Jürgen Habermas (1929 – 2026)
Ein Nachruf
Am 14. März 2026 ist Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren verstorben. Das Institut für Sozialforschung trauert nicht nur um einen großen Philosophen, Soziologen und öffentlichen Intellektuellen, sondern auch um einen ehemaligen Mitarbeiter des Instituts. Wenn über die kurze Zeit seiner Zugehörigkeit von 1956 – 59 berichtet wird, geschieht dies meist aus der Perspektive ihres Endes, als er unter dem Eindruck eines anhaltenden Zerwürfnisses mit dem damaligen Direktor Max Horkheimer seinen Abschied nahm. In diesem Schatten droht jedoch eine Zeit aus dem Blick zu geraten, in der sich der 1954 in Bonn bei Erich Rothacker mit einer Arbeit über Schelling Promovierte wissenschaftlich und intellektuell völlig neu orientierte und für sich die ersten Pfade einer eigenständigen wissenschaftlichen Entwicklung ebnete.
Habermas kam 1956 an das Institut auf Einladung Adornos, der durch die kritische Sammelrezension einiger Marx-Monographien im »Merkur«[1] und einen Hinweis des FAZ-Herausgebers Karl Korn unter dem Eindruck der in dieser Zeitung erschienenen und berühmt gewordenen Heidegger-Rezension auf ihn aufmerksam geworden war.[2] Nach seinem eigenen Bekunden las er während der Zugfahrt von Bonn nach Frankfurt Adornos kurz zuvor erschienene Aufsatzsammlung »Prismen: Kulturkritik und Gesellschaft« und war sofort fasziniert, vor allem von den soziologischen Beiträgen. Sich zur Soziologie hinzuwenden, hatte Habermas schon zuvor begonnen, nachdem Helmut Schelsky nicht zuletzt wegen seiner Beiträge in der Zeitschrift »Merkur« versucht hatte, ihn auf der Suche nach jüngeren Nachwuchswissenschaftlern für die Erneuerung der Soziologie als einer akademischen Fachdisziplin in Deutschland zu gewinnen.
Vermutlich ist es noch untertrieben, wenn man den üblichen Ausdruck »prägend« für die Wirkungen verwendet, die Adorno auf Habermas seit ihrer ersten Begegnung ausübte. Sein Verhältnis zu Adorno unterschied sich allerdings von solchen, in denen Angehörige einer vaterlosen Generation oder einer mit beschädigten Vätern nach Ersatz suchten. Vielleicht war es nicht zuletzt auch der Umstand, bereits anderswo promoviert worden zu sein, der ihm bei aller Nähe eine gewisse intellektuelle Selbstständigkeit bewahrte. Über den von der ersten Minute an intensiven Austausch mit Adorno eröffnete sich für ihn darüber vor allem die Welt der unter dem Druck des NS emigrierten Geistes- und Sozialwissenschaftler, deren intellektuelle Traditionen in Deutschland versiegt und größtenteils vergessen waren. Daraus erwuchsen Freundschaften mit Gershom Scholem, Hannah Arendt, Herbert Marcuse und vielen anderen.
Das Institut war aber auch der Ort für freundschaftliche Begegnungen mit Angehörigen der eigenen Generation. Dazu zählt Alexander Kluge, zu dieser Zeit als Justitiar des Instituts tätig, aber bereits mit literarischen Ambitionen, über die unter anderem auf den gemeinsamen Fußwegen zwischen Institut und ihren Wohnungen im (damals noch preisgünstigen) Frankfurter Westend gesprochen wurde. Eine andere prägende Begegnung begann, als eines Tages der fünf Jahre jüngere Spiros Simitis, damals Assistent an einem zivilrechtlichen Lehrstuhl an der Frankfurter Goethe-Universität und später dort Professor für Arbeits- und Familienrecht sowie der erste Datenschutzbeauftragte Hessens, ihn eines Tages in seinem Büro an der Senckenberganlage aufsuchte, um mit ihm zu diskutieren. Beide vertieften sich in die staats- und verfassungsrechtliche Literatur der Weimarer Zeit und ihrer eigenen Gegenwart. Was sich für beide, der eine gerade mal 22, der andere 27 Jahre alt, dabei herauskristallisierte, war ein Grundgedanke, den Habermas in seinem Trauerbrief zu Simitis Tod 2023 so zusammengefasst hat: »die Perspektive für einen radikalen Reformismus (…), aus der die liberalkapitalistische Gesellschaft sozialistisch transformiert werden könnte. «
Eingegangen sind Einsichten aus solchen Begegnungen u.a. in die »Reflexionen über den Begriff der politischen Beteiligung«, das zentrale Theorie-Kapitel in der von 1957 bis 1960 am Institut durchgeführten und erst 1961, nach lange anhaltendem Widerstand Horkheimers außerhalb der Institutsreihen veröffentlichten empirischen Untersuchung »Student und Politik. Eine soziologische Untersuchung zum politischen Bewußtsein Frankfurter Studenten« von Jürgen Habermas, Ludwig von Friedeburg, Christoph Oehler und Friedrich Weltz.[3] Aus der Mitarbeit an diesem Projekt und dem Austausch mit Adorno dürfte auch das Thema der geplanten Habilitationsschrift über den Strukturwandel der Öffentlichkeit erwachsen sein. Daneben arbeitete Habermas an einem 1957 publizierten »Literaturbericht zur philosophischen Diskussion um Marx und den Marxismus.«[4] Sowohl Habermas theoretischer Rahmenbeitrag zur Untersuchung über das politische Bewusstsein als auch der Literaturbericht zogen den Unmut Horkheimers auf sich, über dessen Gründe und Hintergründe er sich im September 1958 in einem Brief an Adorno ausließ. Dieser Brief ist allgemein zugänglich, zusammen mit den seine Irritation ausdrückenden Randbemerkungen Adornos.[5] Vermutlich wird es sich letztlich nicht aufklären lassen, welches Element in dem Gemisch aus Horkheimers persönlicher Abneigung, gesellschaftstheoretischen Differenzen, Angst vor einer möglichen radikalen und revolutionsbegeisterten Lesart von Habermas' Ausführungen und infolgedessen Sorge um einen Reputationsschaden des gerade wieder mit US-amerikanischer Hilfe mitten im Kalten Krieg neu gegründeten Instituts in einer nach wie vor im besten Falle zurückhaltenden, wenn nicht gar verdeckt feindseligen wissenschaftspolitischen Umwelt ausschlaggebend war.
Zu den aus einem solchen Motivbündel generierten Missverständnissen dürfte auch gehören, dass Horkheimer im P.S. seines Briefes insinuiert, Habermas Schlussfolgerung, das politische Bewusstsein der Studierenden könne vor allem durch die »Entwicklung der formellen zur materialen, der liberalen zur sozialen Demokratie« gefördert werden, sei nichts anderes als eine nur durch Adornos Intervention veranlasste Camouflage für eine Aufforderung zur Revolution, obwohl doch alles dafür spricht, dass es sich um jene aus der gemeinsamen Lektüre und Diskussion mit Simitis über Hermann Heller, Franz Neumann und andere Autoren entwickelte Perspektive eines radikalen Reformismus handelte. Das Zerwürfnis mit Horkheimer und die wenig Freiheit zur Verfolgung eigener wissenschaftlicher Projekte lassende hierarchische Organisation des Instituts, vor der u.a. Ralf Dahrendorf bereits nach einmonatigem Aufenthalt die Flucht ergriff[6], haben Habermas trotz des nach wie vor von wechselseitiger Sympathie getragenen Verhältnisses zu Adorno veranlasst, das Institut mit einem DFG-Habilitationsstipendium 1959 wieder zu verlassen.
Horkheimer war dann auch der Grund, warum nach Fertigstellung des Buches über den Strukturwandel eine Habilitation in Frankfurt nicht in Frage kam. Insgesamt acht aufeinander folgende Versuche, sich bei anderen sozial- oder politikphilosophisch profilierten Hochschullehrern an einer deutschen Universität zu habilitieren, scheiterten, so dass Habermas entschlossen war, das zu tun, was Horkheimer ihm in dem Brief an Adorno ohnehin schon angesonnen hatte: Journalist zu werden.[7] Es war sein Freund Spiros Simitis, der ihm die Empfehlung gab, doch noch einen letzten Versuch zu unternehmen und Wolfgang Abendroth in Marburg anzurufen, der Simitis und seiner Familie sowohl durch dessen Marburger Jura-Studium als auch über Abendroths Beteiligung am griechischen Partisanenkampf gegen die deutsche Besatzung bekannt war. Abendroth sagte zu. Es gehört zu den kaum auszudenkenden, aber realen Brüchen und Widersprüchen in der Wissenschaftsgeschichte Deutschlands und Europas nach 1945, dass es der im NS als Marxist verfolgte, inhaftierte und in ein Strafbataillon nach Griechenland gepresste Abendroth war, der über seine dort unter Lebensgefahr aufgenommene Verbindung zum griechischen Widerstandskampf gegen die deutsche Besatzung zu Habermas' letzter Hoffnung wurde, ihn zu habilitieren, nachdem der als Jude und Marxist von den Deutschen verfolgte, ins Exil getriebene und aufgrund dieser Erfahrung nach seiner Rückkehr übervorsichtig und ängstlich gewordene Horkheimer ihm dies wegen seines Marxismus verweigert hatte.
Der »Strukturwandel der Öffentlichkeit«, erschienen 1962, darf also durchaus auch als eine Frucht der Arbeit am Institut gelten. Die Wirkung, die dieses Buch vor allem auf die zeitgenössische jüngere Generation in der Soziologie, Politikwissenschaft, Philosophie und der Rechtswissenschaft Deutschlands ausübte, ist kaum zu überschätzen.[8] Aufschlussreich erscheint im Rückblick jedoch auch, dass hier bereits die Grundlinien gezogen wurden für die spätere kommunikationstheoretische Wende der Soziologie und Sozialphilosophie. Es sind nämlich drei Momente, die nach Habermas kennzeichnend sind für die sich historisch herausbildende und zunehmend nicht nur literarisch, sondern politisch fungierende bürgerliche Öffentlichkeit: Dass unter den zunächst während des Gesprächs in den Salons und Kaffeehäusern sich einstellenden Bedingungen der Symmetrie zwischen Sprecher:innen und Hörer:innen allein die Autorität des Arguments und nicht die autoritative Kraft von sozialem Status, Hierarchie, Ungleichheit und Machtasymmetrie zählt; dass alle Fragen diskutabel sind, alle Äußerungen im Wege rationaler Verständigung problematisiert und kritisiert werden können; und dass das jeweilige Publikum prinzipiell unabgeschlossen und inklusiv bleibt, jedes partikulare Publikum sich immer auch zugleich in einem universalen Publikum wiederfindet und sich auch an dieses adressiert. Zugleich ist aber auch bereits klar, dass es sich nicht um die Beschreibung der Wirklichkeit der Gesellschaften des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts handelt, sondern um eine von den Beteiligten für die Dauer des Gesprächs vorausgesetzte und in Anspruch genommene Idealisierung, die nicht ohne Wirkung auf eine durch Machtasymmetrien charakterisierte kommunikative Wirklichkeit bleibt, weil sie nur deshalb auch als konträr erscheinen kann: »Nicht als ob mit den Kaffeehäusern, den Salons (…) im Ernst diese Idee des Publikums verwirklicht worden sei; wohl aber ist sie mit ihnen als Idee institutionalisiert, damit als objektiver Anspruch gesetzt und insofern, wenn nicht wirklich, so doch wirksam gewesen.«[9] Vergessen werden sollte darüber auch nicht, dass die Hauptthese des Buches in der Diagnose des Strukturwandels hin zu einer verzerrten Öffentlichkeit besteht, die unter dem Druck marktförmiger Organisation und privater Medienunternehmen steht – eine Entwicklung, die von Habermas unter dem Titel eines »Strukturwandels 2.0« angesichts gegenwärtiger global agierender Plattform-Ökonomien noch einmal modifiziert und verschärft worden ist.
Und noch ein weiteres, künftige öffentliche Debatten bestimmendes Thema war mit dem »Strukturwandel« aufgebracht. Eine Gegenposition zu derjenigen politiktheoretischen Tradition, die Reinhart Koselleck in seiner 1959 erschienenen Dissertation »Kritik und Krise« so auf den Punkt gebracht hatte: Der universalistische Anspruch eines öffentlichen Vernunftgebrauchs sei das hervorstechende Symptom einer »Pathogenese der bürgerlichen Welt«, die mit einer Moralisierung des Politischen ihren eigenen Untergang bereitet habe. Man mag darin eine Vorwegnahme vieler folgender öffentlicher Debatten bis zum sog. »Historikerstreit« sehen, aber auch, bis zuletzt, die Aufgabe, jenen universalistischen Anspruch einer ständigen selbstkritischen Überprüfung und Revision zu unterziehen, um ihn auch gegenüber solchen Einwänden zu verteidigen, die darin nur einen Ausweis westlicher Kulturen und weißer Männer auf Überlegenheit, Dominanz und Hegemonie sehen mögen.
Nachdem Hans-Georg Gadamer sich dafür eingesetzt hatte, dass Habermas auf eine Professur an der Universität Heidelberg berufen wurde und drei Jahre später, 1964, Adorno dafür sorgte, dass er die Nachfolge Horkheimers – nunmehr mit seiner ausdrücklichen Zustimmung – als Professor für Philosophie und Soziologie antreten konnte, hielt er eine Art freundliche Distanz zum Institut, was einen fortgesetzten Austausch und gemeinsame Lehrveranstaltungen mit Adorno bis zu dessen Tod einschloss. Im Rückblick erstaunt die Intensität, mit der Habermas sich mit der zeitgenössischen Philosophie und Soziologie in Forschung und Lehre auseinandersetzte, nicht zuletzt auch in intensiver Zusammenarbeit mit seinen soziologischen Assistenten Oskar Negt, Claus Offe und Ulrich Oevermann. Noch in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre konnte man beim Aufgang in die Mensa am Bockenheimer Campus an den Büchertischen die Raubdrucke von Vorlesungsskripten aus jener Zeit erwerben, mit Titeln wie »Thesen zur Theorie der Sozialisation«, in denen man mit einem dichten Gewebe aus Zitaten und schlagwortartigen Zusammenfassungen internationaler Literatur zur Soziologie, Sozialphilosophie, Sozialpsychologie, Psychologie und Psychoanalyse konfrontiert wurde.
In diese Zeit fällt vor allem der damals die öffentliche Diskussion lange dominierende »Positivismusstreit in den Sozialwissenschaften«, mit den Kontroversen zwischen Adorno und Karl Popper, Habermas und Hans Albert als Protagonisten. Trotz des damaligen erheblichen Aufsehens ist davon wissenschaftsgeschichtlich nicht allzu viel übriggeblieben. Wirkmächtiger mögen im Rückblick andere zur gleichen Zeit verfasste Texte erscheinen, unter denen vier vielleicht die Rolle von Schlüsseltexten einnehmen, die, teilweise in weiterer Ausarbeitung der Thesen des »Strukturwandels«, die folgende Entwicklung von Habermas‘ Gesellschaftstheorie, freilich mit später vorgenommenen, teilweise erheblichen Modifikationen, bestimmen:
Der Aufsatz »Naturrecht und Revolution« aus dem Jahre 1962/63 reformuliert nochmals die Perspektive des radikalen Reformismus als Kampf um die Verwirklichung der Ideale des Natur- und Vernunftrechts unter Bedingungen des Grundgesetzes in einer kapitalistischen Gesellschaft, das die Grund- und Menschenrechte als Gestaltungsauftrag an eine demokratische Gesetzgebungspolitik begreift: »Die Grundrechte als Prinzipien einer sozialstaatlichen Gesamtrechtsordnung.«[10] Dieser Grundgedanke führt über das Buch »Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaates« bis zu dem Konzept der »ungesättigten Menschenrechte« im zweiten Band von »Auch eine Geschichte der Philosophie«.
Die Frankfurter Antrittsvorlesung »Erkenntnis und Interesse« von 1965, aus der die 1968 erschienene gleichnamige Monographie hervorging, in der jener Gedanke aus dem »Strukturwandel« programmatisch zur allgemeinen philosophischen These gesteigert wird: Mit der Struktur der Sprache – »der einzige Sachverhalt, den wir seiner Natur nach kennen können« – »ist Mündigkeit für uns gesetzt. Mit dem ersten Satz ist die Intention eines allgemeinen Konsenses unmißverständlich ausgesprochen.«[11] Diese Intention treibt die Selbstreflexion und damit das emanzipatorische Erkenntnisinteresse voran, das die Spuren der Gewalt entdeckt, die im Medium von Arbeit, Sprache und Herrschaft wirksam sind und die Herausbildung »einer emanzipierten Gesellschaft, die die Mündigkeit ihrer Glieder realisiert« und »die Kommunikation zu dem herrschaftsfreien Dialog aller mit allen entfaltet« hätte, systematisch aus ihrer Bahn drängen. Dieser Selbstreflexion fällt daher die Aufgabe zu, »aus den geschichtlichen Spuren des unterdrückten Dialogs das Unterdrückte« zu rekonstruieren.[12]
Der Aufsatz »Arbeit und Interaktion. Bemerkungen zu Hegels Jenenser ‚Philosophie des Geistes‘« von 1967 buchstabiert die Thesen aus der Antrittsvorlesung in Auseinandersetzung mit der Philosophie des jungen Hegel weiter aus, vor allem mit Blick auf die Prozesse, die später als Individuierung durch Vergesellschaftung zusammengefasst werden. Die Selbstreflexion des Ich auf sich ist nicht einfach gegeben, sondern bildet sich erst im »dialektische(n) Zusammenhang von sprachlicher Symbolisierung, Arbeit und Interaktion« heraus, also einem tätigen Prozess der Auseinandersetzungen mit der Natur und dem Anderen in sprachlich vermittelten Interaktionen.[13] Dieser Aufsatz ist vielfach kritisch rezipiert worden und gilt Vielen bis heute als Schlüsseltext für eine kommunikationstheoretische Wende in der Soziologie, wie sie dann in der Starnberger Zeit von Habermas in der »Theorie des kommunikativen Handelns« ausgearbeitet worden ist. Für viele gilt er aber auch als ein Beweis nicht nur für eine angebliche Abkehr von einer marxistisch inspirierten Gesellschaftstheorie, sondern von der Kritischen Theorie überhaupt. Ein genauerer Blick in den Text zeigt freilich, dass es weder um eine Verabschiedung des Arbeitsbegriffs und damit des Verhältnisses von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen aus der Soziologie geht noch um dessen Ersetzung durch eine Kritik der Kommunikationsverhältnisse. Nicht die Trennung, sondern die Wechselwirkungen von Arbeit und Interaktion stehen im Zentrum, und Habermas wendet sich vor allem gegen die Reduktion von Interaktion auf Arbeit: Arbeit ist »in ein Netz von Interaktionen eingebettet, und deshalb (…) abhängig von den kommunikativen Randbedingungen jeder möglichen Kooperation.«[14] Dass im Übrigen eine kommunikative Wende in der Gesellschaftstheorie zu jener Zeit nicht fern lag, lässt sich daran ersehen, dass unabhängig von Habermas‘ Theorie und mit völlig anderen kommunikationstheoretischen Prämissen Niklas Luhmann Kommunikation als die basale Operation ausgezeichnet hat, die soziale Systeme entstehen lässt und aufrechterhält, und damit als den Grundbegriff einer Systemtheorie der Gesellschaft.[15]
Ob und inwiefern Habermas damit zugleich eine Abkehr von der Kritischen Theorie vollzogen habe, bleibt zu diskutieren müßig, weil sich zumindest kritische Theorien mit kleinem »k« unter anderem dadurch auszeichnen, dass sie wie die mit dem großen K in ihrer Entstehungszeit den Kerngehalt des emanzipatorischen Interesses auf dem neuesten Stand interdisziplinärer gesellschaftstheoretischer Forschung immer wieder neu erarbeitet haben. Das galt seinerzeit für die Rezeption der Psychoanalyse nicht anders als später für die Sprachphilosophie und eben die Theorien der Kommunikation. Außerdem lässt sich in »Arbeit und Interaktion« ein Motiv finden, mit dem Habermas, hier noch eingekleidet in eine Interpretation des jungen Hegel, einige Jahre später direkt an Adorno anschließt. Hegels gegen seine idealistischen Vorgänger gewendete Einsicht – das »Bewußtsein existiert als die Mitte, in der die Subjekte sich treffen, so daß sie, ohne sich zu treffen, als Subjekte nicht existieren könnten«[16] – wendet Habermas gegen die den Idealismus eher noch steigernde Geistphilosophie des späten Hegel: »(D)er absolute Geist ist einsam«, weil er in der Natur allein sich selbst als in seinem Gegenbild erkennt, anstatt sich als das Resultat eines Anerkennungsprozesses in Konflikte verstrickter Gegenspieler zu begreifen, als welchen Hegel die Bewegung des dialektischen Verhältnisses zwischen Geist und Natur eigentlich metaphorisch konzipiert hat. Als eine solche Bewegung auf der Ebene der Intersubjektivität tritt »an die Stelle des Modells der Entäußerung (…) daher das der Entzweiung und Entfremdung, und das Resultat der Bewegung ist nicht Aneignung des Objektivierten, sondern Versöhnung, die Wiederherstellung der zerstörten Freundlichkeit«[17].
Es ist dieses Motiv, das Habermas bei Adorno nicht nur wiederfindet, sondern im Insistieren auf dem Nicht-Identischen im Begreifen eines Gegenstands noch einmal kritisch gegen Hegel selbst gewendet sieht: »Dass wir konkrete Gegenstände in expliziter Rede niemals vollständig beschreiben können, ist eine triviale Einsicht. (...) Sobald aber Subjekte miteinander (und nicht nur über objektivierte Sachverhalte) sprechen, treten sie sich mit dem Anspruch gegenüber, als unvertretbare Individuen in ihrer absoluten Bestimmtheit anerkannt zu werden. Diese Anerkennung verlangt die paradoxe Leistung, mit Hilfe prinzipiell allgemeiner Bestimmungen und gleichsam durch diese hindurch, die volle Konkretion desjenigen, der mit diesen Allgemeinheiten gerade nicht identisch ist, zu fassen. Dieses Moment der Nichtidentität in den unvermeidlichen Identifizierungen wendet Adorno gegen den Zwang der formalen Logik, welche das Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem undialektisch bestimmen muss. Insoweit erneuert er nur Hegels Kritik (...). Adorno kehrt aber diese Kritik noch einmal gegen Hegel selber. Auch Hegels Dialektik erweist sich am Ende als gleichgültig gegenüber dem Eigengewicht des individuierten Einzelnen (...).«[18]
Schließlich ist noch die Studie »Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus« zu nennen, die 1972 schon nach dem Wechsel ins Starnberger »Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt« erschienen ist.[19] Sie ist unverkennbar das Produkt der langjährigen intensiven Zusammenarbeit mit Claus Offe, die sich bis zu dessen Tod im Oktober 2025 fortgesetzt hat.[20] Hier wird der gesellschaftsdiagnostische Versuch unternommen, Symptome verzerrter Kommunikation in den Krisenphänomenen zu identifizieren, die ein steigender demokratischer Legitimationsbedarf für einen Staat im organisierten Kapitalismus erzeugt. Es ist das Dilemma des demokratisch-kapitalistischen Sozialstaats, die Wirtschaft am Laufen halten zu müssen, um die Sozialstaatsklientel zu versorgen, dabei aber gleichzeitig auf einen demokratischen Legitimationsbedarf angewiesen zu sein, der mit output fürs Wahlvolk befriedigt werden soll, aber immer wieder in Konflikt mit den Akkumulationsinteressen der kapitalistischen Ökonomie gerät. Diese Diagnose erweist sich angesichts gegenwärtiger Krisen als erstaunlich aktuell und ist, mutatis mutandis, am Institut für Sozialforschung auch wieder aufgenommen worden.[21]
Autor: Klaus Günther (Mitglied des Kollegiums des IfS)
[1] Jürgen Habermas, Marx in Perspektiven, in: Merkur, Nr. 94, 1955.
[2] Siehe ausführlich zu dieser Zeit am Institut: Stefan Müller-Doohm, Jürgen Habermas. Eine Biographie, Berlin 2014; Jörg Später, Adornos Erben. Eine Geschichte aus der Bundesrepublik, Berlin 2024; Alex Demirović, Der nonkonformistische Intellektuelle. Die Entwicklung der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule, Frankfurt/Main 1999; Rolf Wiggershaus, Die Frankfurter Schule. Geschichte. Theoretische Entwicklung. Politische Bedeutung, München 1988.
[3] Als kurzen Überblick zu dieser Studie und ihrer Rezeptionsgeschichte s. Wilhelm Schumm, in: Axel Honneth et al. (Hrsg.), Schlüsseltexte der Kritischen Theorie, Wiesbaden 2006, S. 205ff.
[4] Philosophische Rundschau, V, Heft 3/4 1957, S. 165-235.
[5] Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Briefwechsel, Band IV, hrsg. v. Christoph Gödde u. Henri Lonitz, Frankfurt/Main 2006, Nr. 812 (S. 508-524).
[6] Später, Adornos Erben, S. 98.
[7] Dies und das Folgende entnehme ich dem Trauerbrief von Habermas zum Tod von Simitis und einem Gespräch mit Ilse Grubrich-Simitis im Frühjahr 2023.
[8] Zur »weit ausstrahlenden« Wirkung u.a. auf das Öffentliche Recht s. Michael Stolleis, Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland, Band 4, München 2012, S. 334.
[9] Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Neuwied 1962, S. 51f.
[10] Jürgen Habermas, Naturrecht und Revolution, in: ders., Theorie und Praxis (1963), erw. Aufl. Frankfurt/Main 1972, 122.
[11] Jürgen Habermas, Erkenntnis und Interesse, in: ders. Wissenschaft als ˃Ideologie˂, Frankfurt/Main 1968, 163 (Herv. JH).
[12] Ebd., 164 (Herv. JH).
[13] Jürgen Habermas, Arbeit und Interaktion. Bemerkungen zu Hegels Jenenser ˃Philosophie des Geistes˂, in: ders. Wissenschaft als ˃Ideologie˂, Frankfurt/Main 1968, 10.
[14] Ebd., 32.
[15] Luhmann, Grundreche als Institution, Berlin 1965, S. 20: »Die allgemeine Theorie sozialer Systeme, ja die Systemtheorie schlechthin, ist nicht zufällig in einer Zeit entstanden, die zugleich der zwischenmenschlichen Kommunikation wachsendes theoretisches Interesse zuwendet.«
[16] Habermas, Arbeit und Interaktion, S. 13.
[17] Ebd., S. 39.
[18] Jürgen Habermas, Urgeschichte der Subjektivität und verwilderte Selbstbehauptung (1969), in: ders., Philosophisch-politische Profile, 5. Aufl. Berlin 2015, S. 167- 179 (hier S. 173).
[19] Jürgen Habermas, Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, Frankfurt/Main 1973.
[20] Claus Offe, Strukturprobleme des kapitalistischen Staates. Aufsätze zur politischen Soziologie. Frankfurt/Main 1972.
[21] Stephan Lessenich, Als ob nichts wäre. Beobachtungen zur Normalität gesellschaftlicher Indifferenzproduktion, in: Stephan Lessenich u. Thomas Scheffer (Hrsg.), Gesellschaften unter Handlungszwang, IfS Aus der Reihe 2, Berlin 2024, S. 34ff.