Genetische Diagnostik in der Risikogesellschaft
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Dr. Thomas Lemke
Thema - Fragestellung - Methode
Trotz der weit reichenden technischen Möglichkeiten der genetischer
Diagnostik befindet sich die öffentliche Auseinandersetzung um
ihre möglichen sozialen Folgen und ethischen Implikationen noch
am Anfang. Im Mittelpunkt dieser Debatte steht die Angst vor einer Neuauflage
oder einer Rückkehr eugenischer Praktiken. In der Regel wird dabei
das gesellschaftspolitische Potenzial der genetischen Diagnostik im
Wiederaufleben eines genetischen Determinismus bzw. in einer "Genetifizierung"
der Gesellschaft gesehen.
Demgegenüber geht dieses Forschungsprojekt von der These aus, dass
die möglichen diskriminierenden bzw. selegierenden Effekte gendiagnostischer
Verfahren sich weniger in Begriffen eines genetischen Determinismus
beschreiben lassen; vielmehr besteht ihre soziale Bedeutung vor allem
in der Eröffnung von Interventionsräumen und der Entwicklung
von Strategien zur Vermeidung oder Minimierung von Risiken. Es ist erst
diese "relative Offenheit" eines Risikodispositivs, die im
humangenetischen Diskurs den Appell an Autonomie und Eigenverantwortung
ermöglicht: Statt kollektives Schicksal zu sein, werden die Gene
heute immer mehr unter der Perspektive individueller Potenziale betrachtet,
sie sind weniger Bestandteil einer biologischen Vererbung als Element
von sozialen Strategien, die auf eine Optimierung des persönlichen
Humankapitals und der subjektiven "Lebensqualität" zielen.
Die häufig in der Kritik unterstellte Passivität der Subjekte
ist daher ebenso zu hinterfragen wie das Postulat eindeutiger kausaler
Bedingungsverhältnisse bzw. die Annahme eines unabwendbaren "genetischen
Schicksals". Im Gegenteil: Auch und gerade genetische Risiken werden
zum Gegenstand von Handlungsoptionen und Entscheidungszumutungen gemacht,
sie sind weniger passiv hinzunehmen, sondern sollen über die Einwirkungen
auf Lebensstil, Gesundheitsverhalten, Ernährungsgewohnheiten etc.
aktiv gesteuert werden.
Dieser These wird anhand einer materialen Untersuchung der sozialen
und institutionellen Konsequenzen des Einsatzes von Gentests vornehmlich
im Versicherungswesen nachgegangen. Durch die Auswertung einschlägiger
Literatur und Experteninterviews soll insbesondere geklärt werden,
inwieweit sich aus dem Einsatz gendiagnostischer Verfahren im Versicherungswesen
die Gefahr genetischer Diskriminierung ergibt und sich Konturen einer
"genetischen Verantwortung" abzeichnen.
Theoretisch knüpft die Untersuchung an das Konzept der Gouvernementalität
von Michel Foucault an. Ziel des Forschungsprojekts ist es, dessen möglichen
Beitrag zu einer theoretischen Präzisierung und empirischen Konkretisierung
risikosoziologischer Problemstellungen zu überprüfen.
Stand der Projektarbeit
Die Projektarbeit wurde am 1. April 2002 aufgenommen. Am 1. April 2004
begann eine neue Projektphase, in deren Zentrum das Problem genetischer
Diskriminierung steht. In der öffentlichen Diskussion der genetischen
Diagnostik und ihrer sozialen Folgen spielt die Frage einer möglichen
Benachteiligung und Stigmatisierung der Betroffenen eine zentrale Rolle.
Anders als in anderen Ländern gibt es in Deutschland jedoch bislang
keine empirischen Studien zu Formen genetischer Diskriminierung. Daher
ist völlig offen, wie häufig Menschen hierzulande aufgrund
ihrer genetischen Eigenschaften diskriminiert werden.
Mit diesem von der DFG finanzierten Forschungsprojekt soll ein Beitrag
geleistet werden, diese offensichtliche Forschungslücke zu schließen.
Sie soll Hinweise darauf geben, inwieweit sich Praktiken genetischer
Diskriminierung institutionell verfestigt haben, welche Form diese annehmen
und welche gesellschaftlichen Felder betroffen sind. Um die Eigenart
von Diskriminierungspraktiken zu erfassen, die sich auf genetische Merkmale
stützen, ist es notwendig, eine möglichst trennscharfe Unterscheidung
zwischen genetischen und nicht-genetischen Formen der Diskriminierung
vorzunehmen. Aus forschungspraktischen Erwägungen empfiehlt es
sich daher, Betroffene von Krankheiten zu befragen, die folgenden Kriterien
genügen: (1) die genetische Basis der Krankheit sollte bekannt
und unzweifelhaft sein; (2) die Diskriminierung gegen eventuell von
diesen Krankheiten betroffene Individuen dürfte eher auf genetische
Faktoren denn auf physische Symptome zurückzuführen sein.
Diese Kriterien treffen auf die Huntington-Krankheit zu. Die Untersuchung
konzentriert sich auf Betroffene dieser Krankheit, der eine exemplarische
Bedeutung für die Einschätzung der sozialen Folgen prädiktiver
Genanalysen zukommt (vgl. Lemke 2004). Zu Beginn der Untersuchung wurden
über die entsprechende Selbsthilfegruppe - die Deutsche Huntington-Hilfe
- Fragebögen zusammen mit einer Kurzvorstellung des Forschungsprojekts
und dessen Zielsetzung an die Mitglieder verschickt. Dabei wurde zunächst
nach eventuell vorliegenden genetischen Diagnosen (Testergebnissen)
gefragt werden, um Auskunft über den Risikostatus der befragten
Person zu erhalten. Der größere Teil des Fragenkatalogs ist
dem Problem genetischer Diskriminierung gewidmet: Wurden die Betroffenen
aufgrund des genetischen (Risiko-)Status benachteiligt, missachtet oder
ungleich behandelt? Gab es Erfahrungen von Diskriminierung bei Versicherungskontakten,
in der Arbeitswelt, mit Adoptionsbehörden, im Bildungsbereich,
bei medizinischen oder sozialen Leistungen, innerhalb von Religionsgemeinschaften,
im Wohnumfeld oder in anderen Bereichen? Anvisiert ist jedoch keine
systematische Erhebung, sondern eine explorative Sammlung von Fallgeschichten,
welche die Grundlage für eine erste Einschätzung der quantitativen
Bedeutung und der spezifischen Formen genetischer Diskriminierung in
Deutschland bietet.
Bisherige Veröffentlichungen (Auswahl)
Veranlagung und Verantwortung. Genetische Diagnostik zwischen Selbstbestimmung
und Schicksal, Bielefeld: transcript Verlag 2004.
"Die Gene der Frau. Humangenetik als Arena der Geschlechterpolitik",
in: Feministische Studien, 22. Jahrgang, Nr. 1, 2004, S. 22-38.
"Molekulare Medizin? Anmerkungen zur Ausweitung und Redefinition
des Konzepts der genetischen Krankheit", in: Prokla. Zeitschrift
für kritische Sozialwissenschaft, 33. Jg., Nr. 3. 2003, S. 471-492.
"Disposition and determinism - genetic diagnostics in risk society",
in: The Sociological Review, Vol. 52, 2004, S. 550-566.
Für weitere Informationen siehe: www.thomaslemkeweb.de
INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG an der
Johann Wolfgang Goethe-Universität
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