Aneignungsformen, Nutzungstaktiken und exklusive Strategien
in privatisierten Räumen der Öffentlichkeit
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Dissertationsprojekt: Ellen
Bareis
Thema - Fragestellung - Methode
Ausgangspunkt meines Forschungsvorhabens ist die derzeitige Restrukturierung
des Städtischen, die mit einer zunehmenden Privatisierung öffentlicher
Räume einher geht. Bislang liegen zu diesem Phänomen vor allem Arbeiten
vor, die dessen strukturellen Ursachen und politisch-gesellschaftlichen
Auswirkungen untersuchen. Im Zentrum der Untersuchungen stehen entweder
die im Kontext der Krise des Fordismus stattfindende Dynamisierung und
Globalisierung der Ökonomie oder die Kontoverse darum, ob diese Entwicklung
als Gefahr der kulturellen Verödung und Homogenisierung und dem Verlust
von Öffentlichkeit und Urbanität zu sehen ist oder eine postmoderne
Errungenschaft im Sinne einer Erlebnisgesellschaft darstellt. Dabei
gibt es kaum Arbeiten, die sich aus einer herrschaftskritischen oder
-theoretischen Perspektive mit den Konsequenzen für die Subjektkonstitution
und mit der Mikroebene des individuellen und kollektiven Handelns befassen.
Auch Forschungen, wie die neu entstehenden Räume - jenseits oder innerhalb
den von den Planungsgremien intendierten Funktionen - genutzt und wahrgenommen
werden, fehlen - abgesehen von den im Auftrag der Betreiber durchgeführten
Meinungsumfragen und Studien - weitgehend.
An diesem Punkt setzt mein Dissertationsvorhaben an: Ausgehend von
der Bedeutung des Raums in Macht- und Herrschaftsverhältnissen und den
damit verbundenen sozialen Kämpfen um Räume möchte ich zwei Thesen verfolgen:
1. Im Prozess der Privatisierung verschwindet "Öffentlichkeit"
nicht schlicht. Vielmehr entstehen neue soziale Räume, in denen sich
sowohl Öffentlichkeit wie auch Privatheit durch Normierungs-, Normalisierungs-
und Ausschließungsprozesse neu herstellen. Diese Verschiebung verweist
somit auf neue Regulationsmodi räumlicher und politischer Herrschaft.
2. Die Konstruktion wie Nutzung privat-öffentlicher Räume setzt zugleich
spezifische Wissensformen und Subjektivierungsprozesse voraus und bringt
sie hervor. Ähnlich Ansätzen aus der Industriesoziologie, die die zunehmend
geforderte Fähigkeit der Subjekte zur Selbstregulierung unter Stichworten
wie Arbeitskraftunternehmer analysieren und kritisieren gehe ich davon
aus, dass sich die Grenzziehungen zwischen Arbeit/Freizeit, Öffentlichkeit/Privatheit
auch bezogen auf den städtischen Raum und den Konsum verschieben. Konsum
spielt in diesem Kontext eine bedeutende Rolle. Dieser erhielt mit der
fordistischen Form der Vergesellschaftung nicht nur auf ökonomischer,
sondern auch auf Subjektebene eine zentrale Funktion, in der Konstitution
und Selbstlegitimation des Individuums. Als Signifikant sozialer Positionen
gewinnt er in postfordistischen oder neoliberalen Gesellschaften sicher
an Relevanz. Wie einige feministische Arbeiten zur Etablierung von Kauf-
oder Warenhäusern gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeigen, lässt sich
Konsum zugleich als eine Form von Öffentlichkeit bzw. die Zugänglichkeit
von privaten Konsumräumen als Pforte zur städtischen Öffentlichkeit
begreifen.
Im empirischen Teil meiner Arbeit untersuche ich zunächst anhand von
Selbstdarstellungen und architektonischen Repräsentationen, mit welchen
Symbolproduktionen und Regulationstechniken die Betreiber diese Räume
im Feld zwischen inkludierend und exkludierend, öffentlich und privat
verorten. Der eigentliche Schwerpunkt der Empirie liegt dann auf der
Ebene der Wahrnehmungsweisen und der alltäglichen Praxis der Nutzerinnen.
Exemplarisch werde ich für den Feldzugang zwei städtische Malls bzw.
Urban Entertainment Center als Untersuchungsfelder auszusuchen. Städtische
Malls bieten sich für meine Fragestellung aus verschiedenen Gründen
an: Sie sind einerseits Orte des alltäglichen Lebens und der öffentlichen
Interaktion, (nahezu) allgemein zugänglich und mit öffentlichen Verkehrsmitteln
gut erreichbar. Sie sind zugleich jedoch in Privatbesitz, dem Prinzip
der Warenförmigkeit nahezu vollständig unterworfen und an die klare
Absicht der Betreiber zur Gewinnmaximierung gekoppelt. Ferner werden
über sie Vorstellungen vom städtischen Leben als einem erlebnisreichen,
konfliktlosen kommuniziert und verallgemeinert. Als gegenwärtige "Mythologien
des Städtischen" reflektieren und reproduzieren sie die postindustriellen
Diskurse räumlich und Repräsentationen so unterschiedlicher Kategorien
wie Geschlecht, Ethnie aber auch Konformität werden in ihnen neu entworfen.
Gleichwohl stehen Malls in der geplanten Arbeit nur exemplarisch für
verschiedene Formen privatisiert-öffentlicher Räume, wie sie derzeit
in unterschiedlicher Ausprägung etwa auch an Bahnhöfen, in Teilen der
Innenstädte oder sogenannten Erlebniswelten entstehen.
Meine Untersuchung lässt sich in drei Teile gliedern, die, so hoffe
ich, am Ende aufeinander verweisen bzw. sich verbinden lassen: Eine
methodisch-theoretische Diskussion um die Begriffe Öffentlichkeit, Raum,
Subjekt, Konsum, die ich sowohl strukturell wie handlungstheoretisch
führen will, eine Untersuchung der Repräsentation der privat-öffentlichen
Räume und eine empirische Feldstudie, die Beobachtungen und Interviews
beinhaltet.
INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG an der
Johann Wolfgang Goethe-Universität
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