Geschichte

 

Das Institut für Sozialforschung wurde 1923 gegründet. Seine Einrichtung verdankt sich dem jungen Nationalökonomen Felix Weil, der – nachdem er wegen revolutionärer Agitation aus Württemberg ausgewiesen worden war – zusammen mit Kurt Albert Gerlach, Alfred Korsch und Friedrich Pollock, einem Jugendfreund Max Horkheimers, die Pläne für ein Institut entwickelte, das der Theorie und Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung einen institutionellen Rahmen bieten sollte. Das Geld für den Bau des Instituts stiftete Felix Weil aus seinem mütterlichen Erbe, die Mittel für die Personalausstattung und den Unterhalt sein Vater. Im Januar 1923 genehmigte das Preußische Ministerium für Wissenschaft die Errichtung des Instituts als wissenschaftliche Forschungseinrichtung, die an der Universität zugleich für Lehraufgaben im Bereich der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zuständig sein sollte. Bereits im Juni 1924 konnte das Institut sein neu erbautes Gebäude an der Viktoria-Allee – der heutigen Senckenberganlage – beziehen. Zum ersten Direktor wurde der international angesehene Austromarxist Carl Grünberg.

Als 1930 mit Max Horkheimer ein Philosoph die Nachfolge des schwer erkrankten Carl Grünberg antrat, durchlief die inhaltliche Ausrichtung des Institutsprogramms einen tiefgreifenden Wandel hin zu einem Programm, das später »Kritische Theorie der Frankfurter Schule« heißen wird. Es waren nicht mehr vorrangig die ökonomischen Prozesse, die als Grundlage des sozialen Lebens untersucht werden sollten, vielmehr wurde die Gesellschaft in all ihren Sphären zum interdisziplinären Forschungsgegenstand. In enger Verschränkung von Philosophie und einzelwissenschaftlicher Forschung sollte der Zusammenhang zwischen dem wirtschaftlichen Leben der Gesellschaft, dem technologischen Fortschritt, der psychischen Entwicklung der Individuen und den Veränderungen in den Bereichen von Recht, Wissenschaft, Kultur und Kunst untersucht werden. In den Worten Max Horkheimers: Die Aufgabe des Instituts sei es, »auf Grund aktueller philosophischer Fragestellungen Untersuchungen zu organisieren, zu denen Philosophen, Soziologen, Nationalökonomen, Historiker, Psychologen in dauernder Arbeitsgemeinschaft sich vereinigen«.[1]

Um Max Horkheimer und sein neues Forschungsprogramm versammelte sich ein großer Kreis von Intellektuellen. Zu ihnen gehörten Friedrich Pollock, der Mitbegründer des Instituts, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Erich Fromm, Otto Kirchheimer, Siegfried Kracauer, Leo Löwenthal, Herbert Marcuse, Franz Neumann und andere. Bereits 1929 hatte das spätere Sigmund-Freud-Institut mit seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit in den Räumen des IfS begonnen.

Am 13. März 1933 wurde das Institut von der Polizei untersucht und geschlossen, am 3. April ersuchte die Universität beim Preußischen Kultusminister um offizielle Aufhebung seiner Verbindung zum Institut, am 14. Juli dekretierte ein Schreiben der Gestapo seine Auflösung wegen »staatsfeindlicher Bestrebungen«.

1934 wurde das Institut an die Columbia Universität in New York verlegt. New York blieb bis zur Rückkehr nach Deutschland die Geschäftsstelle des Instituts, doch siedelten Horkheimer und Pollock 1940, Adorno 1941 nach Kalifornien um. Hier schrieben Horkheimer und Adorno unter Mithilfe von Gretel Adorno die Dialektik der Aufklärung, das Buch, in dem sie ihre Idee einer kritischen Gesellschaftstheorie gemeinsam entfalteten und das 1947 in Amsterdam veröffentlicht wurde. In einer einzigartigen interdisziplinären Kooperation zwischen einer Vielzahl von einzelnen Wissenschaftlern und Forschergruppen, die sich räumlich über den ganzen Kontinent erstreckte, entstanden im Exil die großen Studien über Autorität und Familie sowie die Untersuchungen über Vorurteile und autoritäre Persönlichkeitsstrukturen in den Vereinigten Staaten – das sogenannte Antisemitismus-Projekt, das den Gesamttitel Studies in Prejudice trug.

Im Herbst 1946 sprachen die Stadt Frankfurt, das Land Hessen und die Universität den nachdrücklichen Wunsch aus, die Gesellschaft für Sozialforschung nach Frankfurt zurückzuholen. Nach vielen Zweifeln und skeptischen Überlegungen stimmte Horkheimer der Rückkehr zu. 1950 wurde das IfS als private Stiftung mit öffentlichen Mitteln wiedererrichtet und zugleich Soziologisches Seminar der Philosophischen Fakultät der Universität Frankfurt. Im Vergleich zu den Vorkriegsjahren hatten sich die strukturellen Voraussetzungen der Institutsarbeit durch den Verlust des Stiftungsvermögens jedoch drastisch verschlechtert. Zwar wurde der Grundhaushalt durch das Land Hessen und die Stadt Frankfurt gesichert, doch war von nun an die Forschungstätigkeit vollständig von der Drittmittelfinanzierung abhängig. Das führte nicht nur immer wieder zu dramatischen Engpässen, sondern auch dazu, dass eine konsistente programmatische Ausrichtung der Institutsarbeit nur noch eingeschränkt aufrechtzuerhalten war. Dieses strukturelle Problem bestimmt die Forschungstätigkeit des IfS bis heute.

Am 14. November 1951 konnte das IfS sein neues Haus beziehen. Das nach den Plänen von Alois Giefer und Hermann Mäckler erbaute Gebäude steht schräg gegenüber der Ruine des ersten Institutsgebäudes auf dem Eckgrundstück Senckenberganlage und Dantestraße. Zu den zentralen Aufgaben der ersten Jahre gehörten die Etablierung der Soziologie als autonomes Studienfach sowie die Fachausbildung von Soziologinnen und Soziologen auf der Grundlage einer von Adorno erarbeiteten Prüfungsordnung. Trotz der Einschränkungen, welche die personellen und administrativen Anforderungen eines Lehrbetriebs für die Forschungstätigkeit bedeuteten, führte das IfS in den 1950er und 1960er Jahren eine ganze Reihe von Studien zum Beispiel über das antidemokratische Potential in Westdeutschland oder die Bedingungen von Bildung und politischer Beteiligung durch. Neben der Bildungssoziologie wurde die Industriesoziologie als neues Forschungsfeld erschlossen.

Viele Studentinnen und Studenten, die ihre Ausbildung in den Seminaren des IfS erhielten, spielten in der studentischen Protestbewegung eine wichtige Rolle. Mit ihrem Anspruch, die Kritische Theorie in die Praxis umzusetzen, stießen ihre Aktionen jedoch bei ihren Lehrern Adorno, Horkheimer, Habermas und von Friedeburg auf unterschiedlich motivierte Vorbehalte. Die studentischen Besetzungen der Seminare im Dezember 1968 und die Besetzung des Instituts im Januar 1969, das Adorno schließlich durch die Polizei räumen ließ, markierten den Höhepunkt der Kontroversen zwischen den Aktivistinnen und Aktivisten des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes und der Institutsleitung.

Nach Horkheimers Emeritierung 1959 hatte Adorno die Leitung des Instituts übernommen. Sein plötzlicher Tod im August 1969 bedeutete einen tiefen Einschnitt in der Geschichte des IfS. Horkheimer zog sich endgültig in die Schweiz zurück, Ludwig von Friedeburg wurde Hessischer Kultusminister, Habermas ging als Direktor ans Max-Planck-Institut in Starnberg, Friedrich Pollock starb. Mit der Hochschulreform von 1971 wurde die Lehrfunktion des IfS von dem neu geschaffenen Fachbereich Gesellschaftswissenschaften übernommen. In der Forschungstätigkeit kam es zu Diskontinuitäten und Brüchen.

In den siebziger Jahren leistete das IfS, das seit 1973 von einem Institutsrat geleitet wurde, dem mit gleicher Beteiligung Direktoren – darunter Gerhard Brandt, Rudolf Gunzert, Ludwig von Friedeburg, Wilhelm Schumm und Helmut Dubiel – und VertreterInnen der MitarbeiterInnen angehörten, insbesondere unter der Leitung von Gerhard Brandt und Ludwig von Friedeburg (er kehrte 1976 ans Institut zurück) entscheidende Beiträge zur Entwicklung der Industriesoziologie in Deutschland. Für einige Jahre bildete sich die Frauenforschung als eigener Schwerpunkt heraus. Seit den achtziger Jahren gewann auch die politische Soziologie unter dem Stickwort »Demokratische Kultur« wieder an Bedeutung.

Um das Forschungsspektrum zu erweitern und die langfristige Forschungsarbeit zu sichern, wurde 1997 die Satzung des IfS erneut geändert. An die Stelle des Direktoriums trat ein Kollegium von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen und Fachrichtungen, die unter dem Vorsitz eines geschäftsführenden Direktors für das Forschungsprogramm verantwortlich zeichneten. Bis März 2001 wurde das Amt des geschäftsführenden Direktors von dem im Frühjahr 2010 verstorbenen Ludwig von Friedeburg ausgeübt.

Seit April 2001 ist Axel Honneth Direktor. Dem Kollegium gehören zurzeit der Psychoanalytiker und Entwicklungspsychologe Martin Dornes, der Rechtstheoretiker Klaus Günther, der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe sowie die Soziologinnen und Soziologen Christoph Deutschmann, Angela Keppler, Sighard Neckel und Ferdinand Sutterlüty an. Die Neubesetzung des Gremiums knüpft insofern an die Anfangszeiten des Instituts an, als mit Axel Honneth die Leitung des Instituts wieder bei einem Philosophen liegt, der das starke Interesse verfolgt, sozialwissenschaftliche Untersuchungen mit sozialphilosophischen Fragestellungen zu verknüpfen und damit die normative Dimension einer kritischen Sozialforschung zurückzugewinnen. Ziel der gegenwärtigen Institutsarbeit ist es, empirische und theoretische Forschungsprojekte im übergreifenden Rahmenprogramm »Paradoxien der kapitalistischen Modernisierung« zu bündeln und zu einem kritischen Verständnis des gesellschaftlichen Strukturwandels beizutragen.

Seit 2004 hat das IfS wieder eine eigene Zeitschrift: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung erscheint in halbjährlichem Abstand (2004 bis 2013 beim Stroemfeld Verlag; ab 2014 beim Campus Verlag) und richtet sich an ein breiteres intellektuelles Lesepublikum. Zur Veröffentlichung kommen Aufsätze und Essays aus unterschiedlichen Disziplinen – Kultursoziologie, Entwicklungspsychologie, Rechtswissenschaft, Philosophie, Ästhetik, politische Ökonomie, politische Theorie –, die in ihrer Gesamtheit zu einer umfassenden Analyse der aktuellen gesamtgesellschaftlichen Lage beitragen sollen.

Auch das Projekt einer eigenen Buchreihe hat das IfS wieder aufgegriffen. In Anlehnung an die Schriftenreihe, die 1955 von Theodor W. Adorno und Walter Dirks gegründet und im Jahr 1971 eingestellt wurde, veröffentlichen die Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie beim Campus Verlag seit 2002 Monografien, die aus theoretischen und empirischen Forschungsprojekten des Instituts hervorgehen und einen Teil der Forschungsaktivitäten des Hauses repräsentieren. Daneben werden auch Studien von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aufgenommen, die nicht im Institut selbst arbeiten, die jedoch aufgrund ihrer Themen, Methoden und Forschungsabsichten dem IfS eng verbunden sind und mit ihren Arbeiten zur Erweiterung, Klärung und Vertiefung des Forschungsprogramms beitragen. Einen weiteren Programmpunkt schließlich stellt die Publikation fremdsprachiger Texte dar. Regelmäßig werden Bücher übersetzt, die das Projekt einer kritischen Gesellschaftstheorie mit neuen Fragestellungen, Ansätzen und Perspektiven kreativ weiterführen.

Das Programm des IfS hat in den vergangenen Jahren zunehmend an internationaler Ausstrahlungskraft gewonnen. Es war nicht zuletzt die große Nachfrage aus dem In- und Ausland nach Kooperationen, Forschungsaufenthalten und Praktika, welche eine Erweiterung der räumlichen Möglichkeiten notwendig machte, die 2010/2011 mit dem Umbau durch das Architekturbüro Mäckler im Rahmen des vom Land Hessen und vom Bund initiierten Konjunkturprogramms II geschaffen wurde.




[1] Max Horkheimer 1988 [1931]: Die gegenwärtige Lage der Sozialphilosophie und die Aufgaben eines Instituts für Sozialforschung, in: ders.: Gesammelte Schriften 3. Hg. von Alfred Schmidt. Frankfurt am Main: Fischer, 20–35, hier: 29

 

Weiterführende Literatur

Wiggershaus, Rolf 1986: Die Frankfurter Schule. Geschichte, theoretische Entwicklung, politische Bedeutung. München: Hanser.

Jay, Martin 1976: Dialektische Phantasie. Die Geschichte der Frankfurter Schule und das Institut für Sozialforschung 1923–1950. Frankfurt a. M.: Fischer.

Demirovic, Alex 1999: Das Institut für Sozialforschung. Ein Ort kritischer Gesellschaftstheorie, in: Forschung Frankfurt 17. 3, 20–35.

Friedeburg, Ludwig von 1999: Von den großen Zeiten der Soziologie, die »verkündete, wo es lang geht«. Ludwig von Friedeburg im Gespräch mit Ulrike Jaspers, in: Forschung Frankfurt 3 (Wissenschaftsmagazin der Johann Wolfgang Goethe-Universität), 36–43.

Honneth, Axel 2003: Frei, aber abhängig. Zu den Paradoxien des Kapitalismus. Axel Honneth im Gespräch mit Ulrike Jaspers über die Zukunft des Instituts für Sozialforschung, in: Forschung Frankfurt 3/4 (Wissenschaftsmagazin der Johann Wolfgang Goethe-Universität), 84–88.

Boll, Monika (Hg.) 2009: Die Frankfurter Schule und Frankfurt. Eine Rückkehr nach Deutschland. Göttingen: Wallstein.

Honneth, Axel 2010: Ein intellektueller Glücksfall der deutschen Nachkriegsgeschichte. Nachruf auf Ludwig von Friedeburg, in: Forschung Frankfurt 28. 2, 81–83.

Wiggershaus, Rolf 2010: Die Frankfurter Schule. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag.