'Leistung' in der Marktgesellschaft: Erosion eines Deutungsmusters? |
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Projektgruppe: Prof. Dr. Sighard
Neckel, Kai Dröge, M.A.,
Irene Somm lic.phil., Veronika
Schmid
Thema - Fragestellung - Methode
Als Verteilungsmodus sozialer Wertschätzung und als Gerechtigkeitsnorm
stellt das Leistungsprinzip ein wesentliches Element der sozialen Integration
moderner Gesellschaften dar. Kapitalistische Arbeitsgesellschaften beanspruchten
denn auch stets, soziale Ränge nach dem Prinzip der "Leistungsgerechtigkeit"
zu verteilen. Gegenwärtig deutet sich jedoch in dieser Hinsicht ein
grundlegender Wandel an: In Zeiten, in denen einerseits viele Sozialgruppen
kaum Chancen auf den Arbeitsmärkten haben und andererseits die höchsten
wirtschaftlichen Erträge jenseits von Arbeit und Gütererzeugung erlangt
werden, scheinen nicht allein "Leistungen" über den sozialen
Rang zu entscheiden, sondern zunehmend "Erfolge" auf den unwägbaren
Gelegenheitsmärkten von Finanzspekulationen, Kulturindustrie und medialer
Prominenz. Zeitdiagnostisch lässt sich das Projekt von der Hypothese
leiten, dass die Transformation moderner Sozialordnungen in "Marktgesellschaften"
in dem Maße mit einer Erosion des Leistungsprinzips einher geht, wie
die Imperative ökonomischer Rentabilität heute nicht Leistungsbeiträge,
sondern Markterfolge prämieren. Soziale Wertschätzung gründet dann nicht
primär in der Anerkennung von Leistungsdifferenzen, sondern in der Distinktionskraft
von Geld und Prestige.
Die Absicht des Forschungsprojektes ist es, zu überprüfen, ob und in
welcher Weise die zunehmende Unverträglichkeit der faktischen Status-
und Einkommensverteilung mit den Normen des Leistungsprinzips einen
Niederschlag im gesellschaftlichen Bewusstsein findet. Im Zentrum des
Projektes steht daher die Frage, welche soziale Geltung das Leistungsprinzip
als normatives Rechtfertigungskriterium der Statusordnung heute tatsächlich
hat. Verbrauchen sich meritokratische Deutungsmuster sozialer Ungleichheit
oder werden gesellschaftliche Leistungsbegriffe den verwandelten Realitäten
einer Marktgesellschaft nur angepasst? Werden Leistungsbegriffe in kritischer
Absicht den Prozessen der "Vermarktlichung" entgegengehalten
oder werden sie infolge der marktgesellschaftlichen Ökonomie dem Alltagsbewusstsein
obsolet? Sollte die Hypothese von der Erosion des Leistungsprinzips
im gesellschaftlichen Bewusstsein bestätigt werden, stellt sich die
Frage, ob die Statusverteilung damit eine grundlegende Delegitimierung
erfährt oder ob neuartige Deutungs- und Rechtfertigungsmuster sozialer
Ungleichheit jenseits von Leistungsbezügen erkennbar werden, die der
Ordnung sozialer Anerkennung ein verwandeltes normatives Fundament zu
geben versuchen.
Methodisch wird die zentrale Untersuchungsfrage nach dem gegenwärtigen
Status von Leistungsbegriffen im gesellschaftlichen Bewusstsein mit
rekonstruktiv-hermeneutischen Verfahren operationalisiert, die in der
Lage sind, Sinngehalte und Argumentationsmuster zum Leistungsprinzip
zu entschlüsseln. Mittels der Kombination von Gruppendiskussionen, Szenariotechniken
und Einzelinterviews sollen die aktuellen Wahrnehmungen und Bewertungen
sozialer Ungleichheit bei Repräsentanten ausgewählter Sozialgruppen
erhoben und verstehend rekonstruiert werden. Ziel ist es, zu einer Typologie
von Argumentationen zu gelangen, die Auskunft darüber geben kann, welche
Deutungs- und Legitimationsmuster sozialer Ungleichheit heute in verschiedenen
sozialen Gruppen kollektiv konsensfähig sind.
Veröffentlichungen
Rückkehr der Leistungsfrage. Leistung in Arbeit, Unternehmen und Gesellschaft, hg. von Kai Dröge, Kira Marrs und Wolfgang Menz,
Berlin: Edition Sigma, 2008.
Sighard Neckel: Die Millionenfürsten. Managergehälter und Leistungsprinzip, in: Süddeutsche Zeitung, 18. Dezember 2007, S. 14.
Kai Dröge: "Leistung aus Leidenschaft" oder das Regime des Marktes? in: Forschung Frankfurt, Nr. 3/2007, S. 10-15.
Kai Dröge: "Jetzt lob’ mich doch endlich mal!" Subjektivierte Arbeit und
die Fallstricke ihrer Anerkennung, in: Christine Wimbauer / Annette
Henninger / Markus Gottwald (Hrsg.): Die Gesellschaft als "institutionalisierte Anerkennungsordnung". Anerkennung und Ungleichheit
in Paarbeziehungen, Arbeitsorganisationen und Sozialstaat. Opladen 2007:
Barbara Budrich, S. 97-117.
http://www.budrich-verlag.de/pages/details.php?ID=212
Kai Dröge: Gruppenexperiment, in: Axel Honneth/Institut für Sozialforschung (Hrsg.) : Schlüsseltexte der kritischen Theorie, Wiesbaden 2006: VS-Verlag, S. 259 - 263.
Kai Dröge / Irene Somm 2005: Spurlose Leistung. Langsicht im flexiblen
Kapitalismus, in: bios, Jg. 18 (2005), H. 2: 215 - 235.
Kai Dröge / Sighard Neckel / Irene Somm: Das Leistungsprinzip als
Deutungsressource. Zur Rekonstruktion von gesellschaftlichem
Bewertungswissen, in: Ralf Bohnsack / Aglaja Przyborski / Burkhard Schäffer
(Hrsg.): Das Gruppendiskussionsverfahren in der Forschungspraxis, Opladen
2005: Verlag Barbara Budrich, S. 203 - 215.
Sighard Neckel / Kai Dröge / Irene Somm: Das umkämpfte Leistungsprinzip. Deutungskonflikte um die Legitimationen sozialer Ungleichheit, in:
WSI-Mitteilungen. Monatszeitschrift des Wirtschafts- und
Sozialwissenschaftlichen Instituts in der Hans-Böckler-Stiftung, 58. Jg.
(2005), Nr. 7, S. 368-374.
Kai Dröge: Leistung lohnt sich für die meisten erst
in 400 Jahren, in: Frankfurter Rundschau vom 16. Oktober 2004, S. 7
Sighard Neckel: Erfolg, in: Ulrich Bröckling / Susanne Krasmann
/ Thomas Lemke (Hrsg.): Glossar der Gegenwart. Frankfurt am Main 2004:
Suhrkamp, S. 63 70.
Kai Dröge
/ Irene Somm: Wenn Leistung nicht mehr lohnt, Interview
in der Zeitschrift IT-Magazin der IG-Metall, Heft 1/2004,
März 2004.
Sighard Neckel / Kai Dröge / Irene Somm: Welche Leistung, welche
Leistungsgerechtigkeit? Soziologische Konzepte, normative Fragen und
einige empirische Befunde, in: Peter A. Berger / Volker H. Schmidt (Hrsg.):
Welche Gleichheit, welche Ungleichheit? Grundlagen der Ungleichheitsforschung,
Wiesbaden 2004: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 137164.
Kai Dröge / Irene Somm: Lohnt sich Leistung noch?,
Bericht und Interview in der Zeitschrift Psychologie Heute,
Heft 2/2004, Februar 2004.
Kai Dröge: Wissen - Ethos - Markt. Professionelles Handeln und
das Leistungsprinzip, in: Harald Mieg / Michaela Pfadenhauer (Hrsg.):
Professionelle Leistung Professional Performance. Positionen
zur Professionssoziologie, Konstanz 2003: UVK, S. 249 - 266.
Sighard Neckel / Kai Dröge: Die Verdienste und ihr Preis: Leistung
in der Marktgesellschaft, in: Axel Honneth (Hrsg.): Befreiung
aus der Mündigkeit. Paradoxien des gegenwärtigen Kapitalismus,
Frankfurt/New York 2002: Campus, S. 93 - 116.
Sighard Neckel: Ehrgeiz, Reputation und Bewährung. Zur Theoriegeschichte
einer Soziologie des Erfolgs, in: Günter Burkart / Jürgen
Wolf (Hrsg.): Lebenszeiten. Erkundungen zur Soziologie der Generationen,
Opladen 2002: Leske & Budrich: 103 - 117.
Sighard Neckel: "Leistung" und "Erfolg". Die symbolische
Ordnung der Marktgesellschaft, in: Eva Barlösius / Hans-Peter Müller
/ Steffen Sigmund (Hrsg.): Gesellschaftsbilder im Umbruch. Soziologische
Perspektiven in Deutschland, Opladen 2001: Leske & Budrich, S. 245
- 265.
Sighard Neckel: Blanker Neid, blinde Wut? Sozialstruktur und kollektive
Gefühle, in: Leviathan, 27. Jg. (1999), Nr. 2, S. 145 165.
INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG an der
Johann Wolfgang Goethe-Universität
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