Aktualität der Kritik. Gesellschaftstheorie, Soziologie und Kritik des Sozialen in Frankreich und Deutschland

 

Antragstellung: Prof. Dr. Axel Honneth und Prof. Dr. Gérard Raulet
(Université Paris-Sorbonne (Paris IV)/MSH)

Projektbearbeitung: Dr. des. Julia Christ und Dr. Daniel Loick

Förderinstitution: Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) und Agence Nationale de la Recherche (ANR)

Zeitraum der Förderung: 1. März 2013 bis 28. Februar 2016

Die »kritische Theorie der Gesellschaft« stellt in der zeitgenössischen deutschen und französischen philosophischen Diskussion ein eigenständiges Forschungsfeld dar, das sich jedoch nicht unter ein Denkparadigma subsumieren lässt. Das Forschungsprojekt untersucht die Divergenzen und Konvergenzen verschiedener Ansätze, die die Absicht verfolgen, eine kritische Theorie der Gesellschaft zu verfassen, in historischer, systematischer und vergleichender Perspektive. Dreh- und Angelpunkt der Untersuchung ist dabei der Begriff der »Kritik« selbst. Das Projekt hat zum Ziel, die wesentlichen Kontinuitäten und Brüche in der methodologischen (Zugang zum Gegenstand »Gesellschaft«), ontologischen (Wirklichkeit des Gegenstands »Gesellschaft«) und metaphysischen (Status der Kriterien der Kritik) Dimension offen zu legen und zu zeigen, inwiefern sie das Feld der Gesellschaftskritik strukturieren.

Die Untersuchung wird sich drei Problemkomplexen widmen: Erstens wird die Geschichte des Begriffs »Kritik« im philosophischen Diskurs nach 1945 in Deutschland und Frankreich nachverfolgt. Während der Begriff »Kritik« in Deutschland eindeutig dem Gegenstand »Gesellschaft« zugeordnet wird und eine enge Bedeutung hat (Frankfurter Schule), unterliegt er in Frankreich verschiedensten Verwendungen und Interpretationen (Althusser, Foucault, Lyotard, Rancière, Balibar). Eine vergleichende ideengeschichtliche Untersuchung wird durchgeführt werden, die einerseits Unterschiede zwischen den beiden Traditionen im Gebrauch des Begriffs hervorhebt und sich andererseits Debatten widmet, die innerhalb der jeweiligen Traditionen die Form einer »Kritik der Kritik« annehmen. Zweitens werden in systematischer Hinsicht die methodologischen, ontologischen und gegebenenfalls metaphysischen Voraussetzungen der jeweiligen kritischen Theorien untersucht werden. Zwei Ansätze kritischer Theorie stehen sich in systematischer Perspektive diametral gegenüber: eine Auffassung der Kritik, die deren Möglichkeit von einer umfassenden Theorie der Gesellschaft abhängig macht (Althusser, Adorno, Bourdieu), und eine Auffassung, die die Kritik aus der Innenperspektive des Sozialen selbst, ohne die Notwendigkeit einer vorgeordneten umfassenden Theorie, entwickelt (Foucault, Boltanski, Rancière, Habermas, Honneth). Drittens strebt das Projekt an, die eigentliche Aktualität der Kritik zu untersuchen. Zu diesem Zweck vereint es einerseits die Traditionen in Deutschland und Frankreich, die zugleich einen philosophischen und soziologischen Zugang zur sozialen Wirklichkeit suchen: die kritische Theorie Frankfurter Prägung (Habermas, Honneth) und die »Soziologie der Kritik« (Boltanski, Thévenot), die selbst in Reaktion auf die »kritische Soziologie« Bourdieus entwickelt wurde. Der Dialog zwischen den beiden Ansätzen, die jeweils davon ausgehen, dass die sozialen Akteure selbst mit der Fähigkeit zur Kritik ausgestattet sind, soll andererseits durch die Einbeziehung von Ansätzen ergänzt werden, die diese Prämissen nicht vollständig mittragen und die kritische Theorie um eine eigenständige politische Philosophie ergänzen (Rancière, Balibar). Dieses Teilprojekt wird ebenfalls untersuchen, in welcher Beziehung die kritischen Theorien zu der sozialen Praxis (Kämpfen und Bewegungen) stehen, und damit die Spannung ausloten, in der sich die Sozialphilosophie mit der politischen Philosophie, auf deren Gebiet sie ganz offensichtlich übergreift, befindet.