WestEnd 2025–02
Stichwort »Die Kunst der Gegenuntersuchung«, hg. von Marie-Hélène Gutberlet, Felix Trautmann und Franziska Wildt
»Einen besonderen Fokus legen wir im vorliegenden Stichwort [...] auf künstlerische Gegenuntersuchungen, die polizeiliche und juridische Ermittlungen zu rechten Gewalttaten reflektieren, indem sie mit ästhetischen Verfahren der Verfremdung, der Montage, der Verdichtung, des Filterns, der Dehnung oder auch der Übersetzung arbeiten. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Sinn für die Voraussetzungen und Limitationen der jeweiligen Untersuchungen schärfen, indem sie die Bedeutung des sprachlichen Ausdrucks, des inszenatorischen Machtkalküls, der Relevanz von kollektiver Anteilnahme und Trauer betonen und indem sie die Perspektive von Betroffenen und Angehörigen der Opfer rechter Gewalt, die in den etablierten Untersuchungsverfahren oft ausgeblendet oder zum Schweigen gebracht werden, einbeziehen. Auch künstlerische Auseinandersetzungen mit der ausgebliebenen oder unzureichenden juridischen und politischen Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus können als Gegenuntersuchungen betrachtet werden. Sie machen die Kontinuität rechter Gewalt in Deutschland sichtbar. Diese künstlerischen Arbeiten lassen sich als Teil einer Geschichte der Kunst der Gegenuntersuchung begreifen, die zugleich auch als eine Gegengeschichtsschreibung verstanden werden kann.«