Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2009 |
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4. bis 6. November, 18.30 bis 20.30 Uhr
Goethe-Universität, Campus Bockenheim
Mertonstraße 17–21
Hörsaal I
60325 Frankfurt am Main
José Brunner
(Tel Aviv University)
Die Politik des Traumas.
Ohnmacht, Gewalt und der Staat
José Brunner, Professor für Wissenschaftsphilosophie und Ideengeschichte an der Universität Tel Aviv, wird über Ursprünge, Entstehung und Wirkung des Traumadiskurses im Kontext der Weltpolitik in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sprechen. José Brunner analysiert dabei die historischen und konzeptuellen Grundlagen dieses Diskurses, untersucht die ihm immanenten Werte und diskutiert anhand von aktuellen Beispielen die rhetorischen Strategien, wie sie in verschiedenen politischen Konstellationen zum Ausdruck kommen. Schließlich erörtert er auch die staatlich inszenierten kollektiven therapeutischen Praktiken, die durch den Traumadiskurs legitimiert werden.
José Brunner kontrastiert die Helden von einst mit den Helden von heute: Die einstigen Helden verdienten sich ihre Ehre in Schlachten, in denen sie die Interessen ihrer Nation verteidigten und dabei ihr Leben mutig aufs Spiel setzten, um den Feind zu besiegen. Kriegshelden dieser Art sind heutzutage im Westen nicht mehr gefragt. Kollektive Gewalt gilt als Bestandteil von langwierigen und irrationalen ethno-politischen Konflikten, deren Ursprünge und Ziele unklar sind. Kriege werden nicht mehr primär mit nationalen Interessen und der Notwendigkeit der Selbstverteidigung begründet, vielmehr werden sie als langfristige Resultate von kollektiven Traumata gedeutet: als das Produkt von Erinnerungen an Gewalterfahrungen und der damit verbundenen Emotionen wie Angst, Wut, Scham oder Schuld, die sich von Generation zu Generation übertragen.
In diesem Diskurs werden die Helden und Feinde von einst durch gestörte Täter und seelisch zerstörte Opfer ersetzt. Kollektive und organisierte Gewalt wird nicht nur wegen der Toten, der körperlichen Wunden und der materiellen Schäden, die sie verursacht, verurteilt, sondern auch wegen der Traumata, die sie der Seele zufügt. Systematische Menschenrechtsverletzungen, wie sie in allen blutigen ethno-nationalen Konflikt begangen werden, erscheinen in dieser Perspektive als Akte, die psychische Leiden erzeugen, die wiederum die gesellschaftlichen Fähigkeiten einer Bevölkerung einschränken und dadurch ökonomisches Wachstum und Stabilität behindern.
Der hybride psycho-politische Traumadiskurs ist, wenngleich vielfältiger Kritik ausgesetzt, seit dem Vietnamkrieg allgegenwärtig. Er bestimmt die wissenschaftlichen Diskussionen in Büchern, Zeitschriften und auf Tagungen ebenso wie die Diskussionen in den Medien oder die Reden von Politikern und Aktivisten; in Parteiprogrammen, in Handbüchern, Informationsblättern, Arbeitspapieren und Berichten von Nichtregierungsorganisationen, die in Kriegs- und Krisenregionen aktiv sind, findet er sich genauso wie in Veröffentlichungen internationaler Organisationen wie der Vereinten Nationen, der Weltbank oder der Weltgesundheitsorganisation. Implizit oder explizit preist auch er ein Heldentum: das Heldentum derjenigen, die es schaffen, trotz seelischer Wunden weder in Passivität noch in Aggressivität zu verfallen, und die die seelische Kraft besitzen, friedlich ein neues Leben aufzubauen.
Mittwoch, 4. November, 18.30 bis 20.30 Uhr
Opfer-Trauma. Unter diesem Titel befasst sich José Brunner in seiner ersten Vorlesung mit den Anfängen des Traumadiskurses im Schatten des Holocaust und seiner offiziellen Kodifizierung im Anschluss an den Vietnamkrieg. Er stellt dar, wie der Traumadiskurs unser Bild vom Opfer entscheidend verändert und zur Sensibilisierung für die Leiden der Opfer von Menschenrechtsverletzungen beigetragen hat. Zugleich analysiert er die problematischen Aspekte dieser veränderten Perspektive.
Donnerstag, 5. November, 18.30 bis 20.30 Uhr
Täter-Trauma. In seiner zweiten Vorlesung beleuchtet José Brunner die Erweiterung des Traumadiskurses von einer Begriffswelt, die erlaubt, Diagnosen zu den langfristigen seelischen Folgen kollektiver Gewalt zu stellen, zu einem psycho-politischen Deutungsmuster, das auch dazu dient, den Ursprung und die Motive kollektiver Gewalt zu erklären. Er zeigt, wie das Trauma zu einem Begriff wurde, der das Verhalten von Tätern und deren Gewalttaten entziffert und dabei sogar Raum schafft für »selbst-traumatisierte« Täter, die sich durch ihre eigene Brutalität vorgeblich selbst seelisch verletzen.
Freitag, 6. November, 18.30 bis 20.30 Uhr
Der Staat als Therapeut. Der Staat, so führt José Brunner in seiner dritten Vorlesung aus, betrachtet Traumatisierte auch im Hinblick auf ihre Fähigkeit, künftig als soziale und ökonomische Akteure zu handeln. Deshalb haben Staaten in den letzten Jahrzehnten eine Vielzahl von quasijuristischen Prozeduren und Institutionen wie beispielsweise Wahrheits- und Versöhnungskommissionen entwickelt, die den traumatisierten Opfern zwar nicht unbedingt zu ihrem Recht verhelfen können, denen aber kollektive therapeutische Effekte zugeschrieben werden. Oft jedoch stehen, wie José Brunner unter anderem mit Blick auf Asylverfahren von traumatisierten Flüchtlingen zeigt, die Anforderungen der Gerechtigkeit und der Therapie im Widerspruch zueinander.
José Brunner ist Professor für Wissenschaftsphilosophie und Ideengeschichte sowie Direktor des Minerva Instituts für deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv. Zu seinen Forschungsschwerpunkten im Bereich der modernen und zeitgenössischen politischen Geschichte gehören neben der Erforschung des politischen Traumadiskurses die Psychologie des Nazismus, Fragen der Wiedergutmachung für Holocaust Überlebende sowie Politik und Philosophie der Psychoanalyse. Von seinen wichtigsten Veröffentlichungen in deutscher Sprache seien lediglich erwähnt: Psyche und Macht. Freud politisch lesen. Stuttgart: Klett-Cotta 2001; Trauma, Ideologie und Erinnerung im jüdischen Staat. Zur Politik der Verletzbarkeit in der israelischen Fachliteratur, in: Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen 59 (Beiheft 2005), 91–105; Die Politik der Traumatisierung. Zur Geschichte des verletzbaren Individuums, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 1 (2004), 7–24. Vor wenigen Wochen erschienen ist die von ihm zusammen mit Norbert Frei und Constantin Goschler herausgegebene Studie: Praxis der Wiedergutmachung. Geschichte, Erfahrung und Wirkung in Deutschland und Israel. Göttingen: Wallstein Verlag.
Eintritt frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Veranstalter:
Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag
Weitere Informationen:
069/75 61 83–16
INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG an der
Johann Wolfgang Goethe-Universität
Senckenberganlage 26 60325 Frankfurt am Main Telefon:
069 - 75 61 83 0 Telefax: 069 - 74 99 07
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