Axel Honneth: »Im unabgeschlossenen Dialog mit Adorno. Ein Nachruf auf Jürgen Habermas«

19.03.2026 - Medienberichte [soziopolis]

Dass die Kritische Theorie, nicht irgendeine, sondern die in Frankfurt entstandene, nur im ständigen Hin und Her zwischen Kant und Hegel fortzuführen sei, wussten beide vom ersten Moment ihrer Begegnung an; ihr Pakt lag darin begründet, dass sie sich über die Zentralstellung dieser philosophischen Konstellation einig waren. Beide teilten von Beginn an auch die Überzeugung, dass ohne eine Einbeziehung des Marxschen Denkens die Spannung zwischen Kant und Hegel für die Gegenwart nicht hinreichend fruchtbar zu machen wäre; zu welchem der beiden Seiten man auch jeweils neigte, ob die Vernunft nun als zeitlos oder als historisch verfasst begriffen wurde, sie galt für Adorno wie für Habermas in jedem Fall durch die kapitalistische Lebensform als dermaßen entstellt, dass auf sie ohne Aussicht auf radikale gesellschaftliche Transformationen nicht mehr Verlass sein konnte. Uneinig war und blieb man sich untereinander allein über die Rolle, die Nietzsche für die Kritische Theorie spielen sollte. Während Adorno glaubte, ein Element genealogischen Denkens in seine Vernunftkritik einbeziehen zu müssen, war dies für Habermas der eine Schritt zu weit, der das Risiko einer Wiederkehr irrationalen Gedankenguts mit sich bringen würde. Wir werden Habermas nicht mehr vom Gegenteil überzeugen können. Sein Tod bedeutet das Ende des fiktiven Dialogs, den er zeitlebens mit Adorno, seinem einzigen Lehrer, geführt hat. Darin besteht die geistesgeschichtliche Tragik seines Ablebens für die Kritische Theorie. Man stünde, so hat Habermas am Grab von Adorno gesagt, mit dessen Tod philosophisch plötzlich vollkommen nackt dar. Wie viel mehr Gründe haben wir, das heute von uns zu behaupten, die wir doch an den Zielen einer Kritischen Theorie im Frankfurter Geist festhalten wollen?

 

Ein Nachruf auf Jürgen Habermas von Axel Honneth (ehemaliger Direktor des IfS)

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