Christoph Deutschmann | Ein »hayekianisches« Regime in Europa? Zur Diskussion Wolfgang Streecks Buch »Gekaufte Zeit«

Christoph Deutschmann
Ein »hayekianisches« Regime in Europa?
Zur Diskussion Wolfgang Streecks Buch »Gekaufte Zeit«
(Vortrag am Institut für Sozialforschung am 10. März 2014)
IfS Working Paper #6


In his recent book “Buying time. The delayed crisis of democratic capitalism”, Wolfgang
Streeck interprets the present crisis management of the EU as an attempt to establish a
‘Hayekian’ regime of liberalized transnational markets in Europe. In contrast to Streeck,
the author of this paper argues that, if there has been a ‘Hayekian’ regime, it developed
already after the collapse of the Bretton Woods-system in 1973 and the subsequent dismantling
of capital controls in the U.S. and Europe. It was in the financial crisis of
2007/2008 that Hayekian liberalism finally ended in disaster. The European crisis management,
still being largely pre-occupied with keeping banks and states from collapsing,
is not following a Hayekian script. Rather, it is confronted with the challenge of removing
the debris of the breakdown of the Hayekian utopia, taking the form of zombie banks and
large uncovered capital claims. A re-nationalization of currencies in Europe, as proposed
by Streeck, does not offer a promising way to master this challenge. Rather, political cooperation
(at least) at European level in combination with much more democratic pressure
from below are required.
In seinem Buch „Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus“
interpretiert Wolfgang Streeck das gegenwärtige Krisenmanagement der EU als Versuch,
ein „hayekianisches“ Regime liberalisierter transnationaler Märkte in Europa zu errichten.
Der vorliegende Beitrag entwickelt eine Gegenposition zu Streeck: Sofern man von
einem „hayekianischen“ Regime sprechen kann, hat es sich bereits vor mehr als 30 Jahren
nach dem Zusammenbruch des Bretton Woods-Systems und dem nachfolgenden Abbau
der Kapitalverkehrskontrollen in den USA und Europa entwickelt. Die durch die Hayekianische
Utopie getriebene Liberalisierung der internationalen Finanzmärkte führte in die
Krise von 2007/2008. Das gegenwärtige europäische Krisenmanagement folgt keinem
„hayekianischen“ Drehbuch, sondern richtet sich hauptsächlich darauf, die Zahlungsfähigkeit
gefährdeter Banken und Staaten sicherzustellen. Es steht vor der Herausforderung,
die Hinterlassenschaften des Zusammenbruchs der Hayekianischen Utopie in Form zahlungsunfähiger
Banken und uneinlösbarer Vermögensforderungen abzuwickeln. Lösen
lässt sich dieses Problem nicht durch die von Streeck empfohlene Re-Nationalisierung
der Währungen, sondern nur durch ein auf europäischer Ebene koordiniertes Vorgehen.
Das setzt nicht nur intakte europäische Institutionen voraus, sondern auch eine demokratische
Öffentlichkeit, die dem Widerstand der Finanzlobby Paroli bieten kann.

Ausgabe
06 (Juli 2014)
ISSN
2197–7070