»Bringing It All Back Home« - Zum kritischen Gehalt von Bob Dylans Werk
11. bis 13. Mai 2006
Seit seinen Anfängen ist das Werk Bob Dylans Gegenstand zahlloser Analysen und Interpretationen gewesen. Dylans Musik hat eine besonders komplexe und auch widersprüchliche Wirkungsgeschichte hinter sich, die von Anfang an auf Deutungen angewiesen war und dies auch weiterhin ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Produkten der Popbranche versteht sich Dylans Musik offenbar nicht von selbst, sondern zwingt Auslegungen und Interpretationen herbei. Und das, obwohl sie sich im Kern doch wiederum als ein Ereignis versteht, das "in den Wind geschrieben" wird, d.h. als ein unwiederholbares Livegeschehen, dem eine Repräsentanz in der Schrift fehlt.
Die "hermeneutische" Auseinandersetzung mit dem lyrischen Gehalt, der kompositorischen Eigenart und der performativen Gestalt seines Werks setzt bereits in den ersten Jahren seines öffentlichen Auftretens ein und dauert bis heute an: ob nun auf dem Gebiet der Ästhetik, der Literaturwissenschaft oder der soziologischen Medientheorie; in allen diesen Bereichen sind seine Texte, Kompositionen oder Aufführungen zur Quelle von Debatten über das Verhältnis von Popmusik und moderner Kunst geworden. Wie kaum ein zweiter Songwriter der Popgeneration hat Bob Dylan es mit seinem musikalischen Oeuvre vermocht, die eingespielten Grenzziehungen zwischen bloßer Unterhaltungsmusik und ernsthafter, autonomer Kunst in Frage zu stellen; zwar wird er im Allgemeinen weiterhin als eine zentrale Repräsentationsfigur der Rockmusik betrachtet, aber seine Lieder sind viel zu komplex, seine Aufführungspraxis viel zu reflexiv, als dass er nicht zugleich auch von den meisten Interpreten als ein Komponist mit eigenständigen Kunstintentionen angesehen würde. Kaum jemand dürfte daher heute noch bezweifeln, dass sich im Werke Dylans die subversive Transformation der Rockmusik in eine besondere Form der autonomen Kunst vollzieht.
Zu dieser international enorm fruchtbaren Wirkung steht die akademische Rezeption des Werkes von Dylan in einem eigentümlichen Missverhältnis. Neben vereinzelten Versuchen, den Ausdrucksgehalt der Kompositionen und Aufführungen musik- oder sozialgeschichtlich zu deuten, finden sich kaum interdisziplinäre Anstrengungen, das ästhetische Potenzial seines Oeuvres im Spannungsfeld von Popmusik und autonomer Kunst auszuschöpfen.
Der Internationale Bob Dylan-Kongress hat das Ziel, erste Schritte zu unternehmen, um diese Lücke zu schließen. Da die klassische, bis heute vorherrschende Entgegensetzung von Kulturindustrie und moderner Kunst in den Schriften von Adorno und Horkheimer am Institut für Sozialforschung entstanden ist, scheint die Stadt Frankfurt der angemessene Ort, um eine solche Konferenz durchzuführen.
Programm
Donnerstag, 11. Mai 2006
Johann Wolfgang Goethe-Universität, Campus Bockenheim, Hörsaal V
Mertonstraße
15.30 - 18.00 Uhr
Eröffnungsveranstaltung
Richard Klein, Freiburg:
"If You Can Read My Mind, Why Must I Speak?"
Bob Dylan als Herausforderung der Ästhetik
Stephen Scobie, Victoria/Canada:
"Chronicles Vol. II"
Freitag, den 12. Mai 2006
CineStar Metropolis, Eschenheimer Anlage 40
9.00 - 13.00 Uhr
Sektion I: Rockmusik als geschichtliche Erfahrung
Moderation:
Harry Nutt, Frankfurt a. M.
Axel Honneth, Frankfurt a. M.: Ästhetische Artikulation von Ambivalenz - Bob Dylan und seine Zeit
Annette Simon, Berlin: Bob Dylan als Identifikationsobjekt für Ost-West-Phantasien
Peter Kemper, Frankfurt a. M.: "I Don't Believe In Zimmerman" - John Lennon & Bob Dylan: Ein Lehrstück der Ambivalenz
Susan Neiman, Potsdam: American Dreams
Freitag, den 12. Mai 2006
CineStar Metropolis, Eschenheimer Anlage 40
15.00 - 18.30 Uhr
Sektion II: Kulturindustrie als autonome Kunst
Moderation:
Rüdiger Dannemann, Essen
Betsy Bowden, Berkeley/Calif.:
The Album as Aesthetic Unit: Bob Dylan and Frank Sinatra
Tilo Wesche, Basel: Narrativität bei Bob Dylan und Johnny Cash
Sonja Dierks, Freiburg: Stimme in Masken, Masken in der Stimme: am Beispiel "Hard Rain"
Wolfram Ette, Chemnitz: Dylans Distanz zu sich
20.00 - 22.00 Uhr (Einlass 19.30 Uhr)
hr-Sendesaal, Bertramstr. 8
Podiumsdiskussion: "Don't Look Back" - Dylan in Deutschland
mit Günter Amendt, Hamburg
Hanns Peter Bushoff, München
Diedrich Diederichsen, Berlin
Richard Klein, Freiburg
Susan Neiman, Potsdam
Siegfried Schmidt-Joos, Berlin
Moderation: Peter Kemper, Frankfurt a. M.
Im Foyer: "The Devilish DoubleDylans"
Samstag, den 13. Mai 2006
CineStar Metropolis, Eschenheimer Anlage 40
9.00 - 13.00 Uhr
Sektion III: Verweigerung als Messianismus
Moderation: Klaus Walter, Frankfurt a. M.
Jean-Martin Büttner, Zürich: "It Ain't Me Babe" - Dylans Verweigerung als List und Tücke
Johann Kreuzer, Oldenburg: Die Zeit der Prophetie
Klaus Theweleit, Freiburg: "Chronicles" oder: Eine neue Art des Biographie-Schreibens
Martin Schäfer, Basel: »I Dreamed A Monstrous Dream«. Bob Dylans Weg von der Utopie zur Anti-Utopie
15. 00 - 17.00 Uhr
Abschlußvorträge:
Heinrich Detering, Göttingen: "I Believe In You" - Dylan und die Religion
Michael Gray, North Yorkshire: "Standing In Adorno Crying?"
20.00 - 24.00 Uhr (Einlass 19.30 Uhr)
hr-Sendesaal, Bertramstr. 8
"Dylan on the Edge" - Annäherungen an ein Idol
-
Die Große Bob Dylan-Nacht -
mit Gesprächen, Filmen und Musik:
Die Band "FSK" u. a. mit dem Schriftsteller Thomas Meinecke, München / Wiglaf Droste und das "Spardosen-Terzett", Berlin / "Jewels and Binoculars" Michael Moore, Lindsey Horner, Michael Vatcher play music of Bob Dylan, New York / Ein Streitgespräch über "Like A Rolling Stone" - Dylan und die Frauen" mit Beiträgen von Elke Buhr, Greil Marcus, Klaus Theweleit und Klaus Walter / Im Foyer: "The Devilish DoubleDylans" u. a.
Moderation: Peter Kemper
Der Eintritt zu den Kongressveranstaltungen in der Johann Wolfgang Goethe-Universität und dem Cinema Metropolis ist frei.
Podiumsdiskussion "Don't Look Back" - Dylan in Deutschland, 12. Mai, 20.00 Uhr, hr-Sendesaal, Bertramstr. 8, 60320 Frankfurt am Main: 12,50 € incl. VVK + RMV
Die Große Bob Dylan-Nacht "Dylan On The Edge"-Annäherungen an ein Idol, 13. Mai, 20.00 Uhr, hr-Sendesaal, Bertramstr. 8, 60320 Frankfurt am Main: 29,50 € incl. VVK + RMV