Humanitarismus und die Krise der Staatenwelt
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Projektgruppe: PD Dr. Volker
Heins, Goran Duric
Thema - Fragestellung - Methode
Die inzwischen weitverzweigte Globalisierungsforschung hat das Bild
einer relativen Gewichtsverlagerung von der "Staatenwelt"
hin zur "Gesellschaftswelt" und ihren Akteuren gezeichnet,
ohne dabei die Desintegrationserscheinungen innerhalb der Staatenwelt
selbst angemessen zu berücksichtigen. Das Projekt wird einen Beitrag
zur Schließung dieser Forschungslücke leisten und die Konsequenzen untersuchen,
die die Erosion von Staatlichkeit in Teilen der Welt für Anforderungen
an das Handeln von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren in den
stabilen Weltzonen hat. Zu den Konsequenzen der Erosion von Staatlichkeit
in einigen Regionen außerhalb der OECD-Welt gehören eskalierende humanitäre
Krisen, die häufig massive grenzüberschreitende Flüchtlingsbewegungen,
weltweite moralische Anteilnahme und damit einen global wirksamen Handlungsdruck
auslösen. Dieser Handlungsdruck hat in den vergangenen zehn Jahren zu
einem verstärkten Einsatz von Ressourcen mit dem Ziel der Rückgewinnung
politischer Stabilität und des Schutzes der Menschenrechte geführt.
Zu beobachten sind dabei zum einen weitgehend enthierarchisierte transnationale
Kooperationsformen zwischen Staaten und humanitären Nichtregierungsorganisationen,
zum anderen aber auch eine dezidierte Re-Hierarchisierung der Beziehung
zwischen den stabilen und instabilen Teilen der Staatenwelt (Stichworte
"humanitarian warfare", "recolonization").
Wir orientieren uns an der Leithypothese, dass die globale Modernisierung
ein paradoxaler Prozess ist, in dem zivilisierende und entzivilisierende
Potenziale zugleich und als Resultate eines und desselben Prozesses
gesteigert werden. Am Beispiel von Ex-Jugoslawien und Westafrika werden
(1) die Prozesse untersucht, die sich aus dem partiellen oder vollständigen
Scheitern von Staaten für den Binnenkonsens und die Funktionsweise von
humanitären und Menschenrechtsorganisationen ergeben ("Politisierung").
Im Anschluss daran sollen (2) die Einflussmuster zwischen diesen Organisationen
auf der einen Seite und staatlichen bzw. internationalen Institutionen
auf der anderen Seite erforscht werden. Wir vermuten, dass humanitäre
Organisationen neue Formen der Synergie von Staaten und Gesellschaften
anregen. Angesichts wachsender Instabilität und Unregierbarkeit in Teilen
der Staatenwelt, deren Konsequenzen für die bis heute stabilen Weltzonen
umstritten sind, richten sich die Untersuchungen auf den Beitrag, den
alte und neue humanitäre Organisationen für die globale Stabilisierung
prekärer Staatsbildungsprozesse und die erfolgreiche Institutionalisierung
einer grenzüberschreitenden Politik der Menschenrechte leisten.
In methodischer Hinsicht orientiert sich das Vorhaben an Ansätzen der
Internationalen Beziehungen ("global governance", "critical
security studies"), der empirischen Moralforschung sowie jüngeren
Arbeiten aus der international vergleichenden politischen Soziologie
zur Synergie von Staat und Gesellschaft, die auf emergente globale Strukturen
angewendet werden.
INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG an der
Johann Wolfgang Goethe-Universität
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