Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2011

 

6. bis 8. Juni, 18.30 bis 20.30 Uhr
Goethe-Universität, Campus Bockenheim
Mertonstraße 17–21
Hörsaal I
60325 Frankfurt am Main

 

Robert B. Pippin
(University of Chicago)

 

Kunst als Philosophie

 

In ihrem Kern läuft Hegels Theorie der Kunst auf die These hinaus, dass die Hervorbringung oder „Entäußerung“ der Idee im Kunstwerk eine ebenso authentische wie unverzichtbare Form der Selbsterkenntnis darstellt. Diese „Entäußerung“ vollzieht sich im Verlauf der historischen Zeit als ein fortwährendes kollektives Bemühen um Selbsterkenntnis – ein Projekt, das nur im Zusammenhang mit verwandten Bemühungen in den Bereichen der Religion und der Philosophie sowie in der gesellschaftlich-politischen Praxis angemessen verstanden werden kann. Anders formuliert: Für Hegel leistet die Kunst eine Art philosophischer Arbeit, die geschichtliche Weisen des menschlichen Selbstverständnisses zum Ausdruck bringt.
Aus diesem Kerngedanken Hegels ergeben sich die zentralen Fragen von Robert Pippins Vorlesungen: Inwiefern lässt sich im Anschluss an Hegel die historisch spezifische Form der Selbsterkenntnis erfassen, die sich in der modernen Kunst artikuliert, welche ihren Anfang etwa eine Generation nach Hegels Tod nimmt? Kann man moderne Kunst in einem nachvollziehbaren gedanklichen Zusammenhang zu Hegels Begriff des „Absoluten“ verstehen? Wie ist aus Hegelscher Perspektive eine gesellschaftliche Konfiguration zu begreifen, in der sich die dargestellten Gegenstände der Malerei progressiv zu entmaterialisieren scheinen, indem sie sich zunächst in Sinneseindrücke auflösen, dann zu geometrischen Konstruktionen umgeformt und „rationalisiert“ werden und schließlich in Experimenten mit gegenstandslosen Bildern völlig verschwinden? Was sagt es über eine Gesellschaft aus, dass sie die literarische Darstellung in ironische Selbstbezüglichkeit überführt; dass sie Musik ohne traditionelle Harmonie produziert; dass sie eine Architektur hervorbringt, die sich nur noch als „Struktur“ geltend machen will?
Diese Fragen werden in den drei Vorlesungen im Hinblick auf besondere kunsthistorische und philosophische Problemkreise erörtert. Die erste Vorlesung unternimmt den Versuch, im Hegelschen Sinne die „welthistorische“ Bedeutung der Malerei Éduard Manets darzulegen. Die zweite Vorlesung wendet sich den eindringlichen Manet-Interpretationen zweier „linksheglianisch” zu nennenden Kunsthistorikern – T. J. Clark und Michael Fried – zu. Die dritte Vorlesung befasst sich mit Martin Heideggers einflussreicher Abhandlung Der Ursprung des Kunstwerkes und inszeniert damit eine Auseinandersetzung zwischen Hegel und Heidegger mit Bezug auf die Frage, ob Kunst „ein Vergangenes” geworden sei.

 

Robert B. Pippin ist einer der renommiertesten Philosophieprofessoren der USA. Er forschte und unterrichtete einige Jahre an der University of California San Diego, bevor er als Evelyn Stefansson Nef Distinguished Service Professor an die University of Chicago berufen wurde. Seine breitgefächerten Forschungen liegen in der Geschichte der Philosophie insbesondere des späten 18. und 19. Jahrhunderts mit Schwerpunkten in den Bereichen der Theorie der Moderne, der politischen Philosophie und der Ethik. Im deutschsprachigen Raum wurde Robert Pippin anfänglich vor allem für seine Beiträge zur Kant- und Hegelforschung bekannt. Seinen ausgeprägten interdisziplinären Interessen verdanken sich Publikationen zum Verhältnis von Philosophie und Literatur, über moderne Kunst und den zeitgenössischen Film. So ist im vergangenen Jahr sein Buch über Hollywood Westerns and American Myth erschienen. In Deutsch liegen von ihm neben einer Vielzahl von Aufsätzen vor: Die Verwirklichung der Freiheit. Der Idealismus als Diskurs der Moderne. Frankfurt a. M. und New York: Campus 2005; Moral und Moderne. Die Welt von Henry James. München: Wilhelm Fink Verlag.



Eintritt frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.


Veranstalter:
Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag


Weitere Informationen:
069/75 61 83–16


INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG an der Johann Wolfgang Goethe-Universität
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