Ansprüche an Arbeit und berufliche Entwicklung von »Normalarbeitnehmer_innen«

Antragstellung: Prof. Dr. Axel Honneth und PD Dr. Stephan Voswinkel

Projektbearbeitung: PD Dr. Stephan Voswinkel und Dr. Stefanie Hürtgen

Förderinstitution: Hans-Böckler-Stiftung

Zeitraum der Förderung: September 2010 bis September 2012.

Im Forschungsprojekt haben wir die Frage untersucht, wie sich die zunehmende Prekarisierung und Destabilisierung der Arbeitsverhältnisse, die Debatten um eine generelle Krise der gesellschaftlichen Mitte sowie die Folgen der (anhaltenden) europäischen Wirtschaftskrise auf die Anspruchshaltungen von Beschäftigten auswirken. Welche Ansprüche an Arbeit und berufliches Leben gibt es und werden sie im Zuge der generellen krisenhaften Entwicklungen verändert, zurückgenommen, verschoben oder aufgegeben? Wir führten 42 ausführliche Interviews mit Beschäftigten aus der »Arbeitnehmermitte« durch, also mit unbefristet und in relativ sicheren betrieblichen Kontexten tätigen Arbeitnehmer_innen mit mittlerer Qualifikation und in mittlerem Lebensalter. Mit einer spezifischen Methodik der prospektiv-biographischen Interviewführung konnten wir die Einbettung von Ansprüchen in den alltäglichen Lebenszusammenhang sowie die biographischen Relevanzsetzungen und Zukunftserwartungen der Gesprächspartner_innen in ihrem Zusammenhang erheben.

Die Ergebnisse des Projektes sind auf verschiedenen Ebenen zu begreifen. Auf einer ersten Ebene kann man feststellen, dass die »Normalarbeitnehmer_innen« in einem überraschenden Maß an Ansprüchen an Arbeit und Leben festhalten, die als klassische Arbeitnehmer_inneninteressen bezeichnet werden können: Sicherheit des Arbeitsplatzes; auf Dauer zu bewältigende Arbeitsanforderungen; ein Einkommen, das ein respektables Leben ermöglicht; eine Anerkennung als Leistungskraft und als Mensch; ein kollegiales Arbeitsklima und faire Vorgesetzte. Aktivierungsdispositive und Subjektivierungsformen als »unternehmerisches Selbst« erweisen sich als recht begrenzt. Die Wirtschaftskrise stellt – auch wenn es sehr unterschiedliche Sichtweisen auf sie gibt – keinen Einschnitt in Bezug auf Ansprüche dar. Vielmehr unterscheidet sich der Umgang mit Ansprüchen je nach zeitlich sehr langfristig entwickelten »Lebensorientierungen» der Gesprächspartner_innen.

Auf einer zweiten Ebene zeigen die Ergebnisse eine andere Kontur: Viele unserer Interviewpartner_innen sehen sich zwar in einem (noch) geschützten, das heißt relativ gut bezahlten, regulierten und sozial abgesicherten Arbeitsbereich. Dieser eigene Bereich aber stellt ihrer Wahrnehmung nach mittlerweile eine »Sondersituation« dar in einer zunehmend als unsicher und prekär erfahrenen Umwelt. Viele fürchten, bei einem Wechsel des Arbeitsplatzes ihre Sicherheit und ihren Status zu gefährden, und erleben dies als Restriktion ihrer Exit-Optionen, die den »Preis der Sicherheit« erhöht und ihre Entwicklungsmöglichkeiten beschneidet.

Eine dritte Ebene zeigt eine mit dieser »Sondersituation« einhergehende Verunsicherung über die normative Reichweite der eigenen Ansprüche. Ansprüche sind – im Unterschied zu Wünschen – normativ legitimiert, das heißt mit bestimmten Vorstellungen darüber, wie soziale (interaktive) Zusammenhänge gestaltet sein sollten, begründet. Viele Gesprächspartner_innen formulieren Ansprüche und sehen sie in den Normen und Werten des Leistungsprinzips und der Menschenrechte wie auch in den »neuen« Normen »Selbstsorge« und »Vielfalt gesellschaftlicher Existenz« gerechtfertigt. Es gibt aber eine Unsicherheit darüber, ob die normativen Vorstellungen überhaupt (noch) als allgemein gültige in der Gesellschaft angesehen werden und ob sie in Bereichen jenseits der eigenen Sondersituation (in anderen Branchen, kleineren Betrieben, bei prekär Beschäftigten, in anderen Regionen und ähnliches) überhaupt (noch) Gültigkeit haben.

Dieser komplexe Befund – Aufrechterhaltung von Ansprüchen, Artikulation neuer Legitimationsmuster und Verunsicherung über die Reichweite und Verallgemeinerbarkeit der normativen Grundlagen der Ansprüche – kann auf die Debatte um die Krise der gesellschaftlichen Mitte rückbezogen werden: Hier scheint es wesentlich auch darum zu gehen, ob an der Vorstellung gleicher Maßstäbe für rechtliche und materielle Teilhabe und Anerkennung festgehalten wird, ob es also – auch normativ – eine Mitte der Gesellschaft gibt, an der es sich auszurichten gilt.

Die Ergebnisse des Projekts sind veröffentlicht in:
Stefanie Hürtgen und Stephan Voswinkel: Nichtnormale Normalität? Anspruchslogiken aus der Arbeitnehmermitte. Berlin 2014: edition sigma.