Paradoxien der kapitalistischen Modernisierung -
Zur Begründung eines übergreifenden Forschungsthemas
des Instituts für Sozialforschung
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Seit April 2001 ist Axel Honneth geschäftsführender Direktor
des Instituts für Sozialforschung. Neben ihm gehören dem Kollegium
des Instituts Sighard Neckel, Wilhelm Schumm, Klaus Günther, Martin
Dornes und Werner Plumpe an. Dieses Kollegium legt hiermit erste programmatische
Überlegungen zum zukünftigen Forschungsprogramm vor.
Im Institut für Sozialforschung verfolgen wir den Plan, in den
nächsten drei Jahren den konzeptuellen Rahmen für ein umfangreiches
Forschungsprojekt zu entwickeln, das in enger Kooperation mit Hochschullehrern
der J. W. G. Universität durchgeführt werden soll. Das Projekt
soll in interdisziplinärer Ausrichtung der Untersuchung von gesellschaftlichen
Strukturwandlungen der Gegenwart gelten, die wir unter dem Titel "Paradoxien
der kapitalistischen Modernisierung" zusammenfassen. Im Folgenden
wird zunächst die Grundidee dieses Forschungsvorhabens erläutert,
bevor dann die ins Auge gefassten Einzelprojekte jeweils für sich
vorgestellt werden.
Die sozialstrukturellen Wandlungen, die sich gegenwärtig in den
westlichen Gesellschaften vollziehen, bieten das Bild eines höchst
widersprüchlichen Prozesses. Auf der einen Seite haben wir es im
Gefolge von institutionellen Veränderungen, die etwa unter den
Begriffen der "reflexiven Modernisierung" und des Wandels
zur "Wissensgesellschaft" zusammengefasst werden, mit einer
Vielzahl von unleugbaren Fortschritten in moralischer, rechtlicher und
materieller Hinsicht zu tun: geschlechtsspezifische Rollenklischees
sind zumindest in bestimmten Schichten in Auflösung begriffen,
die Rigidität der traditionellen Kleinfamilie verliert sich tendenziell
in eine Vielzahl von neuen familialen Arrangements, die rechtliche Gleichstellung
von Frauen hat sich ebenso verbessert wie diejenige der Mitglieder von
kulturellen oder ethnischen Minderheiten, und schließlich erlaubt
die moderne wissensgestützte Ökonomie enorme Wertschöpfungsketten,
die die materielle Lage breiter Bevölkerungsschichten erheblich
verbessert.
Lassen sich alle diese Entwicklungen als Erweiterungen von individuellen
Freiheitsspielräumen verstehen, so stehen ihnen allerdings sozioökonomische
Wandlungen gegenüber, die die tatsächliche Wahrnehmung der
gewachsenen Optionen für einen größer werdenden Teil
der Bevölkerung strukturell erschweren oder die die erweiterten
Freiheitsspielräume im Verlauf ihrer Ausrichtung auf ökonomische
Effizienzmuster wieder verschliessen und mitunter sogar in ihr Gegenteil
verkehren. So wächst durch wachsende Tendenzen der Deregulierung
des Arbeitsmarktes, durch neue Formen der Verarmung und Ausschliessung
einerseits die Zahl derer, die aufgrund geringer Ressourcenausstattung
von den normativen Fortschritten keinen Gebrauch machen können.
Andererseits sehen sich auch ökonomisch etabliertere Sozialgruppen
mit dem Dilemma konfrontiert, die Flexibilisierung individueller Lebensverläufe
als einen ökonomischen Zwang auferlegt zu bekommen, der ihre persönlichen
Autonomiegewinne wieder erheblich reduziert. Die materiellen Erträge
der modernen "Wissensökonomie" wiederum, die die wirtschaftliche
Gewähr für eine allgemeine Besserstellung breiter gesellschaftlicher
Schichten darstellen könnten, werden im Zuge eines "Shareholder
Value"-Kapitalismus zunehmend auf Anteilseigner und berufliche
Spitzengruppen einseitig konzentriert.
Diese Gegenläufigkeit bildet nur einen kleinen Ausschnitt aus
den vielzähligen Prozessen, die wir mit Blick auf Veränderungstendenzen
in westlichen Gesellschaften als "Paradoxien der kapitalistischen
Modernisierung" begreifen wollen. Von einem solchen paradoxalem
Geschehen können wir in Bezug auf gesellschaftliche Entwicklungen
immer dann sprechen, wenn ein- und derselbe Strukturwandel durch dieselben
Mechanismen, die moralische, rechtliche und materielle Fortschritte
zustande bringen, diese normativen Errungenschaften auch wieder gefährdet,
weil durch ihn die sozialen Voraussetzungen für deren Wahrnehmung
zerstört werden oder der Sinngehalt jener Errungenschaften folgenreich
verkehrt wird.
Nach unserer Überzeugung lassen sich solche paradoxen Entwicklungen
heute zumindest in fünf Dimensionen beobachten, die wir im interdisziplinären
Austausch zwischen Soziologen, Rechtswissenschaftlern, Historikern,
Entwicklungspsychologen und Philosophen untersuchen wollen:
Strukturwandel der normativen Integration
Auf einer obersten Stufe, die als konzeptuelles Dach des gesamten Projektes
dienen soll, wollen wir die umrissenen Paradoxien in Hinblick auf den
Strukturwandel der normativen Integrationsprinzipien selbst erforschen.
Einerseits ist hier an ein eher kultursoziologisches Projekt gedacht,
das Tendenzen einer schleichenden Erosion des Leistungsprinzips untersuchen
soll: Während sich heute der bislang auf Erwerbstätigkeiten
reduzierte Leistungsbegriff für andere Dimensionen gesellschaftlich
nützlicher Arbeit (Familienarbeit, Hausarbeit, Bürgerarbeit)
zu öffnen beginnt, droht er gleichzeitig in ein blosses Erfolgsprinzip
umzuschlagen, in dem Statusgewinne überhaupt von jedem Rest an
Leistungserbringung normativ entkoppelt und auf den tatsächlichen
Markterfolg umgepolt sind. Eine andere Paradoxie solcher Art vermuten
wir in Hinblick auf das Verantwortungsprinzip: In dem historischen Augenblick,
in dem durch immer komplexer werdende Handlungsketten die Übernahme
von individueller Verantwortung für Handlungsfolgen immer schwieriger
wird, vollziehen sich im Strafrecht ebenso wie in der Sozialpolitik
gleichzeitig Tendenzen einer wachsenden Individualisierung von Verantwortlichkeit.
Schliesslich rechnen wir mit einer solchen paradoxalen Entwicklung auch
im Hinblick auf ethnische Beziehungen: In dem Moment, in dem ethnische
Minoritäten durch rechtliche Garantien ein höheres Maß
an gesellschaftlicher Anerkennung zu finden vermögen und sich gleichzeitig
die gegenwärtigen Muster sozialer Ungleichheit fortdauernd "ethnisieren",
beschwört die durch rechtliche Anerkennungsgewinne erst ermöglichte
vermehrte Konfliktfähigkeit ethnischer Minoritäten die Entstehung
eines "ethnischen Separatismus" von Mehrheiten ("Leitkultur")
und Minderheiten ("Fundamentalismus") herauf, der zu einer
Intensivierung ethnischer Mobilisierungen führen kann anstatt die
Beziehungen ethnischer Gruppen demokratisch zu pazifizieren. Eine Folge
hiervon ist etwa der soziale Zwang zur "Selbstethnisierung",
der den Zuwachs individueller Optionen bei der Artikulation sozialer
Zugehörigkeiten nachhaltig unterlaufen kann.
Kapitalistische Rationalisierung und Arbeit
Ein zweiter Bereich, in dem wir Paradoxien der kapitalistischen Modernisierung
untersuchen wollen, stellt die Sphäre der Erwerbstätigkeit
im Industriesektor und Dienstleistungsbereich dar: An kaum einem anderen
Ort vollziehen sich die genannten Paradoxien heute greifbarer als dort,
wo die Qualitätssteigerung bestimmter Formen von organisierter
Arbeit, ihre wachsende Autonomisierung und Anspruchssteigerung, einhergeht
mit einem rapide voranschreitenden Prozess der Deregulierung und Flexibilisierung.
In dem Augenblick, in dem die normativen Erwartungen der Beschäftigten
an die Qualität ihrer Tätigkeit aus vielen Gründen anzusteigen
beginnt, führt ein rasanter Wandel in der gesellschaftlichen Arbeitsorganisation
(Kontraktfertigung) zu einer Durchlöcherung des traditionellen
Lohnarbeitsverhältnisses, dessen Folge eine sozioökonomische
Gefährdung von großen Teilen der abhängigen Beschäftigten
ist.
Familialer Wandel und veränderte Sozialisiationsbedingungen
Wir wollen ferner solche paradoxalen Entwicklungen im Bereich der familialen
Sozialisation untersuchen, in der sich gegenwärtig ein beschleunigter
Prozess der Enttraditionalisierung vollzieht, der zu einer Deinstitutionalisierung
der bürgerlichen Kleinfamilie führt. Was in dieser Sphäre
als eine mögliche Paradoxie erscheinen kann, sind die sozialisatorischen
Konsequenzen, die mit der Pluralisierung von Familienformen einherzugehen
drohen: Im Zuge der radikal gewandelten Beziehungsmuster zwischen Vater
und Mutter mag sich die symbolisch repräsentierte Triangularität
im Sozialisationsprozess so aufzulösen beginnen, dass die Kinder
die Fähigkeit zu stabilen Bindungen verlieren und mit wachsenden
Schwierigkeiten im Gruppenverhalten reagieren. Wir wollen daher untersuchen,
welche sozialisatorischen Folgen sich aus der veränderten Beziehungsstruktur
in sogenannten 'postmodernen' Familien ergeben.
Kulturindustrie und elektronische Medien
Von einer paradoxalen Entwicklung sprechen wir ferner in Bezug auf
kulturelle Entwicklung der hochentwickelten Gesellschaften des Westens:
Im Zuge einer Demokratisierung von Bildung und Öffentlichkeit verliert
die bürgerliche Kultur hier die Exklusivität und Ausschließlichkeit
ihrer alleinigen sozialen Geltung, was auch die Legitimität minoritärer
und subkultureller ästhetischer Muster erhöht. Durch denselben
Prozess der Delegitimierung der bürgerlichen Oberschichtenkultur
wachsen allerdings auch die Möglichkeiten der kommerziellen Kulturindustrie,
ihre vor allem medialen Konsumangebote ausschliesslich nach Maßgabe
ökonomischer Rentabilität am bloßen Unterhaltungswert
zu orientieren, wodurch das substanzielle Niveau kultureller Bildung
und ästhetischer Sensibilität, wie es sich nunmehr in den
Angeboten der populären Kultur repräsentiert, aufgrund der
medialen Konkurrenzkämpfe der Tendenz nach eher im Sinken begriffen
ist. Zudem favorisiert die kommerzielle Medienkultur jene gesellschaftlichen
Milieus, die in ihrem eigenen Lebensstil den verkäuflichen Unterhaltungsmustern
am meisten entsprechen, während weniger auffällige Sozialmilieus
eher geringere Chancen öffentlicher Darstellung finden.
Wandlungen des Sozialstaats und Demokratie
Schliesslich sind wir der Überzeugung, dass auch in Bezug auf
die Entwicklung des Sozialstaates in den westlichen Gesellschaften von
einer Paradoxie gesprochen werden kann: Im Zuge der reflexiven Überwindung
des überbürokratisierten Sozialstaates, wie sie sich heute
durch Schaffung von klientelnäheren, flexiblen Versorungsmustern
in unterschiedlichen Arenen der Zivilgesellschaft vollzieht, entsteht
gleichzeitig die Gefahr einer Auflösung jener sozialen Rechte,
die die Ansprüche der Betroffenen bislang geschützt haben.
Zu denken ist hier vor allem an Tendenzen einer schleichenden Vermarktlichung
der sozialen Dienste, in deren Windschatten soziale Rechte durch ein
noch unübersichtliches Gewebe aus paternalistischer Fürsorge
und individueller Gegenleistung ersetzt werden.
September 2001
Siehe auch: Schwerpunkte und
Projekte
INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG an der
Johann Wolfgang Goethe-Universität
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