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Lisa Yashodhara Haller und Barbara Umrath »Was ist materialistischer Feminismus?«

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War das Verhältnis zwischen feministischen und marxistischen Ansätzen der Gesellschaftskritik über lange Zeit spannungshaft, gerät aktuell wieder vermehrt das Potential der Marx’schen Analyse für feministische Diskurse in den Blick. So plädieren Autor:innen wie Nancy Fraser für eine Ausweitung des Klassenbegriffs insbesondere unter Berücksichtigung reproduktiver Arbeit, um breite Koalitionen gegen kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung zu gewinnen. In dem Gespräch werden sowohl die analytischen Grundlagen materialistischer Feminismen als auch ihr exploratives Potential zur kritischen Erschließung unserer Gegenwart verhandelt. Diskutiert werden dabei aktuelle Entwicklungen und Desiderate innerhalb der Geschlechterforschung und die Frage, an welche am Institut für Sozialforschung entstandenen Arbeiten eine materialistisch-feministische Perspektive heute anknüpfen kann.

Lisa Yashodhara Haller arbeitet im Bereich der feministischen Gesellschaftstheorien sowie der Paar- und Geschlechterforschung. In ihrer empirischen Forschung befasst sie sich mit den Vermittlungszusammenhängen zwischen der staatlichen Steuerung unserer kapitalistischen Wirtschaft und vermeintlich ganz privaten Entscheidungen des Alltags.

Barbara Umrath arbeitet schwerpunktmäßig in der kritischen Gesellschaftstheorie und der interdisziplinären Geschlechterforschung. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören feministische Theorien, Soziologie für die Soziale Arbeit und partizipative Sozialforschung.

Christina Engelmann promoviert am Institut für Sozialforschung mit einer sozialphilosophischen Arbeit zur »Freiheit des Kapitals« und arbeitet zu Clara Zetkin und der proletarischen Frauenbewegung an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Marxistische Arbeitswoche 2023
29. Mai 2023
Festsaal des Studierendenhaus
Campus Bockenheim

© IfS


Thomas Ebermann »Kritik der Bedürfnisse« Marxistische Arbeitswoche 2023

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Der Referent wird sich mühen …
1) ... die heutigen Bedürfnisse als zum bestehenden System gehörig zu denunzieren. Sie sind auf eine übermächtige Struktur zurückzuführen, die in die Menschen einwandert, sie prägt, hässlich macht. (Hilfestellung durch Zitate aus Agnes Heller: »Theorie der Bedürfnisse«)

2) ...alles zu vermeiden, was ihn als Weltverbesserer durch richtiges Verhalten im Marktgeschehen, als Berater kritischer Konsument:innen erscheinen lassen könnte. Auch distanziert er sich von allen pfäffischen Belehrungen, die den unteren Schichten den unschicklichen Konsum ankreiden ‒ und von den Produktionsbedingungen, denen sie unterworfen sind, absehen. (Hilfestellung: Karl Marx)

3) ... die Voraussetzung aller kritischer Reflektion über Bedürfnisse, dass der Mensch satt, bekleidet, behaust und versorgt sein muss, nie zu ignorieren. Das schützt davor, voreilig ins Solzialpsychologische zu wechseln. (Hilfestellung: Theodor W. Adorno)

4) ... dennoch daran festzuhalten, dass wahre und falsche Bedürfnisse unterscheidbar sind (Hilfestellung: Herbert Marcuse) - und dass »enormes Bewusstsein« einen Bruch mit dem Bestehenden impliziert und also etwas fundamental anderes ist als das Postulat der »sozialen Gerechtigkeit«. (Hilfestellung: Karl Marx)

5) ... das Dilemma, den Teufelskreis, nicht zu verschweigen, dass andere Verhältnisse (ohne Konkurrenz, ohne Arbeitstempo im Dienste der Produktivität, ohne Sorge vor dem Absturz ins Elend etc.) gewiss Menschen mit anderen Bedürfnissen erbrächten ‒ wir aber nicht wissen, ob die Sehnsucht nach dem ganz anderen unter Bedingungen heutiger materieller Wirklichkeit je große Potenziale erfassen kann. (Hilfestellung: Agnes Heller, Herbert Marcuse: »Versuch über die Befreiung«)

6) ... immer nachzuweisen, dass Bedürfniskritik stets auf einen Begriff gesellschaftlichen Reichtums insistiert, der antagonistisch zum herrschenden sich verhält, weil er nicht im Entferntesten asketisch ist und deshalb, um der Arbeit zu fliehen, auf all die überflüssigen, dummen, sinnlosen Produkte und Dienstleistungen verzichtet. Wenn Adorno, was selten ist, die befriedete Zukunft doch einmal ›auspinselt‹, dann so: »Wenn es einmal kein Monopol mehr gibt, wird sich rasch genug zeigen, dass die Massen den Schund, den die Kulturmonopole und die jämmerliche Erstklassigkeit, die die praktischen ihnen liefern, nicht ›brauchen‹.« (»Thesen über Bedürfnisse«)

Thomas Ebermann ist »Arbeiter ohne Fixierung auf diese frühere Lebensphase, Politiker ohne Karriere, Intellektueller ohne Abitur, Künstler ohne Genre-Grenzen. Das Wörtchen ›ohne‹ markiert immer auch Nichtzugehörigkeit« (Georg Fülberth).

Marxistische Arbeitswoche 2023
28. Mai 2023
Festsaal des Studierendenhaus
Campus Bockenheim

© IfS


Jens Kastner »Unbedingte Solidarität« Marxistische Arbeitswoche 2023

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Ganz verschwunden war sie im politischen Aktivismus nie, in den sozialtheoretischen Diskursen aber wurde lange nicht über sie gesprochen: Solidarität. Mittlerweile ist sie wieder in aller Munde, ob im Kontext der Klage über die Erosion von Solidargemeinschaften, die neoliberale Individualisierung oder die Fragmentierung der Linken.
Analytisch wie politisch ist Solidarität tatsächlich die Herausforderung der Stunde. In unserem Vortrag plädieren wir dafür, Solidarität als unbedingte zu entwerfen. Solidarisches Handeln darf sich nicht nur als bloße Parteinahme für die Gleichen und Ähnlichen äußern, das heißt gemeinsame Erfahrungen, gemeinsame Herkunft oder gleiches Geschlecht sollten keine Voraussetzung sein. Zweitens sollte Solidarität unbedingt sein, insofern sie nicht als Tauschgeschäft von Kosten und Nutzen und/oder Rechten und Pflichten konzipiert werden sollte. Und schließlich ist Solidarität drittens auch im Sinne einer emphatischen Dringlichkeit unbedingt: Wir brauchen mehr solidarische Beziehungen im Kampf für eine gerechte Gesellschaft!

Jens Kastner, Soziologe und Kunsthistoriker, Akademie der bildenden Künste Wien. https://www.jenspetzkastner.de/startseite

Jens Kastner und Lea Susemichel (Hg.): Unbedingte Solidarität. Münster 2021, Unrast Verlag. https://www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/unbedingte-solidaritaet-775-detail

Marxistische Arbeitswoche 2023
28. Mai 2023
Festsaal des Studierendenhaus
Campus Bockenheim

© IfS


100 Jahre Institut für Sozialforschung – Marxistische Arbeitswoche 2023 (Dokumentarfilm)

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Über Pfingsten 1923 fand in Geraberg (Thüringen) die »Marxistische Arbeitswoche« statt – das erste Theorieseminar des zu Beginn desselben Jahres gegründeten Instituts für Sozialforschung. Teilnehmer:innen waren Marxist:innen und Kommunist:innen, die intellektuell an der frühen Ausrichtung des IfS mitwirkten. Anlässlich seines 100-jährigen Bestehens lud das Institut für Pfingsten 2023 zur Zweiten Marxistischen Arbeitswoche ein. Der Film verschafft einen Eindruck von den dort geführten Debatten und einer Veranstaltung, die mit über 900 Teilnehmenden auf großes Interesse stieß.

Marxistische Arbeitswoche 2023
Vom 26. bis 29. Mai in Frankfurt am Main
Film: Heiko Volkmer | splitterfilm, Credits: Medienkollektiv Frankfurt am Main

© IfS


Das IfS

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Jenseits aller Legendenbildung ist das Institut für Sozialforschung ein Ort wissenschaftlichen Arbeitens, mitten in Frankfurt. Dieser Film zeugt davon.

© Institut für Sozialforschung 2023

Idee: Mirko Broll, Eva Fleischmann, Stephan Lessenich und Anton Schmidt

Produktion: Eva Fleischmann und Anton Schmidt

Kamera & Schnitt: Anton Schmidt


Adorno-Vorlesungen 2022: Linda Martín Alcoff »The Crises of White Identity« (3/3)

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Linda Martín Alcoff
The Cises of White Identity
3. Vorlesung

»Race, Culture, History«

Seit 2002 veranstaltet das Institut für Sozialforschung in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag jährlich Vorlesungen, die an drei Abenden an Theodor W. Adorno erinnern. In diesem Jahr widmet sich die Philosophin Linda Martín Alcoff der historischen und kulturellen Rekonstruktion von Race und damit verbundenen Identitäten: Welche Erfahrungen entstehen aus der konstitutiven Beziehung von Race, History and Culture? Wie sind bestimmte Vorstellungen von Race mit konkreten, regressiven wie progressiven, Praktiken und Lebensweisen verbunden? Und inwieweit braucht es neue Ansätze, um die Narrative des Rassismus und ihr Fortbestehen zu überwinden und gesellschaftliche Verhältnisse zu transformieren?

In ihrer ersten Vorlesung mit dem Titel The Historic Formation of Race untersucht Linda M. Alcoff die zeitlich und lokal variierenden Vorstellungen von Race und nimmt bislang unterbestimmte und fehlgeleitete Zusammenhänge in den Blick. Die Differenzkategorie Race, so Alcoff, ist nicht begrifflich falsch, ideologisch oder moralisch verwerflich, sondern entwickelte sich im Zuge historischer Ereignisse und erweist sich als durchweg sozial, kontextgebunden und dynamisch. Race umfasst gemeinsame Lebensformen, Subjektivierungsweisen und geteiltes Wissen, die aus der Kolonialgeschichte entstanden sind und bis in die Gegenwart fortdauern.

Unter dem Titel Cultural Racism wendet sich Alcoff in ihrer zweiten Vorlesung dem von Frantz Fanon in den 1950ern geprägtem Konzept des kulturellen Rassismus zu und entwickelt es auf Grundlage theoretischer und gesellschaftspolitischer Diskurse weiter: Einerseits legitimieren die rassistischen und kolonialen Ideologien bis heute Krieg, Enteignung und die Verweigerung von demokratischer Partizipation, anderseits eröffnet die kritische Reflexion des Konzepts die Möglichkeit einer antikolonialen und widerständigen Praxis sowie eine Reformierung sozialer Ideen und Praktiken. Alcoff zeigt, wie bestehende problematische Vorstellungen über den Globalen Süden zu überwinden sind, um Kulturen in ein neues, emanzipatorisches Verhältnis zueinander setzen zu können.

Zeitgleich geraten traditionelle, auf dem Nationalstaat beruhende Narrative durch soziale Bewegungen und öffentliche Forderungen zunehmend unter Druck: Die weiße Identität befindet sich in einer Krise. Die rassistische Abwehr und nationalistische Verweigerung der sowie die öffentlichen Angriffe auf die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erben sind davon ebenso Ausdruck wie die immer noch in Alltagspraktiken und Lebensweisen verankerte, jetzt aber zu bröckeln beginnende Vorstellung einer weißen Vormachtstellung. In ihrer dritten Vorlesung The Crises of White Identity lokalisiert Alcoff progressive Gestaltungsräume in diesen Spannungsfeldern und zeigt Möglichkeiten der Transformation und für die gemeinsame Neugestaltung von Lebensweisen.

Linda Martín Alcoff, Prof. Dr., ist Professorin für Philosophie am Hunter College und dem Graduate Center der City University of New York. Zu ihren Forschungsfeldern zählen die Kontinentalphilosophie des 19. und 20. Jahrhunderts, Critical Race Studies, Sozialphilosophische Epistemologie, Postkoloniale und Feministische Theorien sowie die Lateinamerikanische Philosophie. Linda M. Alcoff war Mitglied des Programmbeirats der New York Society for Women in Philosophy und Präsidentin der American Philosophical Association. Als Autorin schreibt sie regelmäßig für die New York Times, Aeon und New York Indypendent. Für ihre 2006 erschienene Publikation Visible Identities. Race, Gender and the Self (Oxford: Oxford University Press) erhielt Linda M. Alcoff den Frantz Fanon Preis der Carribean Philosophical Association. Zu ihren weiteren Buchveröffentlichungen zählen unter anderem: Rape and Resistance. Understanding the Complexities of Sexual Violation. Cambridge: Polity Press 2018; The Future of Whiteness. Cambridge: Polity 2015; The Routledge Companion to the Philosophy of Race. New York und London: Routledge 2018 (Hg. zusammen mit Paul Taylor and Luvell Anderson).

Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2022
1. Juli 2022
Campus Bockenheim, Hörsaal IV
Goethe-Universität Frankfurt am Main

© IfS, mit freundlicher Genehmigung vom Suhrkamp-Verlag (https://www.suhrkamp.de)


Adorno-Vorlesungen 2022: Linda Martín Alcoff »Cultural Racism« (2/3)

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Linda Martín Alcoff
Cultural Racism
2. Vorlesung

»Race, Culture, History«

Seit 2002 veranstaltet das Institut für Sozialforschung in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag jährlich Vorlesungen, die an drei Abenden an Theodor W. Adorno erinnern. In diesem Jahr widmet sich die Philosophin Linda Martín Alcoff der historischen und kulturellen Rekonstruktion von Race und damit verbundenen Identitäten: Welche Erfahrungen entstehen aus der konstitutiven Beziehung von Race, History and Culture? Wie sind bestimmte Vorstellungen von Race mit konkreten, regressiven wie progressiven, Praktiken und Lebensweisen verbunden? Und inwieweit braucht es neue Ansätze, um die Narrative des Rassismus und ihr Fortbestehen zu überwinden und gesellschaftliche Verhältnisse zu transformieren?

In ihrer ersten Vorlesung mit dem Titel The Historic Formation of Race untersucht Linda M. Alcoff die zeitlich und lokal variierenden Vorstellungen von Race und nimmt bislang unterbestimmte und fehlgeleitete Zusammenhänge in den Blick. Die Differenzkategorie Race, so Alcoff, ist nicht begrifflich falsch, ideologisch oder moralisch verwerflich, sondern entwickelte sich im Zuge historischer Ereignisse und erweist sich als durchweg sozial, kontextgebunden und dynamisch. Race umfasst gemeinsame Lebensformen, Subjektivierungsweisen und geteiltes Wissen, die aus der Kolonialgeschichte entstanden sind und bis in die Gegenwart fortdauern.

Unter dem Titel Cultural Racism wendet sich Alcoff in ihrer zweiten Vorlesung dem von Frantz Fanon in den 1950ern geprägtem Konzept des kulturellen Rassismus zu und entwickelt es auf Grundlage theoretischer und gesellschaftspolitischer Diskurse weiter: Einerseits legitimieren die rassistischen und kolonialen Ideologien bis heute Krieg, Enteignung und die Verweigerung von demokratischer Partizipation, anderseits eröffnet die kritische Reflexion des Konzepts die Möglichkeit einer antikolonialen und widerständigen Praxis sowie eine Reformierung sozialer Ideen und Praktiken. Alcoff zeigt, wie bestehende problematische Vorstellungen über den Globalen Süden zu überwinden sind, um Kulturen in ein neues, emanzipatorisches Verhältnis zueinander setzen zu können.

Zeitgleich geraten traditionelle, auf dem Nationalstaat beruhende Narrative durch soziale Bewegungen und öffentliche Forderungen zunehmend unter Druck: Die weiße Identität befindet sich in einer Krise. Die rassistische Abwehr und nationalistische Verweigerung der sowie die öffentlichen Angriffe auf die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erben sind davon ebenso Ausdruck wie die immer noch in Alltagspraktiken und Lebensweisen verankerte, jetzt aber zu bröckeln beginnende Vorstellung einer weißen Vormachtstellung. In ihrer dritten Vorlesung The Crises of White Identity lokalisiert Alcoff progressive Gestaltungsräume in diesen Spannungsfeldern und zeigt Möglichkeiten der Transformation und für die gemeinsame Neugestaltung von Lebensweisen.

Linda Martín Alcoff, Prof. Dr., ist Professorin für Philosophie am Hunter College und dem Graduate Center der City University of New York. Zu ihren Forschungsfeldern zählen die Kontinentalphilosophie des 19. und 20. Jahrhunderts, Critical Race Studies, Sozialphilosophische Epistemologie, Postkoloniale und Feministische Theorien sowie die Lateinamerikanische Philosophie. Linda M. Alcoff war Mitglied des Programmbeirats der New York Society for Women in Philosophy und Präsidentin der American Philosophical Association. Als Autorin schreibt sie regelmäßig für die New York Times, Aeon und New York Indypendent. Für ihre 2006 erschienene Publikation Visible Identities. Race, Gender and the Self (Oxford: Oxford University Press) erhielt Linda M. Alcoff den Frantz Fanon Preis der Carribean Philosophical Association. Zu ihren weiteren Buchveröffentlichungen zählen unter anderem: Rape and Resistance. Understanding the Complexities of Sexual Violation. Cambridge: Polity Press 2018; The Future of Whiteness. Cambridge: Polity 2015; The Routledge Companion to the Philosophy of Race. New York und London: Routledge 2018 (Hg. zusammen mit Paul Taylor and Luvell Anderson).

Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2022
30. Juni 2022
Campus Bockenheim, Hörsaal IV
Goethe-Universität Frankfurt am Main

© IfS, mit freundlicher Genehmigung vom Suhrkamp-Verlag (https://www.suhrkamp.de)


Adorno-Vorlesungen 2022: Linda Martín Alcoff »The Historic Formation of Race« (1/3)

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Linda Martín Alcoff
The Historic Formation of Race
1. Vorlesung

»Race, Culture, History«

Seit 2002 veranstaltet das Institut für Sozialforschung in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag jährlich Vorlesungen, die an drei Abenden an Theodor W. Adorno erinnern. In diesem Jahr widmet sich die Philosophin Linda Martín Alcoff der historischen und kulturellen Rekonstruktion von Race und damit verbundenen Identitäten: Welche Erfahrungen entstehen aus der konstitutiven Beziehung von Race, History and Culture? Wie sind bestimmte Vorstellungen von Race mit konkreten, regressiven wie progressiven, Praktiken und Lebensweisen verbunden? Und inwieweit braucht es neue Ansätze, um die Narrative des Rassismus und ihr Fortbestehen zu überwinden und gesellschaftliche Verhältnisse zu transformieren?

In ihrer ersten Vorlesung mit dem Titel The Historic Formation of Race untersucht Linda M. Alcoff die zeitlich und lokal variierenden Vorstellungen von Race und nimmt bislang unterbestimmte und fehlgeleitete Zusammenhänge in den Blick. Die Differenzkategorie Race, so Alcoff, ist nicht begrifflich falsch, ideologisch oder moralisch verwerflich, sondern entwickelte sich im Zuge historischer Ereignisse und erweist sich als durchweg sozial, kontextgebunden und dynamisch. Race umfasst gemeinsame Lebensformen, Subjektivierungsweisen und geteiltes Wissen, die aus der Kolonialgeschichte entstanden sind und bis in die Gegenwart fortdauern.

Unter dem Titel Cultural Racism wendet sich Alcoff in ihrer zweiten Vorlesung dem von Frantz Fanon in den 1950ern geprägtem Konzept des kulturellen Rassismus zu und entwickelt es auf Grundlage theoretischer und gesellschaftspolitischer Diskurse weiter: Einerseits legitimieren die rassistischen und kolonialen Ideologien bis heute Krieg, Enteignung und die Verweigerung von demokratischer Partizipation, anderseits eröffnet die kritische Reflexion des Konzepts die Möglichkeit einer antikolonialen und widerständigen Praxis sowie eine Reformierung sozialer Ideen und Praktiken. Alcoff zeigt, wie bestehende problematische Vorstellungen über den Globalen Süden zu überwinden sind, um Kulturen in ein neues, emanzipatorisches Verhältnis zueinander setzen zu können.

Zeitgleich geraten traditionelle, auf dem Nationalstaat beruhende Narrative durch soziale Bewegungen und öffentliche Forderungen zunehmend unter Druck: Die weiße Identität befindet sich in einer Krise. Die rassistische Abwehr und nationalistische Verweigerung der sowie die öffentlichen Angriffe auf die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erben sind davon ebenso Ausdruck wie die immer noch in Alltagspraktiken und Lebensweisen verankerte, jetzt aber zu bröckeln beginnende Vorstellung einer weißen Vormachtstellung. In ihrer dritten Vorlesung The Crises of White Identity lokalisiert Alcoff progressive Gestaltungsräume in diesen Spannungsfeldern und zeigt Möglichkeiten der Transformation und für die gemeinsame Neugestaltung von Lebensweisen.

Linda Martín Alcoff, Prof. Dr., ist Professorin für Philosophie am Hunter College und dem Graduate Center der City University of New York. Zu ihren Forschungsfeldern zählen die Kontinentalphilosophie des 19. und 20. Jahrhunderts, Critical Race Studies, Sozialphilosophische Epistemologie, Postkoloniale und Feministische Theorien sowie die Lateinamerikanische Philosophie. Linda M. Alcoff war Mitglied des Programmbeirats der New York Society for Women in Philosophy und Präsidentin der American Philosophical Association. Als Autorin schreibt sie regelmäßig für die New York Times, Aeon und New York Indypendent. Für ihre 2006 erschienene Publikation Visible Identities. Race, Gender and the Self (Oxford: Oxford University Press) erhielt Linda M. Alcoff den Frantz Fanon Preis der Carribean Philosophical Association. Zu ihren weiteren Buchveröffentlichungen zählen unter anderem: Rape and Resistance. Understanding the Complexities of Sexual Violation. Cambridge: Polity Press 2018; The Future of Whiteness. Cambridge: Polity 2015; The Routledge Companion to the Philosophy of Race. New York und London: Routledge 2018 (Hg. zusammen mit Paul Taylor and Luvell Anderson).

Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2022
29. Juni 2022
Campus Bockenheim, Hörsaal IV
Goethe-Universität Frankfurt am Main

© IfS, mit freundlicher Genehmigung vom Suhrkamp-Verlag (https://www.suhrkamp.de)


Plenarveranstaltung IV »Die Öffentlichkeit der Massen«

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Ethel Matala de Mazza
(Humboldt-Universität zu Berlin)
»Der Serienschreiber. Kracauer und die Formate des Populären«

Kracauer hat für das Feuilleton der Frankfurter Zeitung am Fließband Beiträge geschrieben. Einige der bekanntesten sind bereits für sich als Serie angelegt: Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino etwa oder Die Angestellten. Serien verdanken ihre Popularität der Massenkultur, zu der Kracauer nicht nur als missvergnügter Ideologiekritiker Distanz wahrt, sondern ihr als teilnehmender Beobachter auch entgegenkommt. Im Vortrag soll es um die politischen Anliegen gehen, die seinen Sinn fürs Populäre wachhalten. Denn daran hängen Schicksalsfragen für sein journalistisches Metier: unter der verschärften Medienkonkurrenz erodiert die Öffentlichkeit der Presse.

Henrik Reeh
(University of Copenhagen)
»Ornaments, People, Cities. Siegfried Kracauer on Masses and Metropolis«

Siegfried Kracauer is educated as an architect at the time when Adolf Loos denounces a close connection between ornament and crime in a paper of the same title. Despite the widespread repression of ornament in design and society that follows, Kracauer himself keeps emphasizing the importance of ornament to architectural and urban experience. To be sure, Kracauer soon demonstrates how mass ornaments are exploited by an industry of entertainment, which reflects capitalist society at large. Here, the process of production reduces reason to a narrow ratio. On the other hand, Kracauer claims that a utopian Reason remains at play, not least by way of certain ornaments which allow for the articulation of complexity in human life. In this context, the question arises whether cities generate ornamental features that may challenge instrumental ratio and, furthermore, promote urban culture as a realm of human coexistence and critical reflection. In short, what are the conditions of urban ornaments in the modern city? Siegfried Kracauer addresses this issue in several genres, conceptual contexts, and across a wide range of topics. This lecture explores how an experimental reflection on masses and ornament – spanning architecture, social issues, and urban history – comes about in Kracauer’s writings from the 1920s and 1930s, a period during which the urban condition pervades – but also challenges – novel, essays and historiography.

Moderation: Felix Trautmann

Internationale Siegfried Kracauer Konferenz
21. Mai 2022
Hörsaal IV, Hörsaalgebäude, Campus Bockenheim
Frankfurt am Main

Video/Ton/Schnitt: Public noise
© IfS


Forum II »Kracauerund die Künste«

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Juliane Rebentisch
(Hochschule für Gestaltung Offenbach)
»Zerstreuung heute«

Aus der Dürftigkeit ihrer Existenz retteten sich die Angestellten in eine Zerstreuung, die ihnen die Einsicht in den soziopolitischen Ursprung dieser Dürftigkeit durch den Glanz der Illusionen verdeckt. Dieser Diagnose aus Kracauers »Asyl für Obdachlose« steht in »Kult der Zerstreuung« eine ganz andere entgegen. Hier wird die Zerstreuung im Gegenteil zum Medium der Einsicht in soziale Wirklichkeit. Denn als Entfaltung einer »puren Äußerlichkeit« sei die Zerstreuung den »äußeren Schäden der Gesellschaft« angemessener als die Prätention von Innerlichkeit, wie sie in den Sphären der »hohen Kunst« anzutreffen sei. Im »reinen Außen« der Oberflächenreize begegne sich das Publikum selbst. Der Impulsvortrag wird der Doppelgesichtigkeit der Zerstreuung bei Kracauer nachgehen und nach deren Aktualität fragen.

Gertrud Koch
(Freie Universität Berlin)
»Kracauers Filmtheorie und die Aufhebung der Künste«

Kracauers Filmtheorie wird oft als essentialistisch charakterisiert, als Ontologie einer Seinsweise des Films. Zu dieser gelangt Kracauer jedoch durch eine implizite geschichtstheoretische These, die den Film durch seine Stellung in der Geschichte zu den anderen Künsten positioniert.

Carsten Ruhl
(Goethe-Universität Frankfurt a. M.)
»Kracauers Architekturen«

Was zumeist vergessen wird, Kracauer war zu allem Überfluss auch noch ausgebildeter Architekt. Die wenigen Jahre seiner Tätigkeit als Architekt fielen in eine Zeit tiefgreifender Umwälzungen. Sowohl politisch mit dem Ersten Weltkrieg und seinen Folgen als auch architektonisch mit dem Neuen Bauen. Wo andere für eine kurze Zeit und während des Krieges bereits an ihren Manifesten zu einer Revolution der Architektur und der Gesellschaft arbeiteten, befasste sich Kracauer allerdings mit ganz anderen Dingen. Etwa mit der Entwicklung der Schmiedekunst des 17. bis 19. Jahrhunderts, so das Thema seiner Dissertation, die 1915 erschien. Mit Beginn von Kracauers Tätigkeit als Redakteur der Frankfurter Zeitung war das Thema der Architektur keineswegs ad acta gelegt. Die Entscheidung, die Architektur gegen das Schreiben einzutauschen, so die These, ging einher mit ihrem Verständnis als produktive Schule des Sehens und Sichtbarmachens.

Christoph Menke
(Goethe-Universität Frankfurt a.M.
»Die Kunst der Krise«

Kracauers berühmte Essays der 1920er Jahre, die er unter dem Titel Das Ornament der Masse versammelt hat, entwerfen eine Geschichtsphilosophie des Bildes, die in einem Modell des Realismus gipfelt. Im Bild (das auf der Höhe der sozialen und technologischen Bedingungen des – damals – gegenwärtigen Kapitalismus ist) geht es um Tatsächliches. In dieser Hervorbringung eines neuen Tatsachensinns durch die gegenwärtige Bildproduktion sieht Kracauer das »Vabanque-Spiel der Geschichte«. Denn sie schwört die »entscheidende Auseinandersetzung« herauf, um die es in der Gegenwart geht: die Auseinandersetzung zwischen der natürlichen und der richtigen, also freien Ordnung.

Moderation: Felix Trautmann

Internationale Siegfried Kracauer Konferenz
21. Mai 2022
Hörsaal IV. Hörsaalgebäude, Campus Bockenheim
Frankfurt am Main

Video/Ton/Schnitt: Public noise
© IfS