Zuschreibung von Verantwortung im Rechtsverständnis

Prof. Dr. Klaus Günther, Dr. Barbara Heitzmann, Dipl.-Soz. Marc-Phillip Nogueira, Valerie Moser M.A. (2004–2006), John Khairi-Taraki

Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

2004 bis 2008

In der modernen politischen Diskussion um Sozial- und Strafrechtsregelungen spielt die Frage, wie und wann einer Person individuell Rechtsverantwortung zugerechnet werden soll, eine zentrale Rolle. Dabei wird stets auch darum gerungen, wie weit der gesellschaftliche Einfluss auf das geforderte Handeln oder Unterlassen zu berücksichtigen ist. Die gegenwärtige Sozialpolitik, die dem Anspruch der »Selbstaktivierung« folgt, steckt jedoch neue Rahmenbedingungen dafür ab, in welchem Maße sich der Einzelne zukünftig eigenverantwortlich gegen soziale Risiken absichern muss, welche Anstrengungen Betroffene zur Überwindung von Arbeitslosigkeit zu unternehmen haben und wann noch gesellschaftliche Fürsorglichkeit erwartet werden kann. Auch die Diskussion über strafrechtliche Veränderungen ist derzeit von der Auseinandersetzung um eine verstärkte Individualisierung von Verantwortung bestimmt. Planungen zu Reformen des Strafrechts sind mehr und mehr nur auf die Sicherheit der Allgemeinheit ausgerichtet, während gleichzeitig der bisherige Anspruch der Rechtsgemeinschaft auf Resozialisierung und Reintegration des Straftäters in den Hintergrund gedrängt wird. Das hat zur Folge, dass im Zentrum allein die Zurechnung strafrechtlicher Schuld an den Täter steht und offen bleibt, welchen Grad an Verantwortung sich die Gesellschaft zukünftig im Umgang mit kriminellem Verhalten selbst zuschreibt. Der Einstellungswechsel hin zur stärkeren Individualisierung von Verantwortung ist umso erstaunlicher, als Intensität und Umfang der gesellschaftlichen Interdependenzen unter den Gesellschaftsmitgliedern im Zuge der kapitalistischen Modernisierung eher zu- als abnehmen. In einem paradoxen Gleichklang nehmen individuelle Gestaltungsspielräume ab, während gleichzeitig die individuelle Verantwortlichkeit für das eigene Leben wächst.

Das Forschungsprojekt Zuschreibung von Verantwortung im Rechtsverständnis untersucht, wie Befragte aus Frankfurt am Main und Leipzig Akteuren in drei vorgegebenen Rechtsfällen Verantwortung zuschreiben. Dabei ist von Interesse, ob und wie sich der oben angedeutete sozial- und rechtspolitische Diskurs in den informellen Rechtsurteilen der Interviewten widerspiegelt. Wird in Folge einer zunehmenden Individualisierung von Verantwortung in vielen gesellschaftlichen Lebensbereichen das Handeln des Einzelnen nicht mehr in seinen sozialen Rahmenbedingungen wahrgenommen und wird eine gesellschaftliche Verantwortung für Kriminalität nicht mehr mit einbezogen? Es wurden 45 qualitative, leitfadengestützte Einzelinterviews mit Frauen und Männern durchgeführt, die sich außer in ihrer Herkunft aus Ost- und Westdeutschland auch darin unterscheiden, dass sie beruflich entweder Führungs- oder Sachverantwortung haben oder als Langzeitarbeitslose über keine Möglichkeiten zu verantwortlichem Handeln im Berufsleben verfügen.

In der Auswertung der Interviews werden die Inhalte von Argumentationen der Befragten interpretiert, um die normativen Grundlagen der Verantwortungszuschreibung entschlüsseln zu können. Methodisch orientiert sich die Untersuchung an der Grounded Theory, wobei Ergebnisse aus der Attributionsforschung als sensibilisierende Konzepte mit einbezogen werden. Diese zeigen, dass sich moralische Urteile über individuelles Handeln meist in einem »Dreiecksverhältnis« bewegen zwischen normativen Kriterien, mit denen die Beobachter das Handeln bestimmten sozialen Regeln zuordnen, und external verorteten Gründen, wie die Bezugnahme auf situative Gegebenheiten und Rollenzwänge sowie internal verorteten Gründen, die auf personale Eigenschaften und in der Person liegende soziale Voraussetzungen des Handelns rekurrieren (Bierbrauer 1978). Mit dem Bezug auf normative Kriterien wird bestimmt, ob ein Normverstoß vorliegt, und wenn ja, welcher. Dagegen richten sich externale wie internale Urteilsgründe auf die Berücksichtigung des sozialen Kontextes des Handelns und die dispositionalen Voraussetzungen, die der Akteur zum Handeln hat (Kelly 1967; Jones und Nisbet 1972; Shaver 1985; Augoustinos 2006). Die drei Rechtsfälle, die den Befragten zur Beurteilung vorlagen, waren so gehalten, dass die Akteure zweifelsfrei gegen Recht verstoßen hatten. Infolgedessen geht es in der Auswertung der Interviews darum zu analysieren, wie die Befragten den Grad an Verantwortung ausloten, den sie den Akteuren zuschreiben wollen. In ihrer Zielsetzung lassen sich deshalb die Fallbeurteilungen unterscheiden in solche, die für eine uneingeschränkt individualisierende Verantwortungszuschreibung plädieren und solche, die eine teilweise Entlastung der Akteure von einer Verantwortungszuschreibung begründen. Die Argumentationen der Befragten werden mit Hilfe des paradigmatischen Modells der Grounded Theory in Argumentationsmustern zusammengefasst und nach Kriterien der Verantwortungszuschreibung kategorisiert. Die Kriterien der Verantwortungszuschreibung werden unterschieden nach Gründen, die auf rechtliche und außerrechtliche Norm- und Wertvorstellungen rekurrieren, nach externalen Gründen, die das Handeln der Akteure in den jeweiligen Fallgeschehen mit Bezug auf die Handlungssituation, die -folgen und -alternativen einschätzen sowie nach internalen Gründen, die die personalen und sozialen Voraussetzungen des Handelns der Akteure in das Urteil einbeziehen. Neben der Entschlüsselung solcher ›Verantwortungskonzeptionen‹, mit denen die Befragten das Verhalten der Akteure beurteilen, werden die Stellungnahmen auch darauf hin interpretiert, von welchen ›Personenkonzepten der Verantwortung‹ sich die Befragten in den Fallurteilen leiten lassen.

Die Projektarbeit geht inzwischen in das dritte Bearbeitungsjahr. Dieses hat hauptsächlich zum Ziel, außer der weiteren Ausdifferenzierung der bisher ermittelten normativen Grundlagen in der Verantwortungszuschreibung auch die biographisch-sozialen Grundlagen zu erfassen, auf die sich die Befragten in ihrem Urteil stützen. Dazu ist ein weiterer interpretativer Zugriff notwendig, weil es hier nicht um die Sicht der Befragten auf die Akteure in den Fallbeispielen geht, sondern um die Personenmerkmale und subjektiven Bezüge der Interviewten selbst, um ihre spezifischen Verantwortungs- und Alltagserfahrungen, Identifikationen mit den Rechtsfällen etc. Erst der Zusammenschluss der Ergebnisse aus den beiden Forschungsschwerpunkten am Ende der Projektbearbeitung wird Aufschluss darüber geben, welche Kriterien den Befragten auf Grundlage normativer Präferenzen und subjektiver Erfahrungen sowie objektiver Lebenslagen für die Zuschreibung von Rechtsverantwortung gerechtfertigt erscheinen.

Die Projektergebnisse sollen ein empirisches Fundament für eine bereits in Entwicklung begriffene und später detaillierter auszuarbeitende normative Theorie liefern, die Kriterien für eine gerechtfertigte Verteilung von Verantwortung in der Gesellschaft begründen soll.

 

Veröffentlichungen

Günther, Klaus 2002: Zwischen Ermächtigung und Disziplinierung. Verantwortung im gegenwärtigen Kapitalismus, in: Axel Honneth (Hg.): Befreiung aus der Mündigkeit: Paradoxien des gegenwärtigen Kapitalismus. Frankfurt a. M.: Campus, 117–139.

Günther, Klaus 2005: Schuld und kommunikative Freiheit: Studien zur personalen Zurechnung strafbaren Unrechts im demokratischen Rechtsstaat. Frankfurt a. M.: Klostermann.

Günther, Klaus 2006: Aufgaben- und Zurechnungsverantwortung, in: Ludger Heidbrink und Alfred Hirsch (Hg.): Verantwortung in der Zivilgesellschaft: Zur Konjunktur eines widersprüchlichen Prinzips. Frankfurt a. M. und New York, 295–330.

Heitzmann, Barbara 2002: Rechtsbewusstsein in der Demokratie. Schwangerschaftsabbruch und Rechtsverständnis. Wiesbaden: VS Verlag.

Heitzmann, Barbara 2004: Die neue Eigenverantwortung. Jüngste Tendenzen in Managementkonzepten, Sozial- und Rechtspolitik, in: Kursbuch 157, 68–77.