FR: Was ein bröckelndes Selbstbild mit der Gesellschaft macht

26.06.2026 - Medienberichte [FR]

Das Phänomen, dass Deutschland sich über seinen wirtschaftlichen Wiederaufbau definiert, besteht seit Jahrzehnten, sagt Stephan Lessenich, Professor für Gesellschaftstheorie am Institut für Sozialforschung in Frankfurt. »Nach dem verlorenen Weltkrieg und dem Verlust von wahrgenommener deutscher ›Größe‹ habe sich die deutsche Gesellschaft identitär in eine neue Rolle als wirtschaftliche Großmacht und ›Exportweltmeister‹ begeben«, erklärt er gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Darauf hat auch die Welt geschaut und gestaunt. Dass globale Gegenspieler wie die USA, vor allem aber China, Deutschland mittlerweile den Rang ablaufen, fühle sich an »wie eine tiefe Kränkung«.

Was mit einer Gesellschaft passiert, wenn ihr Selbstbild Risse bekommt, ist für Lessenich klar: Es stürzt sie in eine Identitätskrise. In Deutschland, sagt er, habe man eine »identitätspolitische Krise, die real ist und sich gewaschen hat«. Das bleibe nicht ohne Folgen, sagt der Gesellschaftsforscher: Der erste Impuls sei die Sehnsucht nach den »guten alten Zeiten«, in diesem Fall der Wunsch zurück zur »alten Bundesrepublik«, ohne Rücksicht auf deren Lücken, Tücken und Brüche. Die zweite Reaktion ist in der politischen Debatte besonders stark vertreten: die Suche nach den vermeintlich Schuldigen des deutschen Abstiegs.

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