Forum II »Kracauerund die Künste«
21.05.2022 - Videos
Juliane Rebentisch Aus der Dürftigkeit ihrer Existenz retteten sich die Angestellten in eine Zerstreuung, die ihnen die Einsicht in den soziopolitischen Ursprung dieser Dürftigkeit durch den Glanz der Illusionen verdeckt. Dieser Diagnose aus Kracauers »Asyl für Obdachlose« steht in »Kult der Zerstreuung« eine ganz andere entgegen. Hier wird die Zerstreuung im Gegenteil zum Medium der Einsicht in soziale Wirklichkeit. Denn als Entfaltung einer »puren Äußerlichkeit« sei die Zerstreuung den »äußeren Schäden der Gesellschaft« angemessener als die Prätention von Innerlichkeit, wie sie in den Sphären der »hohen Kunst« anzutreffen sei. Im »reinen Außen« der Oberflächenreize begegne sich das Publikum selbst. Der Impulsvortrag wird der Doppelgesichtigkeit der Zerstreuung bei Kracauer nachgehen und nach deren Aktualität fragen. Gertrud Koch Kracauers Filmtheorie wird oft als essentialistisch charakterisiert, als Ontologie einer Seinsweise des Films. Zu dieser gelangt Kracauer jedoch durch eine implizite geschichtstheoretische These, die den Film durch seine Stellung in der Geschichte zu den anderen Künsten positioniert. Carsten Ruhl Was zumeist vergessen wird, Kracauer war zu allem Überfluss auch noch ausgebildeter Architekt. Die wenigen Jahre seiner Tätigkeit als Architekt fielen in eine Zeit tiefgreifender Umwälzungen. Sowohl politisch mit dem Ersten Weltkrieg und seinen Folgen als auch architektonisch mit dem Neuen Bauen. Wo andere für eine kurze Zeit und während des Krieges bereits an ihren Manifesten zu einer Revolution der Architektur und der Gesellschaft arbeiteten, befasste sich Kracauer allerdings mit ganz anderen Dingen. Etwa mit der Entwicklung der Schmiedekunst des 17. bis 19. Jahrhunderts, so das Thema seiner Dissertation, die 1915 erschien. Mit Beginn von Kracauers Tätigkeit als Redakteur der Frankfurter Zeitung war das Thema der Architektur keineswegs ad acta gelegt. Die Entscheidung, die Architektur gegen das Schreiben einzutauschen, so die These, ging einher mit ihrem Verständnis als produktive Schule des Sehens und Sichtbarmachens. Christoph Menke Kracauers berühmte Essays der 1920er Jahre, die er unter dem Titel Das Ornament der Masse versammelt hat, entwerfen eine Geschichtsphilosophie des Bildes, die in einem Modell des Realismus gipfelt. Im Bild (das auf der Höhe der sozialen und technologischen Bedingungen des – damals – gegenwärtigen Kapitalismus ist) geht es um Tatsächliches. In dieser Hervorbringung eines neuen Tatsachensinns durch die gegenwärtige Bildproduktion sieht Kracauer das »Vabanque-Spiel der Geschichte«. Denn sie schwört die »entscheidende Auseinandersetzung« herauf, um die es in der Gegenwart geht: die Auseinandersetzung zwischen der natürlichen und der richtigen, also freien Ordnung. Moderation: Felix Trautmann Internationale Siegfried Kracauer Konferenz Video/Ton/Schnitt: Public noise
(Hochschule für Gestaltung Offenbach)
»Zerstreuung heute«
(Freie Universität Berlin)
»Kracauers Filmtheorie und die Aufhebung der Künste«
(Goethe-Universität Frankfurt a. M.)
»Kracauers Architekturen«
(Goethe-Universität Frankfurt a.M.
»Die Kunst der Krise«
21. Mai 2022
Hörsaal IV. Hörsaalgebäude, Campus Bockenheim
Frankfurt am Main
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