Regressive Rebellen. Eine empirische Studie zum neuen Autoritarismus

Projektleitung: Maurits Heumann, M. A.

Förderinstitution: Rosa-Luxemburg-Stiftung

Förderzeitraum 1. August 2020 bis 31. Juli 2021

Das Projekt ist eine Untersuchung neuer Formen des Autoritarismus in der Zivilgesellschaft. Es schließt forschungslogisch an die explorative Studie »Autoritarismus und Zivilgesellschaft« an, die an der Universität Basel unter der Leitung von Oliver Nachtwey und der Bearbeitung von Maurits Heumann durchgeführt wurde. In der bisherigen Analyse und Auswertung von 16 biografisch-narrativen Interviews und Fragebögen konnten zwei typologische Ausprägungen des neuen Autoritarismus herausgearbeitet und zu zwei Sozialfiguren verdichtet werden: der autoritäre Innovator/die autoritäre Innovatorin und der regressive Rebell/die regressive Rebellin.

Das geplante Forschungsprojekt bezieht sich vor allem auf den beschriebenen Typus der regressiven Rebell_innen. Es sollen die sozial- und wissenschaftshistorischen Wurzeln des Typus rekonstruiert, weitere Interviews geführt und die bisherige Analysearbeit vertieft werden. Dabei folgt die Arbeit der Forschungslogik eines theoretischen Samplings. Für ein besseres Verständnis der gegenwärtigen Ausprägung(en) und Entstehungsbedingungen sollen 5–10 Vergleichsfälle interviewt werden, die eine Affinität zu neo-autoritären Praxisformen (insbesondere Selbstverwalter_in und Reichsbürger_in) aufweisen. Die Auswahl der Vergleichsfälle und Analyseinstrumente steht im Kontext der Vorstudie. Die Fälle werden mit den relevanten Fällen der Vorstudie verglichen und kontrastiert. Im empirischen Teil der Arbeit wird die Gesamtideologie der Befragten rekonstruiert und auf Aspekte der sozialen Position und politischen Biografie bezogen. Im Sinne einer verstehenden Soziologie wird dabei die Heuristik des Gruppenautoritarismus mit anomietheoretischen Überlegungen verbunden. Im sozialhistorischen Teil wird diese empirische Arbeit dann kontextualisiert. Die Figur des Rebellen bzw. der Rebellin wird als wiederkehrendes Motiv und zentraler Bezugspunkt innerhalb der klassischen Autoritarismusforschung gekennzeichnet und mit seiner gegenwärtigen Ausprägung innerhalb des Materials verglichen.

Das Projekt verfolgt die Thesen, dass es sich bei den neo-autoritären Phänomenen um (paradoxe) Formen der Dissidenz handelt, die sich moralisch und praktisch auf Institutionen der freiheitlich-demokratischen Ordnung beziehen, diesen Institutionen jedoch konfrontativ und teilweise feindlich gegenüberstehen und dabei eine ausgeprägte sozialstrukturelle und biografische Gruppen- und Situationsspezifik aufweisen; ferner, dass den Sozialen Medien und den darin eingebundenen digitalen Praktiken eine entscheidende Rolle in den Radikalisierungskarrieren der regressiven Rebell_innen zukommt: Ohne Zugang zu diesen Medien könnten sich die Befragten nicht in so kurzer Zeit und auf diese »präfigurierte« Art und Weise radikalisieren. Im Zentrum des Forschungsprojekts steht somit die Analyse und Rekonstruktion rebellisch-autoritärer Praxisformen sowie die Herausarbeitung eines empirisch begründeten Theoriebeitrags zum neuen Autoritarismus.