Michel Foucault
Zwischenbilanz einer Rezeption
Frankfurter Foucault-Konferenz 2001
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Pressemitteilung
zum Programm
Internationale Konferenz:
Michel Foucault
Zwischenbilanz einer Rezeption
Institut für Sozialforschung, Frankfurt am Main
27. bis 29. September 2001
Das Werk des französischen Philosophen Michel Foucault hat nicht
erst seit seinem Tod im Jahre 1984 international in den unterschiedlichsten
Disziplinen zu einer Vielzahl von produktiven Fortbildungen und Neuerungen
geführt; ob nun im Bereich der politischen Theorie, der philosophischen
Ethik, der Soziologie, Kulturtheorie oder der Wissenschaftsgeschichte,
auf all diesen Gebieten sind Anregungen aus seinen Schriften aufgenommen
und häufig bis hin zu Paradigmenänderungen weiterentwickelt
worden. Es dürfte kaum einen Autor in den letzten Jahrzehnten im
Bereich der Humanwissenschaften gegeben haben, dessen Werk so schnell
bestimmende Sichtweisen oder herrschende Begrifflichkeiten zu ändern
vermocht hat; längst werden etwa in der Gesellschaftstheorie zum
Begriff der Modernisierung die gegenläufigen Prozesse einer sozialen
Disziplinierung stets hinzugedacht, längst finden auch in der Wissenschaftsgeschichte
die herrschaftsbedingten Zäsuren in der systematischen Produktion
von Wissen eine wesentlich größere Berücksichtigung
und längst werden in der politischen Theorie die dezentralen Mechanismen
der Machtausübung und -erhaltung viel genauer untersucht als noch
vor 25 Jahren.
Zu dieser international enorm fruchtbaren Wirkung steht die deutschsprachige
Rezeption des Werkes von Foucault in einem eigentümlichen Missverhältnis.
Zwar hat sich gerade auch hier in Frankfurt schon früh eine philosophische
Diskussion um seine Theorie entwickelt, in deren Zentrum die normativen
Konsequenzen der von ihm entwickelten Vernunftkritik standen, aber in
den humanwissenschaftlichen Einzeldisziplinen selber blieben seine Schriften
oft ohne größeren expliziten Einfluss; neben vereinzelten
Versuchen einer positiven Würdigung finden sich nur wenige Anstrengungen,
das Potenzial des vielgestaltigen Werkes Foucaults auszuschöpfen,
um überkommene Begriffe und Konzepte kritisch zu überprüfen
und zu neuen Sichtweisen zu gelangen. Eine Bilanz der unterschiedlichen
Effekte, Kritiken und Aneignungen ist überfällig. Die internationale,
vom Frankfurter Institut für Sozialforschung in Kooperation mit
dem Institut für Philosophie der Johann Wolfgang Goethe-Universität
und dem Suhrkamp Verlag ausgerichtete Konferenz verfolgt den Zweck,
die ersten Schritte zu unternehmen, um diese eklatante Lücke zu
schließen.
Eine Kombination von zwei verschiedenen Veranstaltungstypen soll zumindest
annähernd der ganzen Breite des Werkes und der Rezeption Foucaults
gerecht werden: größer angelegte Plenarveranstaltungen, die
vier zentrale Themen seiner Schriften behandeln werden, mit jeweils
einem Vortrag eines international renommierten Wissenschaftlers oder
einer Wissenschaftlerin, auf den zwei kommentierende Beiträge antworten.
Die Themen hier sind der Reihe nach die neuere Wissenschaftsgeschichte,
die politische Theorie, die Kulturtheorie im weitesten Sinn und die
philosophische Ethik.
Weil aber mit diesen vier Fachgebieten noch längst nicht das
abgedeckt wäre, was sich an produktiver Wirkung der Schriften Foucaults
in den humanwissenschaftlichen Einzeldisziplinen beobachten lässt,
wird in thematischen Workshops in einem kleineren Kreis von Fachleuten
und Interessierten diskutiert; hier sollen kürzere Referate die
folgenden Themen behandeln: unter dem Titel Subjektivierung als
Kontrolle den anhaltenden Einfluss Foucaults auf die Diskussion
innerhalb der politischen Theorie und Soziologie um die Entstehung neuer
Macht- und Kontrolltechniken; in Genealogie als Kritik die
seit einigen Jahren geführte sozialphilosophische Diskussion um
den systematischen Charakter und normativen Gehalt verschiedener Kritikformen;
Foucaults teilweise indirekten Einfluss auf die Kunstgeschichte; die
Wirkung auf die Kriminologie und die Frage nach dem Strafsystem;
editorische Fragen (Übersetzungen, die Rolle des Nachlasses, Besonderheiten
der deutschen Rezeption); schließlich Foucaults Einfluss auf die
Geschichtsschreibung und Geschichtstheorie.
Eröffnet wird die Konferenz am ersten Abend mit Überblicksvorträgen
von Prof. Axel Honneth (Institut für Sozialforschung) und Prof.
Paul Veyne aus Paris, einem der bekanntesten französischen Historiker,
der mit Foucault befreundet war und zusammengearbeitet hat. Nach dem
Vortragsprogramm des zweiten Tages ist eine Vorführung von Filmen
und Videos mit einer biographischen Einführung geplant (Programm
und Ort werden noch bekannt gegeben); am letzten Tag wird ein in Zusammenarbeit
mit dem Suhrkamp Verlag veranstalteter Abend mit Lesungen deutscher
Schriftsteller (Namen werden noch bekannt gegeben), die ihre Arbeit
in einen Kontext der Themen und Ästhetik Foucaults stellen könnten,
das Programm beschließen.
Zu den Plenarveranstaltungen:
Die Ordnungen des Wissens versammelt renommierte Vertreterinnen
und Vertreter der neueren Wissenschaftsgeschichte. Dass sich diese Disziplin
erst mit einiger Verspätung auch in Deutschland akademisch zu etablieren
vermag, hängt auch mit einem pluralen Methodenverständnis
zusammen, das den Traditionen mancher Disziplinen entgegensteht, das
aber seine Inspiration unter anderem aus dem heterodoxen Werk Foucaults
bezogen hat. Ein neuer synoptischer Blick auf Wissens- und Wissenschaftsproduktion
im Kontext von Diskurssystemen, Machtstrukturen und technologischen
Innovationen hat hier erstaunliche Einzelanalysen ermöglicht und
den Phänomenbereich historischer Forschung auf innovative Weise
erweitert, vielleicht sogar dazu beigetragen, starre Dualismen zwischen
Natur und Gesellschaft, Technik und Kultur zu dynamisieren. Den Hauptvortrag
wird Prof. Arnold Davidson aus Chicago halten, ein renommierter Foucault-Forscher
und Wissenschaftstheoretiker, außerdem Herausgeber der wichtigen
kulturwissenschaftlichen Zeitschrift Critical Inquiry.
Analytik der Politik widmet sich dem Bild von Politik,
das im Werk Foucaults entworfen ist. Dabei geht es einerseits um eine
Klärung und Präzisierung dessen, was er unter dem Titel einer
Analytik der Macht als einer notwendigen Durchgangsstufe
jeder gesellschaftstheoretischen Reflexion gefordert hat. Andererseits
soll aber auch Foucaults eigene Öffnung dieser Perspektive am Ende
der siebziger Jahre einbezogen werden, die mit dem Grundbegriff der
gouvernementalité das Wechselspiel zwischen übersubjektiven
Machtstrukturen und Kräfteverhältnissen auf der einen, Subjektivitätsformen
und individuellen Dispositionen auf der anderen Seite beleuchtet hat.
Für diese Diskussion haben sich gerade in den letzten Jahren die
Ausgangsvoraussetzungen durch Herausgaben und Übersetzungen entscheidend
verändert. Die Hauptrednerin Prof. Nancy Fraser aus New York ist
eine der bekanntesten politischen und feministischen Philosophinnen,
die sich schon früh auf Foucault bezogen haben.
Macht und Körper bezieht die politisch-gesellschaftstheoretischen
Fragen auf ein spezifisches Phänomen, das Foucault selbst in Der
Wille zum Wissen (1976) als den paradigmatischen Fall der Wirkung
moderner Macht ausgezeichnet hat. Die These, nicht nur soziale Rollen,
Institutionen und Werte, sondern auch die als natürlich vorausgesetzten
körperlichen Objekte der Machtausübung seien von ihr schon
geprägt, hat trotz aller Kritik am sozialen Konstruktivismus nichts
von ihrer Brisanz verloren. Sie hat weite Bereiche der feministischen
Theorie und speziell die Debatten um das Verhältnis von sex und
gender beeinflusst, hat zur Formierung einer wissenschaftlichen Geschichte
des Körpers beigetragen und nicht zuletzt auch die politische
Artikulation von geschlechtlicher/sexueller Identität im Kampf
um soziale Anerkennung nachhaltig geprägt. Wahrscheinlich ist die
Idee einer körpergewordenen Materialität der Macht nicht unabhängig
vom komplexen Verhältnis Foucaults zur Psychoanalyse zu verstehen,
möglicherweise bieten die neuere Geschlechterforschung, Queer Theory
und auch der Stand der politischen Problemlage Ansätze zur kritischen
Weiterführung seiner Diagnosen. Prof. Judith Butler aus Berkeley
ist eine der international wichtigsten Vertreterinnen dieser Debatte.
Ästhetik der Existenz weist schon im Titel auf den
Aspekt im Werk Foucaults hin, der in den letzten zehn Jahren vor allem
auch in Deutschland am stärksten präsent war. Die von Foucault
in den letzten Jahren vor seinem Tode entworfene und nur ansatzweise
ausgearbeitete Geschichte der Ethik und des Subjekts und seine kritische,
aber emphatische Rezeption der antiken Selbstsorge fesseln
die Kommentatoren und Leser immer noch. Ob sich das Schlagwort vom Leben
als Kunstwerk zur philosophisch befriedigenden ethischen Orientierung
erweitern lässt, ist mit Recht umstritten. Prof. Alexander Nehamas
aus Princeton war mit seinen auch ins Deutsche übersetzten Büchern
eine entscheidende Stimme in dieser Diskussion.
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Weitere Informationen:
Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität
Senckenberganlage 26, 60325 Frankfurt am Main
Telefon: 069 - 75 61 83 0
Telefax: 069 - 74 99 07
Email: ifs@rz.uni-frankfurt.de
INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG an der
Johann Wolfgang Goethe-Universität
Senckenberganlage 26 60325 Frankfurt am Main Telefon:
069 - 75 61 83 0 Telefax: 069 - 74 99 07
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