Frankfurter Adorno-Vorlesungen |
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Seit 2002 veranstaltet das Institut für Sozialforschung in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag jährlich Vorlesungen, die an drei Abenden an Theodor W. Adorno erinnern sollen. Dabei geht es nicht um eine philologische Ausdeutung seines Werks, sondern darum, seinen Einfluss auf die heutige Theoriebildung in den Humanwissenschaften zu fördern und die lebendigen Spuren seines interdisziplinären Wirkens in den fortgeschrittenen Strömungen der Philosophie, der Literatur-, Kunst- und Sozialwissenschaften sichtbar zu machen. Für die diesjährigen Vorlesungen konnte der Soziologe Luc Boltanski gewonnen werden.
19. bis 21. November 2008
Luc Boltanski
Sociologie et critique sociale /
Soziologie und Sozialkritik
Mittwoch, 19. November
18.30–20.30 Uhr
Sociologie critique et sociologie de la critique / Kritische Soziologie und Soziologie der Kritik
Donnerstag, 20. November
18.30–20.30 Uhr
Le pouvoir des institutions /
Die Macht der Institutionen
Freitag, 21. November
18.30–20.30 Uhr
La nécessité de la critique /
Die Notwendigkeit der Kritik
I.
In seiner ersten Vorlesung befasst sich Luc Boltanski mit einigen Problemen, die sich aus der Verbindung von Soziologie und Sozialkritik ergeben. Während sich die Soziologie als eine im Kern deskriptive Wissenschaft versteht, ist die Sozialkritik darüber hinaus an normativen Idealen orientiert. Ausgangspunkt von Luc Boltanskis Überlegungen bildet die analytische Unterscheidung zwischen diesen beiden Modellen von Sozialforschung. Während Theorieprogramme des ersten Typs so tun, als könne man die soziale Welt von außen betrachten, und dabei behaupten, sie lediglich darzustellen, ohne über sie ein Urteil zu fällen, sind Theorieprogramme des zweiten Typs zwar mit solchen Beschreibungen verknüpft, doch suchen sie zugleich nach Ansatzpunkten für eine Kritik der sozialen Welt. Diese Ansatzpunkte müssen robust genug sein, um dem Einwand standzuhalten, bloß Ausdruck einer partikularen Moral oder eines partikularen Interesses zu sein. Im Anschluss an eine kurze Betrachtung des Verhältnisses von Beschreibung und Kritik in verschiedenen klassischen Soziologien setzt sich Luc Boltanski ausführlicher mit der französischen kritischen Soziologie der 1960er und 1970er Jahre sowie mit dem Programm einer pragmatischen Soziologie der Kritik auseinander, das er in den 1980er Jahren maßgeblich mitbegründet und seither weiterentwickelt hat.
II.
In seiner ersten Vorlesung hat Luc Boltanski gezeigt, dass sich die Formen der Kritik in den verschiedenen Theorieprogrammen – insbesondere in der kritischen Soziologie und in der Soziologie der Kritik – als voneinander abweichend oder unvereinbar präsentieren. In seiner zweiten Vorlesung entwickelt er nun einen Analyserahmen, der es erlauben soll, diese unterschiedlichen Formen der Kritik zu integrieren. Dieser Rahmen geht von einem »Urzustand« aus, in dem sich die in die soziale Welt geworfenen Akteure in einer Situation radikaler Ungewissheit befinden. Um mit dieser Unsicherheit fertig zu werden, sie zu beseitigen oder zu verdrängen, entwickeln die sozialen Akteure unterschiedliche Strategien, die zum Teil durch ein hohes Reflexionsniveau charakterisiert sind und die Form der »Bestätigung« oder der »Kritik« haben. Er wendet sich zuerst der »Bestätigung« zu. Ihre Analyse führt ihn zu der für die Soziologie klassischen Frage der Institutionen. Um sie analytisch von Organisationen und Verwaltungen zu unterscheiden, untersucht er vor allem ihre semantischen Funktionen. Institutionen haben die Aufgabe der Realitätsdeutung. Darin liegt ihre Macht. Sie sagen allgemein verbindlich, wie es sich mit der Wirklichkeit des Gegebenen verhält. Unablässig müssen sie bestätigen, dass es so etwas wie eine Realität gibt, dass diese Realität Bestand hat und dass sie zu Recht und gerechterweise so ist, wie sie ist.
III.
Die dritte Vorlesung ist der Kritik gewidmet. Kritik und Institutionen sind wechselseitig ineinander verzahnt. Ohne Kritik drohen institutionelle Macht und institutionelle Herrschaft totale Züge anzunehmen. Umgekehrt bezieht sich die Kritik auf Spannungen und Widersprüche, die den Institutionen immanent sind: Um sich über den endlosen Austausch zwischen individuellen Perspektiven zu stellen und damit dem Anspruch auf Allgemeinheit gerecht zu werden, muss sich die Institution als Emanation eines körperlosen Wesens präsentieren. Um jedoch die Konturen der Realität zu ermitteln, muss sie sich zugleich auf leibhaftige, sozial situierte Sprecher berufen. Diesen Widerspruch bezeichnet Luc Boltanski als hermeneutischen Widerspruch. Er bietet der Kritik ihre Ansatzpunkte. Ausgehend von der Unterscheidung zwischen »Realität« und »Welt«, unterscheidet Boltanski zwischen reformistischer und radikaler Kritik. Reformistische Kritik bringt Abweichungen und Normverletzungen zur Sprache, indem sie sich positiv auf geltende Normen und Realitätsdeutungen bezieht und also die institutionell konstruierte Realität bestätigt. Radikale Kritik dagegen bringt Erfahrungen in der Welt zur Sprache, die bisher jenseits der öffentlichen Wahrnehmung waren und nun die herrschende Realität in Zweifel ziehen. Abschließend stellt Luc Boltanski einige Hypothesen darüber an, wie eine soziologische Analyse des Spiels der Kritik dazu beitragen könnte, Horizonte der Emanzipation zu umreißen.
Luc Boltanski ist Professor für Soziologie an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris und Mitglied der Groupe de Sociologie Politique et Morale. In deutscher Sprache sind von ihm die folgenden Bücher erschienen: Luc Boltanski 1990 [1982]: Die Führungskräfte. Die Entstehung einer sozialen Gruppe. Frankfurt a. M. und New York: Campus; Luc Boltanski und Laurent Thévenot 2007 [1991]: Über die Rechtfertigung. Eine Soziologie der Urteilskraft. Hamburg: Hamburger Edition; Luc Boltanski und Ève Chiapello 2003 [1999]: Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK; Luc Boltanski 2007 [2004]: Soziologie der Abtreibung. Zur Lage des fötalen Lebens. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Veranstaltungsort:
Goethe-Universität, Campus Bockenheim
Mertonstraße 17–21
Hörsaal I
Eintritt frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Veranstalter:
Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag
Weitere Informationen:
069/75 61 83–16
INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG an der
Johann Wolfgang Goethe-Universität
Senckenberganlage 26 60325 Frankfurt am Main Telefon:
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