Neue Väter - andere Kinder? Vaterschaft, familiale Triade und Sozialisation

Projektverantwortung:  Prof. Dr. Axel Honneth, PD Dr. Martin Dornes

Projektbearbeitung: Dipl. Soz. H.-W. Gumbinger, Dipl. Soz. Andrea Bambey

Thema - Fragestellung - Methode

Die Vaterschaft unterliegt einem gesellschaftlichen Wandel, der die patriarchalen Familienstrukturen erodiert, der Aushandlungsprozesse über veränderte Rollenverständnisse erzwingt, der neue Identitätskonzepte notwendig macht und in die intime Kommunikationsstruktur der Familie eingreift. Die These des Forschungsprojektes ist es, dass dieser gesellschaftlich bedingte Umbildungsprozess zu einer wechselseitigen Neubestimmung der sozialen Positionen innerhalb der Familie zwingt, die mit einer gewandelten Vaterschaft die familiale Sozialisationsfunktion überhaupt neu zu definieren scheint. Was Väterlichkeit und Mütterlichkeit in der Sozialisation ausmacht, ob dies an die Leiblichkeit der Personen oder an die traditionelle Familienstruktur gebunden ist, wird zunehmend fraglich. Mit diesem Wandel wird die zentrale Konstellation familialer Sozialisation, die familiale Triade Vater-Mutter-Kind, deren Verinnerlichung das innere Grundmuster der Sozialität darstellt, gewissermaßen neu konfiguriert. Unser Forschungsprojekt untersucht, welche sozialisatorischen Wirkungen sich aus diesen Veränderungsprozessen ergeben: hat eine veränderte Vaterrolle und die daraus sich ergebende Neukonfiguration der familialen Triade Auswirkungen auf die Autonomieentwicklung des Kindes?

In einem ersten Schritt des Forschungsprojektes ging es darum, angesichts der Spannung zwischen "neuen" Rollenerwartungen einerseits und teilweise persistierender traditioneller Aufgabenteilung in den Familien und Partnerschaften andererseits, konkrete Ausgestaltungsformen von Vaterschaft in Form von statistisch ermittelten Vatertypen zu untersuchen, um so das Spektrum heutiger Vaterschaft genauer in den Blick nehmen zu können. Dazu wurde ein Fragebogen mit der Zielsetzung konzipiert, vielschichtige Aspekte von Vaterschaft zu erheben. Neben der Haltung zu traditionellen Rollenklischees sollten vorrangig die emotionale Kompetenz und Einfühlung in Bezug auf das Kind, die Einschätzung der Qualität der Partnerschaft, das familiale Engagement und die Positionierung im familialen Gefüge, die Sicherheit in der väterlichen Rolle und die Einstellung zur Herkunftsfamilie auf der Grundlage entsprechender Skalen erfragt werden.

Auf der Basis der Fragerbogenerhebung konnten mit Hilfe einer Clusteranalyse sechs prägnante Vatertypen voneinander unterschieden werden. Im Anschluss an diese Typenbildung wurden Interviews mit Elternpaaren und deren Kindern durchgeführt, um den ermittelten Vatertypen zusätzliche inhaltliche Kontur zu verleihen und differenzierte Erkenntnisse bezüglich der jeweiligen familialen Konstellationen zu gewinnen. Zielsetzung des Elterninterviews war dabei die Vertiefung von Themenkomplexen wie: das Selbstverständnis der Familie aus der Perspektive beider Eltern; das je individuelle Erleben von Elternschaft und die jeweilige Beziehung zum Kind; die Bedeutung der Herkunftsfamilie für die eigene Elternschaft; die Einschätzung der Paarbeziehung; die heutigen normativen Erwartungen an Elternschaft und insbesondere Vaterschaft.

Ein ergänzendes Interview mit dem Kind bestand aus einem leitfadenorientierten Gesprächsteil und der Durchführung des Schwarzfuß-Tests, einem projektiven Testverfahren, das auf der Stimulierung beispielsweise unbewusster Wünsche, aggressiver Impulse oder Schuldgefühlen basiert. Wir konzentrierten uns dabei auf folgende Themenkomplexe: Beziehung zu den Eltern und Position in der familialen Triade; Autonomie und Autonomiekonflikte; Gerechtigkeitsvorstellungen sowie Vorstellungen zur eigenen Persönlichkeit (Ich-Ideal, abgelehnte Persönlichkeitsanteile, Umgang mit Affekten).

Der Fragebogen wurde ausschließlich an Väter von Grundschulkindern an 50 Schulen in Frankfurt und angrenzenden Städten und Kreisen verteilt. Es konnte ein auswertbarer Rücklauf von 1524 Fragebögen erreicht werden.

 

Veröffentlichungen Auswahl

Bambey, A., Das Geschlechterverhältnis als Anerkennungsstruktur. Zum Problem der Geschlechterdifferenz in feministischen Theorien, Studientexte zur Sozialwissenschaft, Sonderband 5, Frankfurt 1991

Bambey, A., Literaturbesprechung Flaake, K. und King, V. (Hg.), Weibliche Adoleszenz. Zur Sozialisation junger Frauen, Frankfurt New York 1992, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Heft 3/1992, S. 603-604

Bambey, A., Gumbinger, H.-W., Trieb versus Objektbeziehung. Subjekttheoretische Implikationen feministischer Bildungstheorie, in: Grubauer, F., Ritsert, J., Scherr A., Vogel, M. R. (Hg.), Subjektivität - Bildung - Reproduktion, Weinheim 1992, S. 176-212

Dornes, M., Der kompetente Säugling, Frankfurt am Main 1993

Gumbinger, H.-W., Die Anerkennung beschädigter Subjektivität. Kritische Anmerkungen zu Axel Honneths Theorie der Anerkennung, in: H. Brentel (Hg.) Gegensätze: Elemente kritischer Theorie. Festschrift für Jürgen Ritsert, Frankfurt 1996a, S. 125-141

Gumbinger, H.-W., Axel Honneths Begriff der Anerkennung: Ein Grundbegriff der Reflexion normativer Probleme der Sozialen Arbeit?, in: Widersprüche, Heft 61, 1996b, S. 117-148

Gumbinger, H.-W., Die Bedeutung der Elternarbeit im Zusammenhang mit Überlegungen zum Konzept der Triangulierung, in: Arbeitshefte Kinderpsychoanalyse, Heft 27/1999, S. 107-132

Dornes , M., Die emotionale Welt des Kindes, Frankfurt am Main 2000

Bambey, A., Gumbinger, H.-W., Der randständige Vater - Sozialwissenschaftliche Erkundungen einer prekären Familienkonstellation, in: Dammasch, F., Metzger, H.-G. (Hg.), Die Bedeutung des Vaters. Psychoanalytische Perspektiven, Frankfurt 2006

Bambey, A., Gumbinger, H.-W., »Neue Väter - andere Kinder?« Das Vaterbild im Umbruch - Zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und realer Umsetzung, in: Forschung Frankfurt 4/2006, S. 26-31

Andrea Bambey und Hans-Walter Gumbinger, Väterliches Engagement als
Aspekt der Familiengesundheit. Vortrag auf der Fachtagung »Familien auf
dem Weg - mehr Gesundheit durch neue Konzepte« am 22. Mai 2007 in
Hannover. Der Vortrag ist abrufbar:
http://www.awo-akademie-hannover.de/Fachtagung_22-05-2007_Gesundheit/dokumentation_der_tagung.htm

Gumbinger, H.-W. und Andrea Bambey, Vaterschaft zwischen Norm und Selbstbestimmung, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 4, Heft 1/2007, S. 92-101

Bambey, Andrea und H.-W. Gumbinger, Wandel des Leitbildes oder Wandel väterlicher Praxis?, in: Brunner, J. (Hg.): Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte XXXVI, Mütterliche Macht und väterliche Autorität. Elternbilder im deutschen Diskurs, Göttingen 2008.

Gumbinger, H.-W. und Andrea Bambey, Zwischen „traditionellen“ und „neuen“ Vätern. Zur Vielgestaltigkeit eines Wandlungsprozesses, in: Jurczyk, K., Lange, A. (Hg.): Vaterwerden und Vatersein heute. Neue Wege – neue Chancen! Gütersloh 2009


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