Transnationale Fertigungsnetze im informationstechnischen Industriesektor.
Arbeitspolitische Implikationen eines neuen Modells industrieller
Produktion in den USA und Europa
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Projektgruppe: Prof. Dr. Wilhelm
Schumm, Dr. Boy Lüthje,
Dipl.-Soz. Martina Sproll
Thema - Fragestellung - Methode
Das seit Oktober 1999 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen
des Schwerpunktes "Regulierung und Restrukturierung der Arbeit
in den Spannungsfeldern von Globalisierung und Dezentralisierung"
finanzierte Projekt beschäftigt sich mit den Veränderungen von Produktion,
Arbeitsorganisation und Arbeitspolitik in der Fertigung von Computern,
Datennetzwerk- und Telekommunikationsgeräten.
Während die technologie- und gesellschaftspolitischen Implikationen
der "mikrolelektronischen Revolution" breites wissenschaftliches
und politisches Interesse finden, sind die Arbeitsbeziehungen innerhalb
des informationstechnischen (IT-) Industriesektors wenig analysiert.
Die neuere industrie- und techniksoziologische Forschung in Deutschland
hat sich auf die neuen Arbeitsformen im Bereich der "technischen
Intelligenz" konzentriert (so auch das inzwischen abgeschlossene
Institutsprojekt "Innovationsmuster in der Softwareindustrie").
Die Entwicklung der Produktionsarbeit im IT-Sektor wurde kaum systematisch
untersucht - allenfalls im Zusammenhang mit älteren, von der technischen
und industriestrukturellen Entwicklung überholten Arbeiten zur Rationalisierungsforschung
in der Elektroindustrie. Damit wurde auch die Lage der fast überall
aus "schwachen" Arbeitsmarktgruppen von Frauen, Einwanderern
und ethnischen Minderheiten rekrutierten Arbeitskräfte am unteren Ende
der "Informationsgesellschaft" wenig beachtet.
Die internationale Forschung verweist indes darauf, daß sich in diesem
Sektor auch ein neues Produktionsmodell etabliert hat, dessen Funktionsweise
für den globalisierten Kapitalismus des 21. Jahrhunderts in vielerlei
Hinsicht stilbildend sein dürfte. Hier geht es nicht allein um eine
"Verschlankung" der Produktionsstrukturen einzelner Firmen
oder den Aufbau neuer "Zulieferpyramiden" unter der Führung
sog. "fokaler Unternehmen", wie etwa aus den einschlägigen
Konzepten der Lean Production bekannt. Es findet vielmehr eine
Neuformierung der Branchen- und Produktionsbeziehungen statt, die die
gesamte Arbeitsteilung innerhalb des Sektors umfasst.
Dieses neue Konkurrenz- und Produktionsmodell, dessen Entstehung sich
in den führenden "High-Tech"-Zentren der USA lokalisieren
lässt, ist gekennzeichnet durch eine radikale Entkopplung von "Innovation"
und "Produktion". Seine Spitzenakteure - also die weltmarktführenden
Großanbieter von Computern und Datenkommunikationssystemen - konzentrieren
sich fast ausschließlich auf die Gestaltung kapitalaufwendiger neuer
Produktdesigns, die mit hohem Tempo entwickelt und mit harten monopolistischen
Praktiken verteidigt werden. Die Produktion wird hingegen weiträumigen
Netzen von Montagefirmen überlassen, wofür sich im Englischen die Bezeichnung
contract manufacturing (CM) eingebürgert hat.
Anders als etwa in der Automobilindustrie wird aber nicht nur die Lieferung
einzelner Komponenten, sondern die komplette Montage von IT-Systemen
auf spezialisierte "Zuliefer"-Firmen verlagert, die ihrerseits
nicht mit eigenständigen Markennamen in Erscheinung treten. Die IT-Herstellung
ähnelt so immer mehr den Produktionsketten von Konsumgüterbranchen wie
etwa der Textil- und Bekleidungsindustrie. Global aufgebaute Niedriglohnfertigung
mit einem hohen Anteil von ethnisch und/oder geschlechtlich diskriminierten
Arbeitskräften wird im IT-Sektor freilich mit technologisch äußerst
komplexen Produktionsprozessen verknüpft.
Die zentrale Frage des Forschungsprojektes lautet, wie dieses globale
System der "Tarnkappenproduktion" (New York Times) sich durch
unterschiedliche ökonomische, soziokulturelle und arbeitspolitische
Kontexte hindurch organisiert und reproduziert. Komplexe Wechselbeziehungen
von "globalen" und "lokalen" Faktoren lassen sich
dabei sowohl bezüglich der Unternehmensorganisation als auch der Arbeitsorganisation
und -politik feststellen.
In unternehmensorganisatorischer Hinsicht stellen sich die Fertigungsverbünde
der CM-Firmen als transnational integrierte Produktionsketten dar, deren
besondere Aufgabe in der Wahrnehmung "marktnaher" Funktionen
der Endfertigung liegt. Die CM-Firmen unterhalten ein weltweites Netz
von Produktionsstätten, die einem global ausgelegten Wertschöpfungs-Management
unterstehen, aber relativ dezentral operieren, um den Besonderheiten
lokaler Zuliefernetze und Absatzmärkte gerecht zu werden.
In arbeitsorganisatorischer Hinsicht läßt sich eine starke Standardisierung
von Produktionsabläufen und Arbeitsorganisation feststellen ("global
supply chain management"), die allerdings unter sehr unterschiedlichen
arbeitspolitischen und -kulturellen Voraussetzungen stattfindet. Diese
Differenzierungen entstehen nicht nur durch national unterschiedliche
Systeme industrieller Beziehungen, sondern auch durch regionalspezifische
Arbeitsmarktstrukturen und die darin angelegten ethnischen, geschlechtlichen
und sozialen Diskriminierungsformen. Hinzu kommt, daß die CM-Firmen
ihre Betriebe oft von ihren Großkunden übernommen haben, und deshalb
auch mit dem "Erbe" spezifischer Unternehmenskulturen umzugehen
haben.
Bemerkenswert ist nämlich, daß das contract manufacturing keineswegs
allein in "Billiglohnländern" Südostasiens, Lateinamerikas
oder Osteuropas stattfindet, sondern - jedenfalls im Falle der USA -
zu einer Wiederaufwertung metropolitaner Fertigungsstandorte geführt
hat. Dies geschieht allerdings auf der Basis recht niedriger Löhne,
einer hohen Flexibilität des Arbeitseinsatzes und der extensiven Beschäftigung
diskriminierter Arbeitsmarktgruppen.
Wie dieses arbeitssoziologisch noch kaum untersuchte Modell dezentral-globaler
Massenfertigung nun in unterschiedlichen Kontexten implementiert wird,
soll anhand eines Vergleiches von zwei bis drei wichtigen Produktionsstandorten
der IT-Indsutrie in den USA und der Bundesrepublik untersucht werden.
Dabei soll gefragt werden
- ob sich mit der globalen Verbreitung des contract manufacturing
auch in Deutschland und Europa jene Formel "Hochtechnologieproduktion
zu Niedriglohnbedingungen" durchsetzen kann, die für seine amerikanische
Variante prägend ist;
- welches die betriebs- und arbeitsorganisatorischen Implikationen
der zunehmenden Entkopplung der "Spitzen" der Wertschöpfungsketten
von ihrem "unteren Ende" sind;
- welche Rolle arbeitsmarktpolitische Diskriminierungen gegen Immigranten,
Minderheiten und Frauen in der globalen Standortpolitik der CM-Firmen
spielen und wie diese bei der lokalen Implementation der neuen Produktionsformen
genutzt werden;
- welche arbeitspolitischen Ansatzpunkte zu einer Gestaltung dieser
Veränderungen erkennbar sind?
Das Projekt knüpft an eine von der DFG finanzierte im Sommer 1999 abgeschlossene
Habilitationsarbeit an, in deren Rahmen während eines einjährigen Forschungsaufenthaltes
an der Universität Berkeley die neuen Konkurrenz-, Unternehmens- und
Arbeitsstrukturen im IT-Sektor erforscht wurden. In diesem Kontext wurden
mit Hilfe umfangreicher Feldstudien im kalifornischen Silicon Valley
auch Genese und Struktur des bislang kaum bekannten, aber rasant wachsenden
contract manufacturing sowie die damit verbundenen ethnischen,
geschlechtlichen und arbeitsmarktpolitischen Segmentierungen systematisch
aufgearbeitet
In dem laufenden Projekt sollen die aus dem global-lokalen Charakter
der neuen Branche erwachsenden arbeitssoziologischen und -politischen
Fragestellungen im Rahmen einer Reihe kleinerer Fallstudien international
und regional vergleichend bearbeitet werden. Gestützt auf Interviews
mit lokalem Management, auftraggebenden Großfirmen und regionalpolitischen
und gewerkschaftlichen Experten sollen jeweils die Funktion der betreffenden
lokalen Betriebe im globalen Kontext, die Praktiken von Arbeitskräfteeinsatz
und -rekrutierung und deren arbeitsmarktpolitisches Umfeld beleuchtet
werden. Besonderes Gewicht soll dabei auf die Erfassung der jeweils
vorhandenen ethnisch-sozialen und geschlechtlichen Formen der Arbeitsmarktsegmentierung
gelegt werden, die sich für die USA aus der starken Rolle einzelner
Minderheiten (Asiaten, Latinos, Schwarze) in den Vergleichsregionen,
in Deutschland aus der Frauen- und Immigrantenbeschäftigen ergeben können.
Ausgangspunkt der inzwischen aufgenommenen empirischen Forschungsarbeiten
in den USA ist zunächst wieder Silicon Valley, wo die Unternehmenszentralen
der meisten untersuchten industriellen Akteure angesiedelt sind. Die
arbeitsplatzbezogenen Aspekte der Studie sollen für die USA in Betrieben
in den Regionen Austin (Texas) und Raleigh/Durham/Charlotte (North Carolina)
untersucht werden, die heute zu den zentralen Standorten der Serienfertigung
informationstechnischer Erzeugnisse in den USA zählen. In der Bundesrepublik
werden Betriebe an traditionellen Schwerpunkten der IT-Fertigung in
den Regionen Stuttgart, München/Augsburg und Paderborn sowie am ostdeutschen
IT-Standort Dresden untersucht. Dabei geht es um ehemalige Betriebe
amerikanischer IT-Großhersteller, von amerikanischen Unternehmen beauftragte
bundesdeutschen Kontraktfertigungsunternehmen, und um die aus dem Umbau
eines namhaften deutschen Elektrounternehmens hervorgehenden Kontraktfertigungsstrukturen.
Die Fallbeispiele sind darüber hinaus so ausgewählt, dass an den einzelnen
Standorten auch die lokalen Operationen einiger führender CM-Unternehmen
im Konzernquerschnitt verglichen werden können.
Als ein erprobter "Stützpunkt" für die Forschungsarbeiten
in den USA steht das Institute for the Study of Social Change
der Universität Berkeley zur Verfügung. Eine Kooperationsbeziehung wird
zur Zeit mit dem Center for Global, International, and Regional Studies
der Universität Santa Cruz und dem dort geplanten UC Silicon Valley
Center entwickelt. In den anderen Regionen bestehen sowohl Kontakte
im universitären (u.a. University of Texas, Austin; Duke University,
Durham/North Carolina, Morehouse College, Atlanta/Georgia) als auch
im außeruniversitären Bereich.
Für das Projekt relevante theoretische Überlegungen wurden unter dem
Titel "Vernetzte Produktion" und "post-fordistische"
Reproduktion - Theoretische Überlegungen am Beispiel "Silicon Valley"
in der Zeitschrift PROKLA (Dezember 1998) publiziert. Erste empirische
Hypothesen wurden mit den amerikanischen Kooperationspartnern anlässlich
zweier Konferenzen an der Universität Santa Cruz und dem Southern Center
for Labor Studies am Morehouse College (Atlanta) diskutiert. In schriftlicher
Fassung liegt dazu ein Konferenzbeitrag vor mit dem Titel New Labor
Relations in the Information Technology Industry - Where Is the Model?
Comparative Perspectives on Silicon Valley and Germany, der demnächst
in dem von Prof. Paul Lubeck zu der Tagung in Santa Cruz herausgegebenen
Sammelband unter dem Titel Global Networks, Innovation and Development
- The Informational Region as a Development Strategy erscheint.
Stand der Projektarbeit
Das Projekt ist abgeschlossen.
Lüthje/Schumm/Sproll (2002): Contract
Manufacturing: Transnationale Produktion und Industriearbeit in der
IT-Branche. Frankfurt/New York: Campus
Bericht über das Projekt
English version
INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG an der
Johann Wolfgang Goethe-Universität
Senckenberganlage 26 60325 Frankfurt am Main Telefon:
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