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Adorno-Vorlesungen 2022: Linda Martín Alcoff »Cultural Racism« (2/3)

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Linda Martín Alcoff
Cultural Racism
2. Vorlesung

»Race, Culture, History«

Seit 2002 veranstaltet das Institut für Sozialforschung in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag jährlich Vorlesungen, die an drei Abenden an Theodor W. Adorno erinnern. In diesem Jahr widmet sich die Philosophin Linda Martín Alcoff der historischen und kulturellen Rekonstruktion von Race und damit verbundenen Identitäten: Welche Erfahrungen entstehen aus der konstitutiven Beziehung von Race, History and Culture? Wie sind bestimmte Vorstellungen von Race mit konkreten, regressiven wie progressiven, Praktiken und Lebensweisen verbunden? Und inwieweit braucht es neue Ansätze, um die Narrative des Rassismus und ihr Fortbestehen zu überwinden und gesellschaftliche Verhältnisse zu transformieren?

In ihrer ersten Vorlesung mit dem Titel The Historic Formation of Race untersucht Linda M. Alcoff die zeitlich und lokal variierenden Vorstellungen von Race und nimmt bislang unterbestimmte und fehlgeleitete Zusammenhänge in den Blick. Die Differenzkategorie Race, so Alcoff, ist nicht begrifflich falsch, ideologisch oder moralisch verwerflich, sondern entwickelte sich im Zuge historischer Ereignisse und erweist sich als durchweg sozial, kontextgebunden und dynamisch. Race umfasst gemeinsame Lebensformen, Subjektivierungsweisen und geteiltes Wissen, die aus der Kolonialgeschichte entstanden sind und bis in die Gegenwart fortdauern.

Unter dem Titel Cultural Racism wendet sich Alcoff in ihrer zweiten Vorlesung dem von Frantz Fanon in den 1950ern geprägtem Konzept des kulturellen Rassismus zu und entwickelt es auf Grundlage theoretischer und gesellschaftspolitischer Diskurse weiter: Einerseits legitimieren die rassistischen und kolonialen Ideologien bis heute Krieg, Enteignung und die Verweigerung von demokratischer Partizipation, anderseits eröffnet die kritische Reflexion des Konzepts die Möglichkeit einer antikolonialen und widerständigen Praxis sowie eine Reformierung sozialer Ideen und Praktiken. Alcoff zeigt, wie bestehende problematische Vorstellungen über den Globalen Süden zu überwinden sind, um Kulturen in ein neues, emanzipatorisches Verhältnis zueinander setzen zu können.

Zeitgleich geraten traditionelle, auf dem Nationalstaat beruhende Narrative durch soziale Bewegungen und öffentliche Forderungen zunehmend unter Druck: Die weiße Identität befindet sich in einer Krise. Die rassistische Abwehr und nationalistische Verweigerung der sowie die öffentlichen Angriffe auf die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erben sind davon ebenso Ausdruck wie die immer noch in Alltagspraktiken und Lebensweisen verankerte, jetzt aber zu bröckeln beginnende Vorstellung einer weißen Vormachtstellung. In ihrer dritten Vorlesung The Crises of White Identity lokalisiert Alcoff progressive Gestaltungsräume in diesen Spannungsfeldern und zeigt Möglichkeiten der Transformation und für die gemeinsame Neugestaltung von Lebensweisen.

Linda Martín Alcoff, Prof. Dr., ist Professorin für Philosophie am Hunter College und dem Graduate Center der City University of New York. Zu ihren Forschungsfeldern zählen die Kontinentalphilosophie des 19. und 20. Jahrhunderts, Critical Race Studies, Sozialphilosophische Epistemologie, Postkoloniale und Feministische Theorien sowie die Lateinamerikanische Philosophie. Linda M. Alcoff war Mitglied des Programmbeirats der New York Society for Women in Philosophy und Präsidentin der American Philosophical Association. Als Autorin schreibt sie regelmäßig für die New York Times, Aeon und New York Indypendent. Für ihre 2006 erschienene Publikation Visible Identities. Race, Gender and the Self (Oxford: Oxford University Press) erhielt Linda M. Alcoff den Frantz Fanon Preis der Carribean Philosophical Association. Zu ihren weiteren Buchveröffentlichungen zählen unter anderem: Rape and Resistance. Understanding the Complexities of Sexual Violation. Cambridge: Polity Press 2018; The Future of Whiteness. Cambridge: Polity 2015; The Routledge Companion to the Philosophy of Race. New York und London: Routledge 2018 (Hg. zusammen mit Paul Taylor and Luvell Anderson).

Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2022
30. Juni 2022
Campus Bockenheim, Hörsaal IV
Goethe-Universität Frankfurt am Main

© IfS, mit freundlicher Genehmigung vom Suhrkamp-Verlag (https://www.suhrkamp.de)


Adorno-Vorlesungen 2022: Linda Martín Alcoff »The Historic Formation of Race« (1/3)

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Linda Martín Alcoff
The Historic Formation of Race
1. Vorlesung

»Race, Culture, History«

Seit 2002 veranstaltet das Institut für Sozialforschung in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag jährlich Vorlesungen, die an drei Abenden an Theodor W. Adorno erinnern. In diesem Jahr widmet sich die Philosophin Linda Martín Alcoff der historischen und kulturellen Rekonstruktion von Race und damit verbundenen Identitäten: Welche Erfahrungen entstehen aus der konstitutiven Beziehung von Race, History and Culture? Wie sind bestimmte Vorstellungen von Race mit konkreten, regressiven wie progressiven, Praktiken und Lebensweisen verbunden? Und inwieweit braucht es neue Ansätze, um die Narrative des Rassismus und ihr Fortbestehen zu überwinden und gesellschaftliche Verhältnisse zu transformieren?

In ihrer ersten Vorlesung mit dem Titel The Historic Formation of Race untersucht Linda M. Alcoff die zeitlich und lokal variierenden Vorstellungen von Race und nimmt bislang unterbestimmte und fehlgeleitete Zusammenhänge in den Blick. Die Differenzkategorie Race, so Alcoff, ist nicht begrifflich falsch, ideologisch oder moralisch verwerflich, sondern entwickelte sich im Zuge historischer Ereignisse und erweist sich als durchweg sozial, kontextgebunden und dynamisch. Race umfasst gemeinsame Lebensformen, Subjektivierungsweisen und geteiltes Wissen, die aus der Kolonialgeschichte entstanden sind und bis in die Gegenwart fortdauern.

Unter dem Titel Cultural Racism wendet sich Alcoff in ihrer zweiten Vorlesung dem von Frantz Fanon in den 1950ern geprägtem Konzept des kulturellen Rassismus zu und entwickelt es auf Grundlage theoretischer und gesellschaftspolitischer Diskurse weiter: Einerseits legitimieren die rassistischen und kolonialen Ideologien bis heute Krieg, Enteignung und die Verweigerung von demokratischer Partizipation, anderseits eröffnet die kritische Reflexion des Konzepts die Möglichkeit einer antikolonialen und widerständigen Praxis sowie eine Reformierung sozialer Ideen und Praktiken. Alcoff zeigt, wie bestehende problematische Vorstellungen über den Globalen Süden zu überwinden sind, um Kulturen in ein neues, emanzipatorisches Verhältnis zueinander setzen zu können.

Zeitgleich geraten traditionelle, auf dem Nationalstaat beruhende Narrative durch soziale Bewegungen und öffentliche Forderungen zunehmend unter Druck: Die weiße Identität befindet sich in einer Krise. Die rassistische Abwehr und nationalistische Verweigerung der sowie die öffentlichen Angriffe auf die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erben sind davon ebenso Ausdruck wie die immer noch in Alltagspraktiken und Lebensweisen verankerte, jetzt aber zu bröckeln beginnende Vorstellung einer weißen Vormachtstellung. In ihrer dritten Vorlesung The Crises of White Identity lokalisiert Alcoff progressive Gestaltungsräume in diesen Spannungsfeldern und zeigt Möglichkeiten der Transformation und für die gemeinsame Neugestaltung von Lebensweisen.

Linda Martín Alcoff, Prof. Dr., ist Professorin für Philosophie am Hunter College und dem Graduate Center der City University of New York. Zu ihren Forschungsfeldern zählen die Kontinentalphilosophie des 19. und 20. Jahrhunderts, Critical Race Studies, Sozialphilosophische Epistemologie, Postkoloniale und Feministische Theorien sowie die Lateinamerikanische Philosophie. Linda M. Alcoff war Mitglied des Programmbeirats der New York Society for Women in Philosophy und Präsidentin der American Philosophical Association. Als Autorin schreibt sie regelmäßig für die New York Times, Aeon und New York Indypendent. Für ihre 2006 erschienene Publikation Visible Identities. Race, Gender and the Self (Oxford: Oxford University Press) erhielt Linda M. Alcoff den Frantz Fanon Preis der Carribean Philosophical Association. Zu ihren weiteren Buchveröffentlichungen zählen unter anderem: Rape and Resistance. Understanding the Complexities of Sexual Violation. Cambridge: Polity Press 2018; The Future of Whiteness. Cambridge: Polity 2015; The Routledge Companion to the Philosophy of Race. New York und London: Routledge 2018 (Hg. zusammen mit Paul Taylor and Luvell Anderson).

Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2022
29. Juni 2022
Campus Bockenheim, Hörsaal IV
Goethe-Universität Frankfurt am Main

© IfS, mit freundlicher Genehmigung vom Suhrkamp-Verlag (https://www.suhrkamp.de)


[freitag]

Lisa Yashodhara Haller: »Willkommen im Kapitalismus: Die Einkommen unserer Kinder«

Zeitungsartikel, Aus dem IfS

Das Kindergeld wird reformiert. Kann das neue Modell Armut lindern und soziale Ungleichheit verkleinern?
Mehr als drei Millionen Kinder wachsen in Deutschland arm oder armutsgefährdet auf – jedes fünfte Kind. Diese Armut hat zwei einfache Gründe. Zum einen verursacht das Leben des Kindes Kosten, für das es selbst natürlich nicht aufkommen kann. Und zum anderen verdient der Elternteil, der das Kind betreut, weniger. Hier zeigt sich: Kinder bedürfen einer Versorgung, die mit der kapitalistischen Verwertungslogik nicht vereinbar ist – und das produziert Armut.


[ak]

Anna Steenblock: »Müde aber entschlossen «

Zeitungsartikel, Aus dem IfS

Seit Wochen streiken Reinigungskräfte in Marseille – von migrantisierten Arbeiter*innen geführte Kämpfe nehmen zu. Seit dem 29. März sind Kader, Hamid, Rabah, Moina, Khedija, Aicha und Fatema, sieben Angestellte eines Reinigungsunternehmens in Marseille, im Streik. Sie arbeiten schon lange in der Agence Régionale de Santé (ARS), der staatlichen Gesundheitsbehörde der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur, teilweise seit über zwanzig Jahren. Von Montag bis Freitag bauen sie nun täglich ab 16 Uhr, während ihrer regulären Arbeitszeit, ihren Streikposten vor dem Gebäude auf, positionieren Streikkasse, Petition, Kekse und Kaffee und stellen ihre Banner auf. Es ist die Zeit, zu der die Angestellten der Behörde das Gebäude verlassen. Sie begrüßen die Streikenden mit Namen, fragen nach dem Stand der Dinge und rufen ihnen »Viel Erfolg!« zu.


[FAZ]

FAZ über die Adorno-Vorlesungen 2022: »Die Spur der Siedler«

Zeitungsartikel, Über das IfS

Die Philosophin Linda Alcoff spricht an der Universität Frankfurt über Überlegenheitsgefühle unter weißen amerikanischen Bürgern und sucht nach einem Weg, sie zu überwinden.


Plenarveranstaltung IV »Die Öffentlichkeit der Massen«

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Ethel Matala de Mazza
(Humboldt-Universität zu Berlin)
»Der Serienschreiber. Kracauer und die Formate des Populären«

Kracauer hat für das Feuilleton der Frankfurter Zeitung am Fließband Beiträge geschrieben. Einige der bekanntesten sind bereits für sich als Serie angelegt: Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino etwa oder Die Angestellten. Serien verdanken ihre Popularität der Massenkultur, zu der Kracauer nicht nur als missvergnügter Ideologiekritiker Distanz wahrt, sondern ihr als teilnehmender Beobachter auch entgegenkommt. Im Vortrag soll es um die politischen Anliegen gehen, die seinen Sinn fürs Populäre wachhalten. Denn daran hängen Schicksalsfragen für sein journalistisches Metier: unter der verschärften Medienkonkurrenz erodiert die Öffentlichkeit der Presse.

Henrik Reeh
(University of Copenhagen)
»Ornaments, People, Cities. Siegfried Kracauer on Masses and Metropolis«

Siegfried Kracauer is educated as an architect at the time when Adolf Loos denounces a close connection between ornament and crime in a paper of the same title. Despite the widespread repression of ornament in design and society that follows, Kracauer himself keeps emphasizing the importance of ornament to architectural and urban experience. To be sure, Kracauer soon demonstrates how mass ornaments are exploited by an industry of entertainment, which reflects capitalist society at large. Here, the process of production reduces reason to a narrow ratio. On the other hand, Kracauer claims that a utopian Reason remains at play, not least by way of certain ornaments which allow for the articulation of complexity in human life. In this context, the question arises whether cities generate ornamental features that may challenge instrumental ratio and, furthermore, promote urban culture as a realm of human coexistence and critical reflection. In short, what are the conditions of urban ornaments in the modern city? Siegfried Kracauer addresses this issue in several genres, conceptual contexts, and across a wide range of topics. This lecture explores how an experimental reflection on masses and ornament – spanning architecture, social issues, and urban history – comes about in Kracauer’s writings from the 1920s and 1930s, a period during which the urban condition pervades – but also challenges – novel, essays and historiography.

Moderation: Felix Trautmann

Internationale Siegfried Kracauer Konferenz
21. Mai 2022
Hörsaal IV, Hörsaalgebäude, Campus Bockenheim
Frankfurt am Main

Video/Ton/Schnitt: Public noise
© IfS


Forum II »Kracauerund die Künste«

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Juliane Rebentisch
(Hochschule für Gestaltung Offenbach)
»Zerstreuung heute«

Aus der Dürftigkeit ihrer Existenz retteten sich die Angestellten in eine Zerstreuung, die ihnen die Einsicht in den soziopolitischen Ursprung dieser Dürftigkeit durch den Glanz der Illusionen verdeckt. Dieser Diagnose aus Kracauers »Asyl für Obdachlose« steht in »Kult der Zerstreuung« eine ganz andere entgegen. Hier wird die Zerstreuung im Gegenteil zum Medium der Einsicht in soziale Wirklichkeit. Denn als Entfaltung einer »puren Äußerlichkeit« sei die Zerstreuung den »äußeren Schäden der Gesellschaft« angemessener als die Prätention von Innerlichkeit, wie sie in den Sphären der »hohen Kunst« anzutreffen sei. Im »reinen Außen« der Oberflächenreize begegne sich das Publikum selbst. Der Impulsvortrag wird der Doppelgesichtigkeit der Zerstreuung bei Kracauer nachgehen und nach deren Aktualität fragen.

Gertrud Koch
(Freie Universität Berlin)
»Kracauers Filmtheorie und die Aufhebung der Künste«

Kracauers Filmtheorie wird oft als essentialistisch charakterisiert, als Ontologie einer Seinsweise des Films. Zu dieser gelangt Kracauer jedoch durch eine implizite geschichtstheoretische These, die den Film durch seine Stellung in der Geschichte zu den anderen Künsten positioniert.

Carsten Ruhl
(Goethe-Universität Frankfurt a. M.)
»Kracauers Architekturen«

Was zumeist vergessen wird, Kracauer war zu allem Überfluss auch noch ausgebildeter Architekt. Die wenigen Jahre seiner Tätigkeit als Architekt fielen in eine Zeit tiefgreifender Umwälzungen. Sowohl politisch mit dem Ersten Weltkrieg und seinen Folgen als auch architektonisch mit dem Neuen Bauen. Wo andere für eine kurze Zeit und während des Krieges bereits an ihren Manifesten zu einer Revolution der Architektur und der Gesellschaft arbeiteten, befasste sich Kracauer allerdings mit ganz anderen Dingen. Etwa mit der Entwicklung der Schmiedekunst des 17. bis 19. Jahrhunderts, so das Thema seiner Dissertation, die 1915 erschien. Mit Beginn von Kracauers Tätigkeit als Redakteur der Frankfurter Zeitung war das Thema der Architektur keineswegs ad acta gelegt. Die Entscheidung, die Architektur gegen das Schreiben einzutauschen, so die These, ging einher mit ihrem Verständnis als produktive Schule des Sehens und Sichtbarmachens.

Christoph Menke
(Goethe-Universität Frankfurt a.M.
»Die Kunst der Krise«

Kracauers berühmte Essays der 1920er Jahre, die er unter dem Titel Das Ornament der Masse versammelt hat, entwerfen eine Geschichtsphilosophie des Bildes, die in einem Modell des Realismus gipfelt. Im Bild (das auf der Höhe der sozialen und technologischen Bedingungen des – damals – gegenwärtigen Kapitalismus ist) geht es um Tatsächliches. In dieser Hervorbringung eines neuen Tatsachensinns durch die gegenwärtige Bildproduktion sieht Kracauer das »Vabanque-Spiel der Geschichte«. Denn sie schwört die »entscheidende Auseinandersetzung« herauf, um die es in der Gegenwart geht: die Auseinandersetzung zwischen der natürlichen und der richtigen, also freien Ordnung.

Moderation: Felix Trautmann

Internationale Siegfried Kracauer Konferenz
21. Mai 2022
Hörsaal IV. Hörsaalgebäude, Campus Bockenheim
Frankfurt am Main

Video/Ton/Schnitt: Public noise
© IfS


Forum I »Kracauer und die Soziologie«

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Christian Fleck
(Karl-Franzens-Universität Graz)
»Welcher Kracauer für welche Soziologie?«

Über »Kracauer und die Soziologie« zu sprechen, setzt erstens voraus, dass man in Kracauers Werk zumindest drei verschiedene Varianten soziologischer Beiträge auseinanderhält: (1) Seine frühe eher philosophisch inspirierte Abhandlung mit Soziologie im Titel, (2) Die Angestellten und (3) seine im Umfeld des Bureau of Applied Social Research entstandenen Texte der 1950er Jahre. Zweitens muss man wohl auch »Soziologie« näher eingrenzen und zwischen verschiedenen Ausprägungen dieser Disziplin nach Land/Sprache, theoretischer Orientierung etc. unterscheiden. Erst nach diesen Differenzierungen wird es möglich sein, etwas dazu zu sagen, ob Kracauer heute noch »anschlussfähig« ist.

Claudia Honegger
(Universität Bern)
»Mit Kracauer von Frankfurt nach Paris«

Nach Abschluss des Soziologiestudiums in Frankfurt hatte ich die Absicht, für ein Jahr nach Paris zu gehen, um als Postgraduierte an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales bei Pierre Bourdieu und bei Historiker_innen der Annales-Schule, die ich bei meiner Arbeit über den Hexenwahn kennen gelernt hatte, zu studieren. Aus dem einen Jahr sind fünf geworden. Hierbei war Siegfried Kracauers Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit der auch und gerade soziologisch wichtigste Text für mich, um mich dieser Stadt annähern zu können. Ich werde folglich dieses Buch ins Zentrum meiner Ausführungen zu Kracauer und die Soziologie stellen.

Sighard Neckel
(Universität Hamburg)
»Die Wirklichkeit faschistischer Propaganda. Siegfried Kracauers politische Aktualität«

Siegfried Kracauer hinterließ mikrologische Modellanalysen einer emblematischen Soziologie, deren empirische Dichte, typologische Genauigkeit und literarische Qualität bis heute einzigartig in einer zunehmend erfahrungsarmen Sozialforschung sind. Interessiert daran, zu verstehen, wie sich in Massenkultur, Massenmedien und politischer Propaganda sichtbare Oberflächen in vorgetäuschte Wirklichkeiten verwandeln, bekommen seine Arbeiten heute insbesondere im Politischen eine neue Aktualität. In seinen erst posthum veröffentlichten (und vom Institut für Sozialforschung seinerzeit verworfenen) Studien zu Masse und Propaganda zeigt Kracauer auf, wie faschistische Propaganda zu einem Selbstzweck wird, der eine eigene soziale Wirklichkeit schafft. Damit hat Kracauer eine analytische Spur gelegt, die uns heute direkt in die propagandistischen Operationsweisen des modernen politischen Autoritarismus hineinführen kann.

Barbara Thériault
(Université de Montréal)
»Kracauer und die »Zeitungssoziologie««

In der Kombination von Soziologie, Literatur und Reportage stehen die Hybridform der Feuilletons, wie Kracauer sie zwischen 1925 und 1933 praktiziert hat, und die Zeitungen, in denen sie veröffentlicht wurden, für eine der Geburtsstätten unserer Disziplin. Hier zeigt sich, was die Soziologie hätte werden können – und noch werden könnte. Denn: Die Miniaturen Kracauers erweisen sich heute als ein Schatz für eine qualitative Soziologie, die auf sinnliche Erfahrungen und Stimmungen aufmerksam macht, die für eine Fülle von Materialen offen ist sowie Wert auf Schreiben und Darstellungsformen legt. Zudem eröffnen die Feuilletonartikel Wege, die Soziologie für ein breites Publikum zugänglich zu machen.

Moderation: Axel Honneth

Internationale Siegfried Kracauer Konferenz
20. Mai 2022
Hörsaal IV, Hörsaalgebäude, Campus Bockenheim
Frankfurt am Main

Video/Ton/Schnitt: Public noise
© IfS


Plenarveranstaltung II »Die Gesellschaftlichkeit des Films«

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Inga Pollmann
(University of North Carolina at Chapel Hill)
»Kracauers Medium«

Across his work, which extends into various disciplines and concerns various media, Kracauer employs a complex notion of medium and mediation. In his treatise on the detective novel, the human being itself is understood existentially as median being, suspended between lower and upper realms of existence, while in his street texts, specific locales are described as media in a more biological sense of the term, that is, as enabling and nourishing something (in this case, epistemological insights) and containing historical sediments. This talk seeks to connect Kracauer’s understanding of medium and mediation in his early texts to his later writings about film. Kracauer’s medium, understood existentially, environmentally, and aesthetically, bears the marks of his indebtedness to life-philosophy, not least in his direct references to life, but also to body, space and image relations, as well as in the notions of endlessness and continuum so central to Theory of Film and the »passive activity« of the citizen, spectator, and historian. His work is underwritten by correspondences among image aesthetic, philosophical system, and writing style, and the emergent theory of medium in his writing points toward an environmental aesthetic the political implications of which allow us to see anew Kracauer’s currency for both contemporary cinema and critical thought.

Johannes von Moltke
(University of Michigan)
»Kracauer’s Media Anthropology«

New media unsettle old humanisms. The advent of cinema, no less than the rise of television or the iPhone, reconfigured the relation between humans and (media) technologies, prompting critics to theorize this reconfiguration in turn. In this sense, film theory always involves media anthropology. Even where it foregrounds aesthetic questions about »film as art«, hermeneutic questions about the meanings of individual films or genres, or sociopolitical questions about the relationship between cinema, society, and ideology, film theory at some level inevitably confronts the question of how cinema inflects the very notion of what it means to be human.
In this talk, I trace the media anthropological impulses that run through Siegfried Kracauer’s life-long work on film, from his Weimar-era film reviews through the Marseille notebooks of the early 1940s, to his American writings and his culminating Theory of Film. In developing his »material aesthetics« for that book, Kracauer sets the cinema »in the perspective of something more general – an approach to the world, a mode of human existence«, thus advancing broad anthropological claims about a medium that he significantly considers to be »not exclusively human«. In my talk, I trace that perspective back to Kracauer’s earlier writings, asking how he configures human lifeworlds and technological media in developing his film theory.

Moderation: Leonie Hunter

Internationale Siegfried Kracauer Konferenz 2022
20. Mai 2022
Hörsaal IV, Hörsaalgebäude, Campus Bockenheim
Frankfurt am Main

Video/Ton/Schnitt: Public noise
© IfS


Abendvortrag »Siegfried Kracauer. Von der Einheit in der Vielfalt seiner Schriften«

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Axel Honneth
(Columbia University)
»Siegfried Kracauer. Von der Einheit in der Vielfalt seiner Schriften«

In dem Vortrag soll der Versuch unternommen werden, das grundierende Motiv im häufig für disparat gehaltenen Werk von Siegfried Kracauer zu entdecken. Zu diesem Zweck soll zunächst erst nur negativ verfahren werden, indem gezeigt wird, worin die Einheit in seinen Schriften nicht bestehen kann: Weder das Motiv einer Entschlüsselung des kapitalistischen Getriebes anhand von dessen kulturellen Oberflächenerscheinungen noch das seine Filmtheorie begründende Thema einer Errettung der physischen Wirklichkeit dürfen als eine solche theoretische Klammer seines Werkes betrachtet werden. Stattdessen soll im zweiten Teil des Vortrags dargelegt werden, dass die Einheit in der Vielfalt der Schriften Kracauers in dem Gedanken zu finden ist, jeden Anschein von Natürlichkeit und Gegenständlichkeit in der sozialen Welt durch Nachweis seiner gesellschaftlichen Wurzeln zu zerstören: Von den frühen Schriften aus der Zeit der Weimarer Republik bis hin zum späten Buch über die Schwierigkeiten einer Geschichtstheorie verfolgt Kracauer das Ziel, alles naturhaft Wirkende in Kultur und Gesellschaft zu »entmythologisieren«, um auf diese Weise zur Erweiterung von Vernunft im geschichtlichen Prozess beizutragen.

Moderation: Ferdinand Sutterlüty

Internationale Siegfried Kracauer Konferenz
19. Mai 2022
Festsaal, Studierendenhaus, Campus Bockenheim
Frankfurt am Main

Video/Ton/Schnitt: Public noise
© IfS