Rumänische Wanderarbeiter_innen in der deutschen Baubranche. Eine klassifikationstheoretische Studie

Antragstellung: Prof. Dr. Ferdinand Sutterlüty

Projektbearbeitung: Christian Sperneac-Wolfer M. A., Prof. Dr. Ferdinand Sutterlüty

Förderinstitution: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Zeitraum der Förderung: 1. Juli 2021 bis 30. Juni 2024

In der deutschen Bauwirtschaft arbeiten zehntausende Wanderarbeiter_innen aus Rumänien, einem der ärmsten Länder der Europäischen Union, in hochgradig prekären Arbeitsverhältnissen. Diese unterschreiten häufig gesetzliche Mindeststandards; Löhne werden teilweise gar nicht ausbezahlt. Deshalb wird die Arbeit in Deutschland von Wanderarbeiter_innen und in der rumänischen Öffentlichkeit bisweilen als ›Sklavenarbeit‹ bezeichnet. Das empirisch ausgerichtete Forschungsvorhaben untersucht, warum rumänische Wanderarbeiter_innen dennoch bereit sind, in derartige Arbeitsverhältnisse einzutreten. Es verfolgt das Ziel, deren Bereitschaft zu dieser offenkundig auch mit Gratifikationen verbundenen Arbeit in Deutschland zu erklären. Hierzu konzentriert sich das Forschungsprojekt auf einen bestimmten Deutungstypus, nämlich den der sozialen Klassifikationen, durch den Wanderarbeiter_innen ihre Arbeitsverhältnisse wahrnehmen und bewerten. Solche zugleich kognitiven und evaluativen Klassifizierungen sind in ihrer Semantik eng mit den Lebenswirklichkeiten der Akteur_innen verbunden. Mit dem verfolgten Ansatz stehen ebenso tief in das kulturelle Gefüge eingebettete Klassifikationsmuster im Fokus, die ihrerseits als ein Orientierungssystem die Interpretationen, Diskurse und Handlungsweisen der Akteur_innen vorstrukturieren.

Vier Dimensionen der Forschungsfrage stehen im Zentrum des Vorhabens. Es untersucht, wie bestimmte Voraussetzungen der Wanderarbeit (1), etwa Arbeitsvermittlungsnetzwerke oder Migrationskulturen in Rumänien, sich in Klassifikationen niederschlagen und jene Bereitschaft zur temporären Arbeit in Deutschland formen. Anhand der arbeitsbezogenen Ansprüche von Wanderarbeiter_innen (2) expliziert das Vorhaben deren Bewertungsmaßstäbe, die bisher weder in der arbeits- noch in der migrationssoziologischen Forschung viel Beachtung gefunden haben. In den Arbeitskonflikten der Wanderarbeiter_innen (3) werden die Folgen ihrer Klassifikationen für Konfliktverläufe in Deutschland eruiert. Schließlich wird der rumänische Kontext (4) mit seinen Klassifikationsmustern und -semantiken durchleuchtet, die informelle Arbeitsverhältnisse befördern, und auf den deutschen Arbeitskontext bezogen.

Als Erhebungsinstrumente werden neben mehrsprachigen teilnarrativen Interviews mit Wanderarbeiter_innen und deren Angehörigen in Rumänien auch Beobachtungsstudien eingesetzt. Im Sinne einer Multi-Sited Ethnography finden diese etwa in Arbeiterunterkünften und Kneipen in Deutschland statt; die Erhebung im rumänischen Herkunftskontext der Wanderarbeiter_innen erfolgt durch zwei mehrmonatige Forschungsaufenthalte. Das Sampling, die Auswertung und die Theorieentwicklung orientieren sich an den Verfahren der Grounded Theory. Die zu entwickelnde Theorie soll die Bedeutung und Wirkmächtigkeit von sozialen Klassifikationen für die Wanderarbeit aufzeigen und damit über die empirischen Ergebnisse hinaus auch einen konzeptionellen Beitrag zur Arbeits- und Klassifikationssoziologie leisten.

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