Vortrag

 

Arlie Hochschild


Gifts, Commodities and Intimate Life

Öffentlischer Vortrag in englischer Sprache

in Kooperation mit dem Exzellenz-Cluster »Die Herausbildung normativer Ordnungen« an der Johann Wolfgang Goethe-Universität

 

Freitag, 25. April 2008
19 Uhr c.t.
IfS Raum I

 

Das intime Leben beruht auf dem Prinzip eines Austausches von Gaben, die zunehmend subjektiver Natur sind. Wir tauschen sprachliche Wendungen, die im Kern besagen, dass wir den anderen oder die andere als Subjekt und nicht als Objekt wahrnehmen, dass wir uns um sie oder ihn sorgen, ihm oder ihr zugetan sind. Der Sinn dieser Art von Tausch ist Bindung. Darin unterscheidet sich der Gabentausch vom Warentausch, dessen Ziel die effiziente Verteilung von Waren und Dienstleistungen ist, die der Nachfrage entsprechen und das Selbstinteresse aller befriedigen. Normativ betrachtet steht im Zentrum des modernen Gabentausches das Subjekt, im Zentrum des Warentausches das Objekt. Auch wenn die Menschen dem Ideal in der jeweiligen Sphäre oft nicht gerecht werden, bleiben die Ideale als solche unterschieden.
Heutzutage vermengen sich diese zwei Typen des Tausches in einer Weise, die Marginalisierung, wechselseitigen Vergleich und gegenseitige Durchdringung widerspiegelt. Familien, Gemeinschaften und Reste der »Lebenswelt« sind gewissermaßen immer kleiner werdende »Stammeskulturen« des Gabentausches in einer Welt, die auf dem Warentausch beruht. Zugleich wenden wir uns mehr und mehr an den Markt, um auch unsere subjektiven Bedürfnisse zu befriedigen, wie umgekehrt der Markt zunehmend Dienstleistungen anbietet, die sich am »Subjekt« orientieren – Partnerschafts-, Heirats- und Karriere-Coaching, Therapeuten, Persönlichkeitsberaterinnen, Partnerschaftsvermittlungen, persönliche Anzeigenberatungen, Hochzeitsplanerinnen, Geburtstagspartyarrangeure, Taufnamenberaterinnen, Bestattungsunternehmen zum Verstreuen der Asche … Wie, so fragt Arlie Hochschild, geht eine Mittelschicht mit wenig Zeit und einigem Geld mit diesem Zusammenstoß von intimem und martförmigem Leben um?
In ihrem Vortrag untersucht Arlie Hochschild verschiedene theoretische Zugänge – neoliberale, kulturtheoretische und Ansätze der Frankfurter Schule. Marx' Konzept des »Warenfetischismus«, das Arjun Appadurai auf gesellschaftliche Beziehungen übertragen hat, die vermeintlich von Gegenständen und Dienstleistungen hervorgebracht werden, lässt sich auch auf das Marktwissen (»Ich bin meine eigene Marke«) anwenden. Indem wir dagegen Einspruch erheben, folgen wir dem Wunsch, die Prinzipien des Gabentauschs mit Bezug auf unseren »Stamm« (Lebenspartner, moralische oder geographische Gemeinschaft) »rein« zu erhalten. Auf der Grundlage aktueller Interviews beschreibt Arlie Hochschild kulturelle Strategien, mit denen Menschen versuchen, in ihrem Leben die Seite der Gabe und die Seite der Ware miteinander zu versöhnen. Solche Strategien sind etwa die Vermischung, die Abgrenzung von Räumen, die Abkapselung, die Abspaltung oder das Anlegen von Masken. Jede dieser Strategien wirft wichtige Fragen der Kontrolle und Regulierung unserer Gefühle auf. Ist das intime Leben zum Puffer des Kapitalismus geworden? Wenn ja, wie sehr bestimmt ein entsprechendes Gefühlsmanagement unser tägliches Leben? Welche sozialen und politischen Kräfte könnten möglicherweise aufgeboten werden, um der Vermarktlichung des intimen Lebens entgegenzuwirken?

 

Arlie Hochschild ist Professorin für Soziologie an der University of California in Berkeley, USA. Mit ihren zahlreichen Studien und Essays über Gefühlsnormen, Gefühlsarbeit und Gefühlsmanagement in modernen kapitalistischen Gesellschaften gehört sie zu den wichtigsten Vertreterinnen der Soziologie der Gefühle. Arlie Hochschild wurde mehrfach mit der Ehrendoktorwürde und anderen akademischen Ehrungen ausgezeichnet. In Deutsch sind von ihr folgende Bücher erschienen: Der 48-Stunden-Tag. Wege aus dem Dilemma berufstätiger Eltern. Wien: Zsolnay 1990; Keine Zeit. Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet. 2. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag 2006; Das gekaufte Herz. Die Kommerzialisierung der Gefühle. Erweiterte neue Auflage, mit einer Einleitung von Sighard Neckel. Frankfurt am Main: Campus 2006.



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