowohl Kontakte im universitären (u. a. University of Texas, Austin; Duke University, Durham/North Carolina, Morehouse College, Atlanta/Georgia) als auch im außeruniversitären Bereich.

Für das Projekt relevante theoretische Überlegungen wurden unter dem Titel »Vernetzte Produktion« und »post-fordistische« Reproduktion. Theoretische Überlegungen am Beispiel »Silicon Valley« in der Zeitschrift PROKLA (Dezember 1998) publiziert. Erste empirische Hypothesen wurden mit den amerikanischen Kooperationspartnern anlässlich zweier Konferenzen an der Universität Santa Cruz und dem Southern Center for Labor Studies am Morehouse College (Atlanta) diskutiert. In schriftlicher Fassung liegt dazu ein Konferenzbeitrag vor mit dem Titel New Labor Relations in the Information Technology Industry – Where Is the Model? Comparative Perspectives on Silicon Valley and Germany, der demnächst in dem von Prof. Paul Lubeck zu der Tagung in Santa Cruz herausgegebenen Sammelband unter dem Titel Global Networks, Innovation and Development. The Informational Region as a Development Strategy erscheint.

 

Veröffentlichungen

Lüthje, Boy 1998: Vernetzte Produktion und »post-fordistische« Reproduktion. Theoretische Überlegungen am Beispiel »Silicon Valley«, in: PROKLA – Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaften 113, 1–23.

Lüthje, Boy, Wilhelm Schumm und Martina Sproll 2002: Contract Manufacturing: Transnationale Produktion und Industriearbeit in der IT-Branche.Frankfurt a. M. und New York: Campus.

Bericht über das Projekt  | lesen …