Forensische Wahrheitsregime / Forensic Truth Regimes
Mit Başak Ertür (Goldsmiths) und Alisa Lebow (University of Sussex)
Gespräch im Anschluss an eine Vorführung des Films Revision (DE 2012, Regie: Philip Scheffner, Produktion: Merle Kröger).
Was wenn ein Fall juristisch abgeschlossen ist, aber noch viele Fragen offen sind? Welche Möglichkeiten der Revision gibt es über das Recht hinaus? Mit Hilfe künstlerischer Untersuchungsverfahren lassen sich Fälle, auch Jahre später, noch einmal anders und genauer betrachten, so dass ihnen breitere öffentliche Aufmerksamkeit verliehen wird.
Philip Scheffners Revision (2012) nutzt dafür die Mittel des dokumentarischen Films. Auf der Grundlage journalistischer und eigener Recherchen widmet er sich dem bis dahin kaum beachteten Fall von Grigore Velcu und Eudache Calderar, die im Jahr 1992 durch tödliche Schüsse einer Gruppe von Jägern an der deutsch-polnischen Grenze ums Leben kamen. Die beiden illegalisierten Roma aus Rumänien, die regelmäßig die Grenze überquerten, um in Deutschland zu arbeiten, wurden von den Jägern, so deren Behauptung vor Gericht, für Wildtiere gehalten. Der Freispruch der Beschuldigten eröffnet bis heute die juristische als auch gesellschaftliche Frage nach Aufklärung und Gerechtigkeit.
Gemeinsam mit Başak Ertür und Alisa Lebow (Ko-Autor:innen des Textes »Countering Forensic Violence. Philip Scheffner‘s Revision«, in: World Records, Vol. 9 »Just Evidence«, 2025) sprechen wir nach der Vorführung von Revision über das gegenforensische Potential von dokumentarischen Filmen für eine Kritik des Rechts und der Gewalt, die bleibt.
Ein Abend im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Visuelle Wahrheitsregime«, organisiert von Laliv Melamed (Goethe-Universität Frankfurt, TFM), Felix Trautmann (HBK Braunschweig / Institut für Sozialforschung) und Franziska Wildt (Institut für Sozialforschung). Visuelle Wahrheitsregime sind Schnittstellen von Bildern, Wissenssystemen und politischen (Un-)Ordnungen. Die Veranstaltungsreihe widmet sich visuellen, ästhetischen und künstlerischen Untersuchungen von Beweismitteln – und wie diese im Bereich des Rechts, der Medien und in Bezug auf Gewaltformen wirksam werden.
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With Başak Ertür (Goldsmiths) and Alisa Lebow (University of Sussex)
Discussion following a screening of the film Revision (GER 2012, dir. Philip Scheffner, production: Merle Kröger).
What are we left with if a case is legally closed but open questions remain? What power does an appeal hold beyond the law? Aesthetic investigations offers the opportunity to revisit a case—even years later—to examine it differently and more closely, and to draw public attention more broadly to it.
Philip Scheffner’s Revision (2012) uses the tools of documentary film precisely for this purpose. Based on journalistic, as well as his own research, Scheffner examines the previously little-known case of Grigore Velcu and Eudache Calderar, who were killed at the German-Polish border in 1992 by a group of German hunters. The two undocumented Roma from Romania, who regularly crossed the border to work in Germany, were, according to the hunters’ testimony in court, mistaken for wild animals. Their subsequent acquittal continues to raise legal and social questions regarding accountability and justice to this day.
Together with Başak Ertür and Alisa Lebow, co-authors of the essay »Countering Forensic Violence: Philip Scheffner’s Revision«, (World Records, Vol. 9, “Just Evidence,” 2025), we will discuss documentary’s counter-forensic potential for a critique of legal processes, and the violence that remains.
The event is part of the series »Visual Truth Regimes«, organized by Laliv Melamed (Goethe University Frankfurt, TFM), Felix Trautmann (HBK Braunschweig / Institute for Social Research), and Franziska Wildt (Institute for Social Research). Visual truth regimes are intersections of images, knowledge systems, and political (dis)orders. The event series is dedicated to visual, aesthetic, and artistic investigations of evidence—and how these take effect in the realms of law, the media, and in relation to forms of violence.