Zwischen Moral und Effizienz. Zum professionellen Selbstverständnis von Mediziner_innen in der industriellen Krebsforschung

Antragstellung: Dr. Christiane Schnell

Projektbearbeitung: Dr. Christiane Schnell

Förderinstitution: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Zeitraum der Förderung: 01. Januar 2013 bis 31. Dezember 2015

Das Vorhaben verbindet die Untersuchung eines empirisch bislang weithin unterbelichteten Ge­genstands, das berufliche Selbstverständnis von Mediziner_innen in der pharmazeutischen Indust­rie, mit der Frage nach dem Wandel von Professionalität in der Gegenwartsgesellschaft.

Angesichts tiefgreifender Veränderungen im Gesundheits- und Medizinsystem vollzog die Parade­profession der Medizin seit Mitte des 20. Jahrhunderts einen Wandel, der sowohl die konstitutive Spannung zwischen wissenschaftlicher und praktischer Medizin als auch das Verhältnis von Spezialisie­rung und Ganzheitlichkeit, das Arzt-Patienten-Verhältnis sowie das Verhältnis von Profession und Organisation in vielschichtiger Weise tangiert. Angenommen wird, dass auch das Feld der Medizi­ner_innen in der pharmazeutischen Industrie an der Schnittstelle zwischen Medizinsystem, Wirtschaft und Sozialstruktur von diesen Wandlungsprozessen betroffen ist.

Anschaulich wird dies insbesondere in jenen hochspezialisierten Bereichen, in denen therapeuti­sche Konzepte maßgeblich von wissenschaftlichen und pharmazeutischen Entwicklungen abhän­gig sind, wie dies in der Krebsmedizin der Fall ist. Mediziner_innen, die in diesem Feld der pharma­zeutischen Industrie arbeiten, entwickeln ihr professionelles Selbstverständnis unter dem Einfluss unterschiedlicher beruflicher Sozialisationsbedingungen in universitärer Ausbildung, Wissen­schaft, klinischer Medizin und Industrie.

In theoretischer Perspektive wird angenommen, dass sie beispielhaft einen zeitgenössischen, neuen Typus von Professionalität verkörpern, in dem sich Wissen und Wertorientierung medizini­scher Herkunft und manageriale Handlungsorientierung verschränken. Inwiefern fachliche und berufsethische Orientierungen mit den kommerziellen Zwängen der industriellen Wirkstofffor­schung in Konflikt geraten, wie sich das professionelle Selbstverständnis auf der individuellen Ebene berufsbiographisch konstituiert und ob gar neue moralische Gemeinschaften entstehen, in denen professionelle Handlungsorientierungen weiterentwickelt und intersubjektiv abgestimmt werden, wird im Rahmen des Vorhabens untersucht.

Der Fokus richtet sich dabei speziell auf die biomedizinische Krebsfor­schung, die für das widersprüchliche Verhältnis zwischen wissen­schaftlichem Antrieb und der Suche nach neuen therapeutischen Behandlungsmöglichkei­ten und Heilungschancen einerseits und den Verwerfungen einer von hohem Investitionsrisiko, internationalem Wettbewerb und beispielloser Kapitalspekulation getriebenen Branche anderer­seits exemplarisch scheint. Wobei gerade im Feld der Krebsmedizin eine latente Mystifizierung sowohl des Gesundheitsrisikos als auch der medizinischen Heilungserwartungen vorzuherrschen scheint.  

Im Rahmen der ersten Forschungsphase wird eine Befragung von Expert_innen durchgeführt, welche die Rolle der Medizi­ner_innen in der Industrie und ihre Veränderung in der jüngeren Vergangenheit aus unterschiedlichen Perspektiven beurteilen. Das Herzstück der Untersuchung bildet die Rekonstruktion des professionellen Selbstverständnisses von Mediziner_innen in der pharmazeutischen Industrie. Dabei wird eine berufsbiographische Perspektive angelegt, die den beruf­lichen Werdegang im Sinne eines Sozialisationsprozesses versteht. In einem dritten Untersuchungsschritt werden kollegiale Beziehungen rekonstruiert. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob und wie normative, epistemische und praktische Bindungen in diesem Feld entstehen.