Vortrag
Christian Stegbauer, Alexander Rausch und Elisabeth Bauer:
Kooperation - warum?
Der Versuch einer Erklärung am Beispiel von Wikipedia |
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Montag, 26. Februar 2007
19.00 Uhr
IfS Sitzungssaal 1
Im Vortrag werden verschiedene Gründe für die Bereitschaft zu Kooperation und zur Erstellung von öffentlichen Gütern erörtert.
Die Erklärungen, welche die »zwei Soziologien« (Vanberg) eines individualistischen beziehungsweise eines kollektivistischen Modells anbieten, sind beide nicht überzeugend: Weder die utilitaristische, die ihren Widerhall im methodologischen Individualismus findet und auf den Eigennutz als Triebfeder für kooperatives Handeln setzt, noch diejenige, die im Anschluss an Durkheim oder Tönnies auf starke Bindungen zwischen den Menschen setzt, kann erklären, warum sich viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen mit sehr großem Einsatz an einem Unternehmen wie der Erstellung der Online-Enzyklopädie Wikipedia beteiligen. Unter den bislang mit dem Phänomen befassten Sozialwissenschaftlern gilt daher Wikipedia als »unmögliches öffentliches Gut« (Ciffolilli), da »Belohnungen« oder »individuelle Gewinne« kaum zu verzeichnen sind: Die Autorinnen und Autoren treten bei Wikipedia nicht als Personen in Erscheinung. Und obgleich in dem Projekt auch ideologische, das heißt auf Werte bezogene Ideen eine Rolle spielen, kann ihnen doch nicht die bindende und richtende Kraft der »Orts-«, »Bluts-« oder »Geistesge-
meinschaft«, wie sie die frühen Soziologen im Sinn hatten, zugeschrieben werden.
An ausgewählten Beispielen soll die Struktur der Erstellung von Inhalten bei Wikipedia nachgezeichnet werden. Dabei wird deutlich, dass das Engagement an Positionen und Rollen gebunden ist. Der neuere amerikanische Strukturalismus (Harrison White) hat gezeigt, wie Positionen jenseits der alten Rollentheorie einer sozialen Aushandlung zwischen den Beteiligten unterliegen. Schon aus der »alten« Rollentheorie ist bekannt, dass Rollenhandeln nicht an individuelle Motive gebunden ist, sondern an die Erfordernisse, die sich aus der jeweiligen Position ergeben. Die Struktur der Beteiligung ist demnach Ergebnis eines solchen Prozesses.
Hieraus kann man den vorläufigen Schluss ziehen, dass die Positionierung von Teilnehmerinnen und Teilnehmern für den Level an Engagement und den Platz entscheidend ist, den jemand im weitgehend von selbst entstandenen Organisationsgefüge einnimmt. Eine Nebenfolge dieses Positionierungsprozesses ist, dass Widersprüche zwischen der zunächst partizipatorischen Ausrichtung des Projektes Wikipedia und den Anforderungen an ein »gutes« Produkt entstehen.
Christian Stegbauer, Dr. phil., ist Privatdozent für Soziologie an der Universität Frankfurt. Neuere Veröffentlichungen: (zusammen mit Alexander Rausch): Strukturalistische Internetforschung. Netzwerkanalysen internetbasierter Kommunikationsräume. Wiesbaden: VS-Verlag 2006; Geschmackssache? Eine kleine Soziologie des Genießens. Hamburg: Merus 2006.
Alexander Rausch, Dipl. Mathematiker, ist Mitarbeiter im HRZ der Universität Frankfurt. Veröffentlichung: (zusammen mit Christian Stegbauer): Strukturalistische Internetforschung. Netzwerkanalysen internetbasierter Kommunikationsräume. Wiesbaden: VS-Verlag 2006.
Elisabeth Bauer, Politologin, ist Projektmitarbeiterin im Projekt »Konstitution und Erhalt von Kooperation am Beispiel von Wikipedia« und Administratorin bei Wikipedia.
INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG an der
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