Bericht über das Projekt: »Transnationale Fertigungsnetze im informationstechnischen Industriesektor. Arbeitspolitische Implikationen eines neuen Modells industrieller Produktion in den USA und Europa«

29. Oktober 2001

1. Ausgangspunkt und Fragestellung

Der informationstechnische (IT-)Industriesektor gilt als der bedeutendste Wirtschaftszweig fortgeschrittener Industriegesellschaften. Die industrie- und gesellschaftspolitischen Implikationen dieser Entwicklung finden breites wissenschaftliches und politisches Interesse, während Rationalisierungsstrategien und Arbeitsbeziehungen in der Branche bisher nur in wenigen Arbeiten analysiert werden. Dies ist insbesondere deshalb als Forschungslücke anzusehen, weil die IT-Branche in besonders hohem Umfang ihre Produktion in international ausgerichteten Produktionsverbünden organisiert.

Im letzten Jahrzehnt hat sich innerhalb des Sektors auch ein neues Produktionsmodell entwickelt. Das Stichwort hierfür lautet Contract Manufacturing (CM) – also Kontraktfertigung – oder Electronics Manufacturing Services (EMS). Dabei handelt es sich um eine Form der Fremd- oder Auftragsproduktion von IT-Systemen oder IT-Komponenten, bei der ganze Produktionslinien von spezialisierten »Fertigungsdienstleistern« übernommen werden, die im weltweiten Verbund agieren, aber über keinen eigenen Markennamen verfügen. Als spezifische Produktions- und Rationalisierungsform scheint das Contract Manufacturing vor allem deshalb von strategischer Bedeutung, weil es in signifikanter Weise über die unter den Stichworten »Lean Production« oder »Toyotismus« bekannten Strategien systemischer Rationalisierung hinausweist. Die Fertigung von IT-Systemen oder wichtiger Komponenten wird auf spezialisierte Unternehmen mit international verteilten Produktionsnetzwerken verlagert, die umfassende Dienstleistungen der Montage, des fertigungsnahen Designs und der Distribution erbringen.

 

Die neuen Produktionsformen erscheinen im Kontext einer Neuformierung der Branchenstrukturen, die die gesamte Arbeitsteilung innerhalb des Sektors umfasst. Dieses neue Konkurrenz- und Produktionsmodell, das auch mit dem Schlagwort »wintelism« bezeichnet wird, ist in den führenden »High-Tech«-Zentren der USA entstanden. Seine Spitzenakteure konzentrieren sich fast ausschließlich auf die Gestaltung kapitalaufwendiger neuer Produktdesigns, die mit hohem Tempo entwickelt und mit harten monopolistischen Praktiken verteidigt werden. Die Produktion wird hingegen auf die Contract Manufacturer verlagert, die nicht zuletzt durch ihre hochgradige Flexibilität, niedrige Löhne und einen hohen Anteil ethnisch und/oder geschlechtlich diskriminierter Arbeitskräfte gekennzeichnet scheinen.

Die zentrale Frage des Projektes lautete, wie sich dieses globale System der »Tarnkappenproduktion« (New York Times) durch unterschiedliche ökonomische, soziokulturelle und arbeitspolitische Kontexte hindurch organisiert und reproduziert. Komplexe Wechselbeziehungen von »Standardisierung« und »Dezentralisierung« ergeben sich sowohl für die Unternehmensorganisation als auch für Arbeitsorganisation und -politik. In unternehmensorganisatorischer Hinsicht besteht ein Spannungsverhältnis zwischen der angestrebten Schaffung transnational integrierter Produktionsketten einerseits und der proklamierten geographischen Nähe zu den Auftraggebern und deren zentralen Märkten. In arbeitsorganisatorischer Hinsicht stellt sich das Problem, wie die Standardisierung von Produktionsabläufen und Arbeitsorganisation mit den sehr unterschiedlichen arbeitspolitischen und -kulturellen Voraussetzungen in den einzelnen Betrieben und Standortregionen vermittelt wird.

Wie dieses Modell dezentral-globaler Massenfertigung in unterschiedlichen Kontexten implementiert wird, wurde anhand eines Vergleichs relevanter Standorte in den USA und der Bundesrepublik untersucht. Gefragt wurde

Unsere Feldforschungen wurden dabei in starkem Maße vom kaum erwarteten Tempo und Ausmaß der betrachteten Umbrüche bestimmt. Während der Laufzeit des Projektes nahm die Zahl der von den großen CM übernommenen Betriebe stark zu, das Umsatz- und Beschäftigungsvolumen der führenden Firmen wuchs in diesem Zeitraum in Größenordnungen von 50 bis 100 Prozent. In Deutschland wurden ab Ende 1999 mehrere Großbetriebe bekannter IT-Konzerne an Kontraktfertiger verkauft. Dies versetzte uns in die Lage, diese Übergangsprozesse im unmittelbaren Verlauf zu verfolgen. Die ursprünglich ausgewählten Fallstudien wurden deshalb um die entsprechenden Fälle ergänzt. Als ein wesentliches Ergebnis unserer Feldforschungen lässt sich vor diesem Hintergrund festhalten, dass die Strukturen der Produktions- und Arbeitsorganisation in der CM-Branche sich sehr viel differenzierter entwickelten als in unserem Forschungsdesign vermutet.

Wichtigste Erhebungsinstrumente in den Fallstudien waren Betriebsbegehungen und Experteninterviews. In den USA wurden fünf und in Deutschland sieben Betriebe besucht. Interviewt wurden Betriebsleitungen und verantwortliche Manager und Techniker aus den Bereichen Human Resources, Produktions- und Qualitätsmanagement, Belegschaftsvertretungen (soweit vorhanden) und ausserbetriebliche Experten in Wissenschaft, Marktforschungsfirmen, Gewerkschaften und Kommunalpolitik. Insgesamt wurden etwa 60 Einzel- oder Gruppengespräche mit betrieblichen Experten geführt. Hinzu kamen Recherchen zu relevanten empirischen Daten in Bibliotheken und Archiven an den untersuchten Standorten und die intensive Auswertung von Fachpresse und Branchenstudien.

2. Veränderte Strukturen der Branchen- und Unternehmensorganisation

Der zentrale Befund des Projekts lautet, dass sich die Kontraktfertigung als eine im globalen Maßstab relevante neue Produktionsform in der IT-Industrie stabilisiert hat. Diese Entwicklung markiert in der Tat einen tiefgreifenden Bruch mit der traditionellen Organisation der Produktion im vertikal integrierten, nach Geschäftsfeldern differenzierten und hierarchisch strukturierten Konzern, die bis Beginn der achtziger Jahre auch für die in hohem Maße wissenschaftsbasierte Elektronikbranche kennzeichnend war.

Es handelt sich um eine neue branchenspezifische Produktionsform, deren zentrales Charakteristikum eine Desintegration von Produktinnovation und Fertigungsprozess ist. Ausgangs- und Bezugspunkt der Segmentierung der Prozessketten in der IT-Industrie war die Verselbständigung der Entwicklung strategischer Hard- und Softwarekomponenten und die Entstehung einer monopolartigen Position von Unternehmen, die neue marktbeherrschende Technologienormen etablieren können. Das Stichwort hierfür lautet »wintelisms« (Borrus und Zysman). Intel als führender Hersteller von Mikroprozessoren und Microsoft als das Unternehmen, das die globalen Standards für Betriebssysteme dominiert, bilden wesentliche Eckpunkte für die »Horizontalisierung« der Arbeitsteilung in der IT-Industrie, die weit über den Rahmen der von den beiden Unternehmen beherrschten Märkte für Personal Computer hinausgeht. Verbunden mit den aus der Spezialisierung resultierenden verkürzten Innovationszeiten und entsprechend beschleunigten Marktzyklen sind sie in der Lage, mit der Konzentration auf Systemstandards den übrigen Branchensegmenten wesentliche Bedingungen der Adaption zu setzen und sie dadurch von ihnen abhängig zu machen.

Mit der Segmentierung der IT-Branche war ein Prozess des zunehmenden outsourcing der Montage von Baugruppen beziehungsweise kompletter Geräte und Systeme verbunden, durch den standardisierte Produktionsprozesse mit hoher Kapitalbindung ausgelagert wurden. Die konjunkturbedingte krisenhafte Entwicklung großer Elektronikkonzerne in den achtziger Jahren, die offenen Organisationsformen der im kalifornischen Silicon Valley neu entstehenden High-Tech-Unternehmen und die Internationalisierung der Produktion auch in dieser Branche erleichterten die Etablierung der Kontraktfertigung. Mit ihr wird sichtbar, dass innovationsabhängige Strategien der Marktbeherrschung, die im Extremfall von »fabriklosen« Unternehmen angewendet werden, zunehmend an die Stelle von produktions- und montageorientierten Strategien treten.

Das neue Segment des Contract Manufacturing übernimmt dabei die Komplettfertigung wesentlicher Systemkomponenten eines Elektronikprodukts, die häufig die Endmontage einschließt. Über Leiterplattenbestückung und Montage als Kernkompetenzen hinaus kommen in wachsendem Umfang produktnahes Engineering, Prüftätigkeiten, Qualitätskontrolle, Logistik, Versand und Service hinzu. Charakteristisch ist weiterhin, dass für die Produktion ausschließlich Standardkomponenten externer Zulieferer verwendet werden. Contract Manufacturing lässt sich daher als ein weitgehend standardisiertes Modell von Baugruppen- und Systemmontage in Betrieben verstehen, die im Rahmen einer internationalen Strategie verteilt sind. Es handelt sich um eine hochgradig flexibilisierte Massenproduktion mit einer Kombination aus hochautomatisierten Bereichen und erheblichen Anteilen manueller Tätigkeiten in der Montage in einer nach den Prinzipien der lean production eingerichteten Arbeitsorganisation.

Art und Umfang der Fertigung in den neuen Konzernen des Contract Manufacturing wird in erheblichem Maße von der outsourcing-Politik der Markenhersteller (Original Equipment Manufacturer – OEM) beeinflusst. Es handelt sich in der Regel um »bilaterale« Vertragsbeziehungen mit meist mehreren Markenherstellern, aus denen vielfältige wechselseitige faktische Abhängigkeiten resultieren. Zu den wesentlichen Elementen der Koordination und Integration gehören insbesondere Abnahmegarantien für die Produktion für die erste Zeit nach der Übernahme, Integration von Produktionsplanung, -steuerung und Qualitätskontrolle und Verknüpfungen der Zulieferbeziehungen.

Der Projektbericht zeichnet die Entwicklung der Kontraktfertigung in den USA und Deutschland in den letzten Jahren nach. Insbesondere wird die Frage beantwortet, welche Rolle die CM als rasch wachsende transnationale Produktionsunternehmen bei der Koordination von Produktion, Zuliefer- und Abnehmerbeziehungen übernehmen und welchen Einfluss sie in den verschiedenen Segmenten der Waren- beziehungsweise Wertschöpfungskette ausüben. Als vorherrschender Trend lässt sich eine netzwerkartige internationale Verteilung der Produktion in Verbindung mit einer zentralen Steuerung dieser Wertschöpfungsketten feststellen, der von den big five des Contract Manufacturing, den Firmen Solectron, Flextronics, SCI, Celestica und Jabil Circuits vorangetrieben wird. Neben diesen Großunternehmen gibt es allerdings eine Reihe von kleineren Anbietern, die Dienstleistungen der Elektronikfertigung für spezifische nationale oder regionale Märkte anbieten.

Die Entwicklung der neuen Produktionsstrukturen ist Ergebnis sowohl eigener strategischer Entscheidungen als auch von Veränderungen in der outsourcing-Politik großer Elektronikkonzerne. Das Zusammenspiel dieser Politik und der Geschäftspolitik der Kontraktfertiger spiegelt sich insbesondere in einer bestimmten transnationalen Verteilung der Betriebe, die an die jeweiligen besonderen regionalen Produktionsbedingungen angepasst werden. In diesem Prozess bildet sich auf Konzernebene ein jeweils spezifisches Verhältnis von tendenziell standardisierten Produkt- und Produktionsnormen und notwendigen Anpassungen an lokal-regionale Bedingungen.

Als ein zentrales, über den bisherigen Stand der Forschung hinausgehendes Ergebnis unserer Arbeit lässt sich dabei die These formulieren, dass sich im Zuge der raschen Expansion des Contract Manufacturing sehr verschiedenartige und differenzierte Formen der Arbeitsteilung zwischen Markenherstellern und Kontraktfertigern gebildet haben. Die in den bisherigen Analysen der Branchenentwicklung im Mittelpunkt stehende Verbindung zwischen »fabriklosen« startup-Unternehmen und ihren »Fertigungspartnern« im CM-Bereich (Saxenian 1994; Sturgeon 1999) ist dabei nur eine Form der Arbeitsteilung. Aus unserer Sicht lassen sich derzeit mindestens fünf wesentliche Konfigurationen unterscheiden:

(a) »Fabrikloses« Unternehmen und »virtuelle Fabrik« mit vollständiger Systemfertigung: Der CM übernimmt in einem solchen Umfeld mehr oder weniger die gesamte Systemfertigung einschließlich Logistik und Auftragsabwicklung. Der OEM ist ein »fabrikloses« Unternehmen ohne oder mit nur minimaler Eigenfertigung. Häufig finden sich integrierte Order- und Produktionsplanungssysteme, die dem Kunden ein nahtloses Netz von OEM und CM suggerieren.

(b) Ausgliederung bestehender Produktlinien und Übernahme der Systemfertigung durch Kontraktfertiger. Dies ist der dominante Kooperationstypus zwischen großen Kontraktfertigern und vertikal integrierten OEM. Geographisch ist diese Form der OEM-CM-Beziehungen auf eher traditionelle Industriestandorte in Nordamerika und Europa konzentriert. Sie entstand in den USA zunächst im Zuge des Verkaufs von Fertigungsbetrieben großer Computer-Hersteller und der Reorganisation dieser Betriebe unter der Regie der CM-Firmen. In Europa war bislang der Verkauf von Großbetrieben der Telekommunikationsproduktion, der Computerfertigung sowie der Industrieelektronik an die CM der Motor dieser Entwicklung. Ähnlich wie im vorstehend geschilderten Kooperationstypus übernehmen die CM zumeist eine komplette Systemfertigung mit Design- und Logistikdienstleistungen. Die Fertigungsbeziehungen werden aber oftmals im Kontext von Übernahmevereinbarungen geregelt, die in den meisten Fällen eine mehr oder weniger fest definierte Auslastungsgarantie des OEM für den betreffenden Betrieb vorsehen.

(c) »Schlanke« Endmonteure mit großvolumiger Fremdproduktion von Schlüsselkomponenten. Die CM übernehmen in diesem Kontext die Montage wesentlicher Systemteile eines Hardwareproduktes, etwa von Motherboards für PC oder Server; die Endmontage des Gerätes (box-building) bleibt aber in der Hand des OEM. Die Kontraktfertiger spielen in diesem Kontext eine eher traditionelle Rolle als Zulieferer von Elektronikbaugruppen, allerdings obliegt ihnen damit oft der technologisch komplexeste Teil der Systemfertigung. Zudem greifen die OEM-Kunden auf die Design- und Logistikkapazitäten der CM zurück und nutzen ihre Ressourcen für weltweit integrierte Fertigungsprozesse. Diese Kooperationsform wird namentlich von den in den achtziger Jahren entstandenen »wintelistischen« Großherstellern der PC-Industrie wie Compaq oder Dell genutzt.

(d) Endmontage durch CM in ausländischen Schlüsselmärkten. Diese Form der Kooperation stellt in gewisser Hinsicht eine Umkehrung des zuvor genannten Modells dar. In diesem Fall übernehmen die CM die Endmontage sowie die Auslieferung von Geräten und Systemen, während die Komponenten und Bauteile von den CM oder darauf spezialisierten Unternehmen geliefert werden. Eine solche Kooperationsform wird namentlich von transnationalen IT-Unternehmen aus den USA genutzt, die wichtige Auslandsmärkte mit lokalen Fertigungspartnern bedienen. In diesem Fall sind die Unternehmen der Endmontage zumeist mittelständische Firmen oder auch Computerhandelsketten mit eigenen Montagekapazitäten.

(e) Die Kooperationen vertikal integrierter OEM aus Asien, insbesondere der keiretsu- und chaebol-Konzerne Japans beziehungsweise Südkoreas, mit transnationalen Kontraktfertigern. Dies ist in unserem Szenario noch ein weitgehend offenes, für die weitere Entwicklung des Contract Manufacturing im globalen Rahmen aber zentrales Feld. Einige neuere Entwicklungen signalisieren hier aber tiefgreifende Veränderungen, die vor allem von japanischen Herstellern der Konsumgüterelektronik wie Sony oder NEC ausgehen.

3. Standardisierung und Dezentralisierung als Regulierungsproblem

Die Ergebnisse bestätigen die These, dass mit dem Contract Manufacturing ein neues Modell der intra-sektoralen Arbeitsteilung entsteht, welches in bedeutender Weise über das Paradigma der Lean Production hinausgeht. Die zunehmende Trennung von Produktinnovation und Fertigungsprozess impliziert auch eine tendenzielle Auflösung der dem so genannten Toyota-Modell entlehnten »Zulieferpyramiden«, die auch von den vertikal integrierten Großunternehmen der Elektronikindustrie in vielfältiger Weise genutzt werden. Die Abkehr der OEM von »montageorientierten« (Borrus und Zysman) Strategien der Marktkontrolle führt in der IT-Industrie zu einer signifikanten Stärkung der »Fertigungsdienstleister«. Deren Rolle geht deutlich über die von Zulieferern oder Submonteuren hinaus, nicht zuletzt wegen der umfangreichen Design- und Logistikkapazitäten der Contract Manufacturer. Anders als etwa die Systemzulieferer der Automobilindustrie haben die CM aber keine Markenprodukte, die sie mit eigenen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten weiterentwickeln.

Das Contract Manufacturing lässt sich somit als eine eigenständige Form »netzwerkförmiger« Produktion verorten. Deren spezifisches Merkmal besteht darin, dass der Prozess der Systemmontage in möglichst umfassender Weise als »Dienstleistung« organisiert wird. Um ein nahtloses, in allen wichtigen Regionen der Triade des Weltmarktes verfügbares one stop shopping-Angebot für die OEM-Kunden bereit zu halten, akquirieren die Contract Manufacturer ein breites Spektrum von Fertigungs- und Designpotentialen, welches neben unterschiedlichen Kapazitäten der System- und Leiterplattenmontage auch Spezialbereiche wie die Entwicklung und die Herstellung von Rohleiterplatten, Chip-Design und die Entwicklung spezialisierter Chip-Sets und Softwarekonzepte auf der Systemebene umfasst. Dies schlägt sich in einer raschen vertikalen Integration der führenden CM-Unternehmen nieder – ein bislang ebenfalls wenig beachtetes Phänomen in der Entwicklung der Branche.

Die Rekonzentration von Fertigungsressourcen im Zuge einer durch Unternehmensaufkäufe und »Mega«-Kontrakte über längerfristige Fertigungspartnerschaften mit namhaften OEM-Unternehmen vorangetriebenen globalen Expansionspolitik charakterisiert die spezifische Entwicklungsdynamik der CM-Branche. Die großen Contract Manufacturer organisieren und koordinieren transnationale Produkt- und Wertschöpfungsketten – das führende Unternehmen der Branche bezeichnet sich deshalb auch als global supply chain facilitator.

Angetrieben wird diese Entwicklung in hohem Maße durch die Finanzmärkte. Die ständigen Aufkäufe neuer Unternehmen werden durch Aktienemissionen unter der Regie führender US-Investmentbanken finanziert. Zugleich ist diese Entwicklung mit hohen ökonomischen Risiken behaftet. Die Contract Manufacturer sind nämlich in besonderer Weise von den stark zyklischen Schwankungen und das für den IT-Sektor notorische Problem industrieller Überkapazitäten betroffen. Im Zuge der gegenwärtigen Wachstumskrise in der Branche hat allein der Branchenführer Solectron die Zahl seiner Arbeitsplätze von weltweit etwa 80 000 auf zurzeit 60 000 reduziert.

Die Regulierung der aus der raschen Expansion und den höchst unterschiedlichen nationalen, regionalen und unternehmenskulturellen Kontexten an den zahlreichen Standorten der Branche entstehenden Heterogenitäten ist das entscheidende Problem der Unternehmensorganisation. Die Contract Manufacturer haben dafür unter verschiedenen Bezeichnungen einige Elemente der Betriebsführung entwickelt, die ein für die Branche charakteristisches Strategiemuster erkennen lassen. Zu den zentralen Instrumenten der Unternehmenspolitik gehören insbesondere die strikte Zentralisierung von Finanz- und Akquisitionsentscheidungen, ein hochentwickeltes Risiko- und Transformationsmanagement für übernommene Betriebe, die Zentralisierung des Komponenteneinkaufs zur Erzeugung von Nachfragemacht auf den Weltmärkten für elektronische Bauelemente, global einheitliche Systeme des Materialflusses und des supply chain management, eine möglichst weitgehende Vereinheitlichung von Produktionsausrüstungen und schließlich die Gestaltung der Betriebe nach einem einheitlichen Design, welches auch die Produktion und ihre Arbeitsvollzüge einschließt.

Die Gestaltung der Arbeitsorganisation nimmt in diesen Strategien eine zentrale Stellung ein. Die einzelnen Betriebe werden nach einheitlich definierten Standards und Praktiken geführt, welche die Identifikation von Management und Belegschaften mit den Zielen einer technologieintensiven Qualitätsproduktion sichern und das Fehlen »eigener« Markenprodukte als Bezugspunkt betrieblichen Qualitäts- und Leistungsdenkens kompensieren sollen. Unternehmensweite Konzepte des Total Quality Management, umfassendes Benchmarking, anreizorientierte Lohn- und Gehaltssysteme, eine teambezogene Arbeitsorganisation mit einer starken Betonung des employee empowerment und eine hochgradige Flexibilisierung der Beschäftigung insbesondere durch Zeit- und Kontraktarbeit sind charakterisierende Elemente dieser Politiken. Deren Rahmen bildet eine auf allen Ebenen durchgehaltene lockere, auf Statussymbole verzichtende und zugleich auf Sparsamkeit ausgerichtete Unternehmenskultur, die eher an junge Unternehmen der Internet-Branche als an traditionelle vertikal integrierte Fertigungsunternehmen erinnert.

4. Arbeitspolitische Umstrukturierungen im internationalen Vergleich

Die empirischen Untersuchungen der betrieblichen Arbeitsorganisation und -politik haben freilich ergeben, dass die innerbetrieblichen Realitäten in den Unternehmen des Contract Manufacturing recht differenziert sind. Die angestrebte Homogenisierung der Produktionsvollzüge so lässt sich der zentrale Befund zusammenfassen – kann auf der Ebene der betrieblichen Arbeitsprozesse nur gebrochen durchgesetzt werden. Dieser in der Literatur bislang ebenfalls wenig berücksichtigte Aspekt ist für das Verständnis der Entwicklungsdynamik des Contract Manufacturing insgesamt sehr bedeutsam.

Die empirischen Erhebungen konzentrierten sich auf zwei Unternehmen des Contract Manufacturing, die sowohl in den USA als auch in Deutschland Werke besitzen. Hinzu kamen zwei mittelständische Contract Manufacturer in Deutschland, die exemplarisch für das Segment der national oder regional orientierten »Nischenanbieter« im Bereich der Electronics Manufacturing Services sind.

In den USA haben wir Fallstudien in 5 Betrieben von unterschiedlicher Größenordnung durchgeführt. Bei einem der Betriebe handelt es sich um die Fertigung für ein »fabrikloses« Unternehmen mit etwa 1 000, bei einem zweiten um ein Produkteinführungszentrum mit etwa 500 Beschäftigten. Die anderen drei sind Großbetriebe mit ca. 1 700, 3 300 beziehungsweise 5 500 Beschäftigten, die von namhaften IT-Unternehmen US-amerikanischer und in einem Fall japanischer Herkunft übernommen wurden und danach stark gewachsen sind.

Alle Betriebe befinden sich außerhalb der traditionellen, an der Ostküste und im Mittleren Westen angesiedelten Zentren der US-amerikanischen Elektronikindustrie, nämlich im kalifornischen Silicon Valley, in Texas, Georgia und North Carolina. Damit liegen diese Betriebe auch weit entfernt von den traditionellen Zentren gewerkschaftlicher Organisation in der US-Elektronikindustrie. Es gibt bislang keinen einzigen Betrieb des CM in den USA, der gewerkschaftlich organisiert ist.

Zu beobachten war ein Abbau von Löhnen und Sozialleistungen in den übernommenen Betrieben. Kennzeichnend für die CM-Betriebe sind Niedriglöhne mit einem hohen Anteil variabler Bestandteile und ein stark flexibilisierter Arbeitseinsatz, der sich in teilweise extrem hohen Anteilen von Zeitarbeitnehmern an den Belegschaften niederschlägt. Dies geht einher mit einer starken Polarisierung der Arbeitsstrukturen zwischen einer großen Masse einfach qualifizierter, segmentierter Tätigkeiten einerseits, und Techniker- und Ingenieursfunktionen andererseits. Vorherrschend sind teamorientierte Formen des Arbeitseinsatzes und der innerbetrieblichen Kommunikation mit relativ »offenen« Hierarchien, allerdings zumeist ohne formalisierte Gruppenstrukturen. Festzustellen ist außerdem eine Rekrutierungsstrategie, die vor allem auf Frauen und ethnische Minderheiten zurückgreift. An einigen Standorten setzen sich die Belegschaften überwiegend aus Frauen asiatischer und lateinamerikanischer Herkunft zusammen.

Die Fallstudien in Deutschland, die in sieben Werken von insgesamt vier Unternehmen durchgeführt wurden, ergeben ein stärker differenziertes Bild. Dies erklärt sich nicht zuletzt dadurch, dass sich das Contract Manufacturing in Europa und besonders in Deutschland erst seit kurzer Zeit etabliert hat und die betrieblichen Transformationsprozesse noch stärker im Fluss sind. Auch ist hier die vertikal integrierte Industrieproduktion traditionellen Zuschnitts noch sehr viel stärker vorherrschend als in den USA. So gibt es in unseren Fallstudien in Deutschland kein Beispiel eines »virtuellen«, »fabriklosen« Unternehmens als Auftraggeber, es gibt auch keine ausgesprochene Großproduktionsstätte des Contract Manufacturing. Es handelt sich eher um spezialisierte Betriebe mittlerer Größe (500–1 500 Beschäftigte), die jedoch wichtige Führungsfunktionen innerhalb der internationalen Produktionsketten einnehmen, insbesondere im Hinblick auf die im Aufbau befindlichen Massenproduktionsstandorte in Osteuropa.

Ein wesentliches Antriebsmoment des Contract Manufacturing in Deutschland war die seit 1998 im Zeichen einer rigorosen Shareholder-Value-Orientierung vorangetriebene Umstrukturierung eines großen nationalen Elektrokonzerns. Im Bereich der IT-Systemfertigung wird hier konsequent auf Kontraktfertigung gesetzt. Drei der Fallbetriebe stammen aus dem Konzernverbund dieses Unternehmens. Ende 1999 wurde die Fertigung von Baugruppen und die Assemblierung von Servercomputern im high end-Bereich an einen amerikanischen CM verkauft, womit der andere, noch im Konzern verbliebene Standort in Süddeutschland, ein zweiter Fallbetrieb, zusätzlich unter Druck geraten ist. Kurz zuvor war ein größeres Fertigungswerk für Telekommunikationsanlagen des Unternehmens an einen deutschen Komponenten- und Auftragsfertiger verkauft worden, der Ambitionen zeigt, sich zu einem CM zu entwickeln.

Drei weitere Fallstudien entstanden in Betrieben, die zu einem seit den 1950er Jahren in Südwestdeutschland ansässigen Computerhersteller aus den USA gehören beziehungsweise gehörten. Im Rahmen eines durchgreifenden Konzernumbaus übernahmen 1995 beziehungsweise 1998 die beiden größten amerikanischen CM die Leiterplattenbestückung und die Leiterplattenfertigung dieses Unternehmens am deutschen Standort. Die damit bis dato verbundene Assemblierung hochwertiger Computersysteme wurde in einem neu gebauten Werk des Konzerns in Eigenfertigung weitergeführt, wenn auch in stark verschlankter und flexibilisierter Form.

Beim letzten der von uns untersuchten Fälle handelt es sich um einen mittelständischen ostdeutschen Betrieb, der aus dem ehemaligen Elektronik-Kombinat der DDR hervorgegangen ist und sich mit der Assemblierung von Computern und Servern für namhafte PC-Anbieter aus den USA und Deutschland auf dem deutschen PC-Markt etablieren konnte.

Als übergreifendes Ergebnis dieser Fallstudien lässt sich festhalten, dass die transnationalen Contract Manufacturer bei ihrem Auftreten in Deutschland eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit an bestehende industrielle Strukturen und Arbeitsbeziehungen entwickeln. In den meisten Fällen gibt es keine massive antigewerkschaftliche Politik, die in den USA zu beobachtenden Niedriglohnbedingungen und die Ethnisierung der Belegschaften sind nicht vorzufinden. Wohl aber kommt es zu einer starken Flexibilisierung von Arbeitszeitregelungen und Beschäftigungsverhältnissen. Der Einsatz von Leiharbeit und befristeten Beschäftigungsverhältnissen erreicht bei Auftragsspitzen auch in den deutschen Standorten Größenordnungen von 50 Prozent oder sogar mehr. Dies betrifft jedoch nicht nur die CM-Betriebe, sondern auch vergleichbare Werke der OEM-Unternehmen.

Deutliche Unterschiede sind auch auf dem Gebiet der Arbeitsorganisation erkennbar. In den meisten deutschen Fallbetrieben findet sich ein wesentlich höherer Facharbeiteranteil als in den USA. Montage, Instandhaltung und Anlagenführung sind deutlich stärker integriert. Das betriebliche Qualitätsmanagement verlässt sich weniger auf die Messung und innerbetriebliche Propagierung von Kundenzufriedenheitsdaten und Defektraten als auf die etablierten formellen oder informellen Kommunikationsformen des betrieblichen Qualitätsmanagements. Auch dort, wo im innerdeutschen Vergleich Niedriglöhne und weitgehend entregulierte Arbeitsbedingungen anzutreffen sind, bestehen noch zahlreiche Kooperationsmechanismen zwischen Management, Belegschaften und Belegschaftsvertretungen.   

Dennoch ist für alle Betriebe in West- und Ostdeutschland eine verstärkte Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen festzustellen. Hierin spiegelt sich auch die relative schwache Position der zuständigen Gewerkschaft, der IG Metall, die trotz Flächentarifvertrag in einigen Betrieben kaum präsent ist. Die Flexibilisierung von Produktions- und Arbeitsverhältnissen findet jedoch auch in traditionell gut organisierten Betrieben statt und mag auch ein Ausdruck der Konzessionsbereitschaft der Betriebsräte sein. Insgesamt lässt die fortbestehende Orientierung der OEMs auf Ausgliederungen und Verkauf von Unternehmensbereichen zunehmenden Druck auf bestehende arbeitspolitische Regelungen und die Flächentarifverträge erwarten.

5. Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Contract Manufacturing sich als eine relevante Form der Produktion und der brancheninternen