[politikkultur] Stephan Lessenich: »Irrsinn im Quadrat«
28.08.2024 - Medienberichte
Stell Dir vor, es ist Kalter Krieg, und alle machen mit: In etwa so wirkt die politische Dynamik der Wissenschafts- und Kulturlandschaft im Deutschland des Jahres 2024. Das Gleichgewicht des Schreckens, Signatur der auf den Zweiten Weltkrieg folgenden Jahrzehnte demokratisch- kommunistischer Systemkonkurrenz, ist wieder zurück. Weniger allerdings auf dem Terrain der zwischenstaatlichen Beziehungen, wo man sich spätestens seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine die irrationale Konstellation des atomaren Patts zweier imperialer Antagonisten fast schon wieder zurückwünschen würde. Der neue Kalte Krieg tobt im Landesinneren, auf dem Feld der symbolischen Kämpfe, und die bevorzugte Waffe im ideologischen Konflikt ist die des Boykotts. Wer hier etwas auf sich hält, kennt bei dem Versuch, sein Gegenüber zum Schweigen zu bringen, kein Halten mehr. Dabei hat die Auseinandersetzung tendenziell noch archaischeren Charakter angenommen als zu Zeiten der bipolaren Welt. Auge um Auge, Zahn um Zahn, das Prinzip der »flexible response« war
gestern: Heute folgt auf die Wahrnehmung vermeintlich oder tatsächlich unerträglicher Äußerungen der jeweils gegnerischen Seite die äußerst vorhersehbare Reaktion, den oder die Kontrahentin mundtot zu machen, sei es nun per Ausladung oder Anschwärzung, Runtermachen oder Niederschreien
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