Sozialisationstheoretische Untersuchung zur sozialisatorischen Wirkung von Krankheitserfahrungen bei chronisch schwer kranken Kindern und ihren Eltern

Antragstellung: Dr. Claudia Peter und Dr. Claudia Scheid

Projektbearbeitung: Dr. Claudia Peter

Förderinstitution: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Zeitraum der Förderung: 1. Januar 2012 bis 31. Dezember 2014

Das Projekt wurde ab März 2014 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main fortgesetzt

In dem DFG-Projekt wurden (Klein-)Kinder mit schweren angeborenen Erkrankungen chronischen Verlaufs in ihrem familialen Kontext untersucht. Dabei wurde der Frage nachgegangen, welche sozialisatorischen Effekte in schweren Krankheitserfahrungen beziehungsweise leiblich-körperlichen Fragilitätserfahrungen sowie in regelmäßigen unumgänglichen Diagnose- und Therapieprozeduren liegen, die das Aufwachsen der Kinder beeinflussen.

Ausgehend von der allgemeinen Fragestellung, ob bestimmte Ereignisse, Einflüsse, Erziehungsstile und ähnliches eine entwicklungsfördernde oder -hemmende oder – um die neutralere Formulierung zu wählen – sozialisatorische Wirkung haben, wurde angenommen, dass Krankheitserfahrungen Erfahrungen mit sozialisatorischer Wirkmächtigkeit sind, die in sich sowohl erzieherische als auch bildende Potentiale tragen. Eine empirisch-rekonstruktive Sozialisationsforschung zur Primärsozialisation wurde bisher in aller Regel nur mit Kindern durchgeführt, die gesund waren. Empirische Sozialisationsforschung, die Krankheitserfahrungen erster und zweiter Ordnung als sozialisatorische Bedingung versteht und deren Wirkmächtigkeit untersucht, fehlte bisher.

Es sollen deshalb Kinder mit angeborenen Erkrankungen untersucht werden, weil vermutet wird, dass sie – dadurch dass sie keine Kontrasterfahrung gesund/krank kennen − von vornherein ihre Krankheit als Teil von sich erfahren und sie möglicherweise (aufgrund der Alternativlosigkeit) stärker akzeptieren (kognitiver Teil) beziehungsweise sie habituell normalisieren. Dabei wird im Falle der Kranken selbst, der Kinder, bei diesen Erfahrungen von Konstitutionsprozessen ausgegangen, während sich derartige Erfahrungen bei den Eltern als Transformationsprozesse darstellen. Mit der Annahme, dass gewisse lebensweltliche Kategorien des Selbstverständlichen – zum Beispiel des selbstverständlichen Funktionierens des Körpers oder des selbstläufigen Wachsens und Gedeihens in den sicheren Bahnen des Vitalen – an dieser Stelle irritiert sind, ist zu fragen, ob es sich hier um eine besondere Erfahrung handelt und worin diese Besonderheit im Gegensatz zu anderen Erfahrungstypen genau liegt.

Bei diesem Projekt handelte es sich um ein qualitatives Projekt, in dem etwa 7 bis 10 Kinder jüngeren Alters (bis 10 Jahre) und ihre Familien über 3 Jahre mehrfach besucht und interviewt wurden. Mit folgenden konsekutiven Erhebungen wurden die Fallanalysen erarbeitet: Hospitation in den (Reha-)Kliniken und teilnehmende Beobachtung der diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen an und mit den Kindern; Familiengeschichtliche Gespräche; Elterninterviews; Einzelerhebungen beim Kind; Dokumentenanalyse der Krankenakte.

Das Projekt will eine Brücke zwischen Sozialisationsforschung und Krankheits- beziehungsweise Versorgungsforschung schlagen.