Vortrag

Peter Wehling

Biopolitik zwischen Selbstbestimmung und gesellschaftlichem Optimierungsdruck. Soziologische Fragestellungen und Perspektiven

Montag, 1. Oktober 2007
19 Uhr c.t.
IfS Sitzungssaal 1

 

Unter dem Titel »Biopolitik« werden gegenwärtig weitreichende Transformationen des menschlichen Körpers und der »Natur« des Menschen wissenschaftlich-technisch anvisiert und gesellschaftlich kontrovers diskutiert. Diese Auseinandersetzungen werden – neben den Naturwissenschaften – vor allem von der Bioethik geprägt, während die Sozialwissenschaften, und besonders die Soziologie, bislang eine eher randständige Rolle spielen. In dem Vortrag wird untersucht, welchen Beitrag die Soziologie oder eine »soziologische Aufklärung«, wie dies Wolfgang van den Daele in Anlehnung an Niklas Luhmann genannt hat, im Feld der Biopolitik leisten kann und soll. Van den Daele reduziert die Soziologie allerdings auf eine Art empirische Hilfswissenschaft für die bioethische Entscheidungsfindung; demgegenüber wird versucht darzustellen, worin der weiter reichende Beitrag einer kritischen Soziologie und Gesellschaftstheorie zu den biopolitischen Kontroversen bestehen könnte. Als wichtige Fragestellungen soziologischer Reflexion und »Aufklärung« erweisen sich dabei: Welches sind die sozialen Hintergründe und Antriebskräfte biopolitischer und -medizinischer Dynamiken? Lassen sich Tendenzen zu einer – für moderne Gesellschaften unerwarteten – Re-Naturalisierung oder »Biologisierung« sozialer Verhältnisse beobachten? Mit welchen sozialen und kulturellen Konsequenzen ist zu rechnen, wenn bisher handlungsleitende Unterscheidungen wie natürlich-künstlich, gesund-krank, Heilung-Optimierung sich verwischen und ihre Orientierungsfunktion einbüßen? Und inwieweit kann im Feld der Biopolitik in einem nicht bloß vordergründigen, ausschließlich auf das Fehlen äußeren Zwangs abstellenden Sinn von selbstbestimmten, autonomen Entscheidungen der Individuen gesprochen werden, wenn sich die gesellschaftlichen Erwartungen an körperliche und mentale (Selbst-) Optimierung mehr und mehr verdichten?

 

Peter Wehling ist Privatdozent für Soziologie an der Universität München und Forschungsmitarbeiter an der Universität Augsburg im Sonderforschungsbereich »Reflexive Modernisierung«. Ab dem 1. September 2007 vertritt er eine Professur für Wissenschafts- und Techniksoziologie an der Universität Bielefeld.
Er forscht insbesondere zu gegenwärtigen Transformationsprozessen moderner Gesellschaften, zu Hintergründen, Formen und Konsequenzen biomedizinischer und biopolitischer Entwicklungen sowie zur Bedeutung des Nichtwissens in (vermeintlichen) Wissensgesellschaften.
Veröffentlichungen: Im Schatten des Wissens? Perspektiven der Soziologie des Nichtwissens. Konstanz: UVK 2006; Wissenschaft zwischen Folgenverantwortung und Nichtwissen. Aktuelle Perspektiven der Wissenschaftsforschung. Wiesbaden: VS-Verlag 2004 (mit Stefan Böschen); Die Moderne als Sozialmythos. Zur Kritik sozialwissenschaftlicher Modernisierungstheorien. Frankfurt a. M. und New York: Campus 1992.


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