IfS Working Papers

Die Working Papers sind ein Publikationsorgan der IfS-Mitarbeiter:innen. In loser Folge erscheinen Aufsätze, Essays, Vorträge, Diskussionspapiere und Berichte, die die ganze Breite der Forschungsarbeit im Institut abbilden sollen. Das vergleichsweise freie Format erlaubt es, empirisches Material in größerer Ausführlichkeit darzustellen und/oder auch tentativere Thesen zu verfolgen, als dies in Zeitschriftenartikeln normalerweise möglich ist. Die Working Papers sind online auf der Seite des Instituts und bei der Deutschen Nationalbibliothek abrufbar.

17 (Juli 2022)

Maria Kontos und Minna K. Ruokonen-Engler | Zum Nexus von Arbeits- und Migrationssoziologie. Das Beispiel Pflegefachkräftemigration

Trotz Globalisierung und fortschreitender transnationaler Vergesellschaftung mit erheblichen Auswirkungen auch auf die Arbeitswelt sind Arbeitsmarkttheorie und Arbeitssoziologie ausschließlich auf nationale Institutionssysteme ausgerichtet und lassen migrationssoziologische Fragen meist unbeachtet. Zugleich finden sie selten Anwendung in der Migrationsforschung. Demgegenüber nimmt das vorliegende Working Paper sowohl die globalen Dynamiken der Arbeitsmärkte für die Pflegefachkräftemigration als auch die sozialen Dynamiken des Arbeitsalltags im lokalen Gesundheitsbetrieb in den Blick. Es wird zunächst auf die nationale und supranationale rechtlich-politische Steuerung der Pflegefachkräftemigration und des Arbeitsmarktes für Pflegefachkräfte aus dem Ausland eingegangen. Anschließend wird die Frage der internationalen Kräfteverhältnisse auf der Ebene der globalen Arbeitsmärkte diskutiert. Beleuchtet wird dann die Frage der politischen Kämpfe um die globalisierten Arbeitsmärkte für Pflegefachkräfte sowie die Diskrepanz zwischen der diskursiven Gestaltung der deutschen Politik auf diesem Gebiet und deren Auswirkungen auf der Ebene der globalen Machtungleichheiten. Die Auswirkungen der globalen Ungleichheit auf die Alltagsinteraktion im Kontext der Arbeit im Gesundheitsbetrieb werden schließlich am Beispiel von Ergebnissen aus Interviews mit migrierten Pflegefachkräften und mit im Gesundheitsbetrieb bereits etablierten Pflegefachkräften diskutiert. Hieran werden Überlegungen zur Widerspiegelung von globaler Ungleichheit in Interaktionen im Arbeitsalltag angeschlossen und Gedanken zur Notwendigkeit einer engeren theoretischen Verbindung von migrations- mit arbeitssoziologischer Forschung entwickelt.

16 (Dezember 2021)

Maurits Heumann und Oliver Nachtwey | Autoritarismus und Zivilgesellschaft

In diesem Working Paper liefern wir einen explorativen, qualitativ-empirischen Beitrag
zur aktuellen Autoritarismus- und Rechtspopulismusforschung und knüpfen theoretisch
an klassische und neuere Autoritarismus- und Anomiekonzepte an. Das Working Paper
stellt die bisher umfassendste Darstellung unserer Forschungen zu diesem Thema dar,
kürzere Analysen haben wir bereits an anderer Stelle veröffentlicht (Nachtwey und
Heumann 2019; Heumann und Nachtwey 2020 und 2021). Im Mittelpunkt steht die
Analyse von 16 Interviews mit Personen, die Sympathien für die Alternative für
Deutschland (AfD) zu erkennen geben und gleichzeitig in einer politisch eher linken
und progressiven zivilgesellschaftlichen Organisation aktiv sind. Bei der Analyse und
Auswertung des Datenmaterials zeigen sich Varianten eines neuen Autoritarismus, die
sich gruppen- und situationsspezifisch ausprägen und als zivilgesellschaftliche Reaktionsformen
auf gesteigerte Anomievulnerabilitäten gedeutet werden. Wir unterscheiden
zwei typologische Ausprägungen dieses Autoritarismus unter den Befragten: die
autoritären Innovatoren und die regressiven Rebellen. Mit unserer Studie tragen wir zu
einem besseren Verständnis der heterogenen Praxisformen und normativen Orientierungen
des neuen Autoritarismus bei.

15 (September 2021)

Cécile Cuny | Sexualisierte Gewalt in der Feldforschung

Cécile Cuny
Sexualisierte Gewalt in der Feldforschung
IfS Working Paper #15

Abgesehen von feministischen Studiengängen ist sexualisierte Gewalt in der Feldfor-schung ein Nicht-Gegenstand in den französischen Sozialwissenschaften. In dieser Hin-sicht unterscheidet sie sich nicht von dem Tabu zu Gewalt gegen Frauen im Allgemeinen – trotz der Statistiken, die belegen, wie weitreichend dieses Problem ist. Die Handbücher, die in Frankreich am häufigsten in der Ethnografie-Lehre verwendet werden, befassen sich nicht mit sexualisierter Gewalt. Dabei gibt es auf Englisch schon lange Literatur über dieses Thema. In diesem Aufsatz gibt die Autorin einen Überblick über diese Arbeiten und leistet einen Beitrag zu den von ihr ausgelösten Debatten, indem sie zeigt, dass die Berücksichtigung sexualisierter Gewalt, die plötzlich bei der Feldforschung auftreten kann, eine Verknüpfung von methodologischen, epistemologischen und politischen Über-legungen erforderlich macht.

14 (April 2021)

Stephan Voswinkel | Arbeitssoziologie und Gesellschaftstheorie. Perspektiven der Arbeitssoziologie 2

Der Beitrag stellt einige Überlegungen zum Verhältnis von Arbeit und Gesellschaft vor. Er will damit zu einer Neubestimmung des Verhältnisses von Arbeitssoziologie und Ge-sellschaftstheorie beitragen. Im Sinne eines kritisch-reflexiven Eklektizismus verbindet er marxistische und anerkennungstheoretische mit Theorieelementen funktionaler Diffe-renzierung und kultursoziologischen Einsichten. Wenngleich die Arbeit in einer kapita-listischen funktional differenzierten Gesellschaft als Lohnarbeit positioniert ist, plädiert der Beitrag doch zugleich für einen erweiterten Arbeitsbegriff und damit für ein Verständ-nis der Arbeitssoziologie als einer Querschnittssoziologie. Arbeit ist stets eingebettet in Kulturen der Arbeit und in eine moralische Ökonomie. Notwendig ist eine stärkere wech-selseitige Bezugnahme von Arbeitssoziologie und Soziologie sozialer Ungleichheit. Das macht eine Reflexion über den Stellenwert des »Klassen«konzepts erforderlich. Der Auf-satz plädiert für einen doppelten Klassenbegriff – im Sinne einer Entkopplung des Ver-ständnisses als Widerspruch von Kapital und Arbeit von einer sozialstrukturellen Kate-gorie. Mit dem »sozialen Wert der Arbeitskraft« wird ein Konzept zur Vermittlung von Anerkennungskategorien und intersektionalen Einsichten in das Verhältnis von Kapital und Arbeit vorgeschlagen. Subjekte werden als soziale Akteur_innen an der Grenze der Systeme betrachtet, die in ihrer Identitätsarbeit und Praxis verschiedene Perspektiven, Logiken und Anforderungen verarbeiten. Der Beitrag führt so die im IfS Working Paper Nr. 13 begonnene Diskussion über Perspektiven der Arbeitssoziologie fort.

13 (Februar 2021)

Nicole Mayer-Ahuja und Wolfgang Menz | Arbeitssoziologie und Zeitdiagnose. Perspektiven der Arbeitssoziologie 1

Nicole Mayer-Ahuja und Wolfgang Menz
Arbeitssoziologie und Zeitdiagnose
IfS Working Paper #13
Perspektiven der Arbeitssoziologie 1

12 (November 2020)

Alexander Kern | Entwurzelung, Angleichung, Rückkehr. Zur Logik moderner Religiosität am Beispiel des Islamismus und anderer Strömungen

Alexander Kern
Entwurzelung, Angleichung, Rückkehr
Zur Logik moderner Religiosität am Beispiel des Islamismus und anderer Strömungen
IfS Working Paper #12

Der vorliegende Text führt eine Unterscheidung zwischen moderner und traditionaler Religiosität ein. Am Beispiel ideologischer und kultureller Verschiebungen im Islam, insbesondere im Islamismus, die unter Rekurs auf geschichtswissenschaftliche Befunde aus sozialwissenschaftlicher Perspektive und unter Berufung auf die ältere Kritische Theorie in den Blick genommen werden, argumentiert der Text, dass moderner Religio-sität drei Strukturmomente eigen sind: Entwurzelung, Angleichung und Rückkehr. Diese Momente bezeichnen zunächst historische Phasen, sind aber auch hilfreich, um die Lebenswege religiöser Akteur_innen und die Funktionsweise moderner Religion zu beschreiben. Dieser Versuch der Bestimmung »moderner Religiosität« soll die Vorstel-lung unterlaufen, der zufolge die »pluralistische« und »diversitätstolerante« Moderne der rigiden Tradition gegenübersteht.

11 (Oktober 2017)

Oliver Nachtwey und Timo Seidl | Die Ethik der Solution und der Geist des digitalen Kapitalismus

Oliver Nachtwey, Timo Seidl
Die Ethik der Solution und der Geist des
digitalen Kapitalismus
IfS Working Paper #11



Der Beitrag argumentiert, dass sich im Zuge der Herausbildung eines »digitalen Kapitalismus
« auch die Herausbildung eines neuen, digitalkapitalistischen Geistes beobachten
lässt. In einem ersten Schritt wird in ideengeschichtlicher Auseinandersetzung mit Sombart,
Weber sowie Boltanski und Chiapello ein Begriff des kapitalistischen Geistes gewonnen,
der sich als das soziohistorisch variierende Gesamt der normativen Wissensbestände
definieren lässt, die das Handeln kapitalistischer Akteure motivieren und legitimieren.
Diese Konzeptualisierung wird anschließend unter Rückgriff auf die Soziologie
der Rechtfertigung mit theoretischem Leben gefüllt und zur Analyseheuristik einer strukturierenden
Inhaltsanalyse nach Mayring herangezogen. Das Sample der Analyse besteht
aus insgesamt 34 Dokumenten (628 Codings) von und über digitale Eliten, in denen zum
Ausdruck kommt, wie diese ihr unternehmerisches Handeln motivieren und legitimieren.
Unsere Befunde erlauben zunächst einem illustrativen Überblick über die Verschiebungen
zwischen dem von Boltanski und Chiapello identifizierten »neuen« und dem hier untersuchten
digitalkapitalistischen Geist. Im Zentrum dieses digitalkapitalistischen Geistes
und damit auch unseres Beitrags steht jedoch eine neue und eigenständige Rechtfertigungsordnung,
die wir im Anschluss an Morozov als Polis der Solution bezeichnen. Diese
wird einerseits hinsichtlich ihrer Genese aus der jüngeren (Sozial-)Kritik am Kapitalismus
normativ rekonstruiert. Andererseits wird sie hinsichtlich ihrer Struktur als Rechtfertigungsordnung
analysiert, in der sich Wertigkeit über das technologisch-unternehmerische
(und nicht etwa politische) Lösen von Menschheitsproblemen definiert und die im »Weltverbessererunternehmer
« ihren idealen Vertreter findet.

10 (November 2016)

Maria Kontos und Evangelia Tastsoglou | The Breakdown of Normality and the Negotiation of Exit: Greece after 2010

Maria Kontos, Evangelia Tastsoglou
The Breakdown of Normality and the Negotiation of Exit: Greece after 2010
IfS Working Paper #10


The starting point of this paper is that the profound economic and social crisis in Greece has lead to a »breakdown of normality«. The aim of the paper is to analyse the impact of this crisis on subjectivation processes of the Greek middle classes. Analysing the contributions of readers to an online forum following a commentary on social unrest in an online daily Greek newspaper, we reconstruct some lay theories about the crisis, the negotiation of coping strategies along the concepts of »exit and voice« as well as the transformation processes in self-understanding and identity.
Considering the online forum as a virtual »group discussion«, we utilize for the analysis the interpretative method developed in this field. The key topics in the forum commen-tary are: the crisis of the clientelistic state as the main context of the upcoming social violence, emigration as a favoured exit strategy accompanied by the negotiation of legitimacy, the construction of the crisis as a civil war, and the revival of self hate within the framework of an attempt to explain the crisis as an outcome of domestic structures and mentalities, ignoring its European and global dimensions.

09 (Juni 2016)

Thomas Lemke | From Social Problems to Privacy Issues. A Symptomatic Reading of the Discourse on Genetic Discrimination

Thomas Lemke
From Social Problems to Privacy Issues
A Symptomatic Reading of the Discourse on Genetic Discrimination (This paper was first presented at the symposium »The ›Biological Turn‹ in Law: A Critical Appraisal« organized by Miguel Vatter and Marc de Leeuw at the University of New South Wales in Sydney on 23 October 2015.) IfS Working Paper #9


The term genetic discrimination has been coined to refer to a (negative) differential treatment of individuals on the basis of what is known or assumed about his or her genetic makeup. This paper critically engages with the current understanding of genetic discrimination. It shows that the distinction made between people who are symptomati-cally and asymptomatically ill as an essential element of the genetic discrimination discourse. Taking up Louis Althusser’s interpretative method of »symptomatic reading« (Althusser and Balibar 1997), I seek to reconstruct and make explicit what is absent, omitted and repressed by the way the problem of genetic discrimination is framed and addressed.
The argument is structured as follows. I will first present a short genealogy of the problem, outline the concept of genetic discrimination and how it has become a research topic over the past twenty-five years. Second, the paper sketches the regulatory and legal responses to the phenomenon, focusing on Germany as an example. I will then discuss some characteristics of the debate on genetic discrimination, in order to show how it fails to address important areas of concern in consequence of its current focus and framing. The last section advances the thesis that it is necessary to reconsider and renegotiate the scope and the meaning of genetic discrimination in the light of new technological challenges, recent commercial dynamics and a revised understanding of genetic information following the Human Genome Project.

08 (Juli 2015)

Nico Bobka und Dirk Braunstein | Die Lehrveranstaltungen Theodor W. Adornos. Eine kommentierte Übersicht

Nico Bobka, Dirk Braunstein
Die Lehrveranstaltungen Theodor W. Adornos
Eine kommentierte Übersicht
IfS Working Paper #8


Im Zuge des Editionsprojekts »Die Frankfurter Seminare Theodor W. Adornos. Edition und Publikation der Gesammelten Sitzungsprotokolle 1949–1969« (gefördert von der Gerda Henkel Stiftung) haben die Autoren dieses IfS Working Papers eine Übersicht über sämtliche Lehrveranstaltungen Adornos angelegt, die – mit ausgewählten Kom-mentaren versehen – an dieser Stelle zum ersten Mal veröffentlicht wird.

07 (April 2015)

Lisa Herzog, Sarah Lenz und Edgar Hirschmann | Ethische Banken in Deutschland – Nische oder Avantgarde? Eine Analyse der Selbstdarstellungen alternativer Geldinstitute

Lisa Herzog, Sarah Lenz & Edgar Hirschmann
Ethische Banken in Deutschland – Nische
oder Avantgarde?
Eine Analyse der Selbstdarstellungen alternativer Geldinstitute
IfS Working Paper #7


Unter »Ethischen Banken« verstehen wir Finanzinstitutionen, die in der Kundenansprache
explizit mit ethischen Standards werben. In diesem Working Paper untersuchen wir
die Selbstdarstellung von fünf »ethischen Banken« anhand von deren Websites und
Kundenbroschüren. Analysiert werden unter anderem deren Gründungskontexte,
Menschenbild, Vorstellung von der Funktionsweise des Wirtschafts- und Finanzsystems,
und Investitionspraktiken. Wie sich zeigt, schließen diese Banken an spezifische
in der Gesellschaft vorhandene Werte und Wertesysteme an. Während einige dieser
Werte, zum Beispiel Nachhaltigkeit, breite gesellschaftliche Zustimmung finden,
stammen andere aus spezifischen Welt- und Menschenbildern, zum Beispiel der
Anthroposophie. Insgesamt zeigt sich, dass hier nicht eine spezifische »Ethik des
Bankings« vorliegt, die sich aus der Natur des Bankgeschäfts ergeben würde. Vielmehr
wird der Versuch unternommen, anderweitig begründete Werte und Prinzipien auch im
Wirtschafts- und Finanzsystem zum Tragen kommen zu lassen und dieses somit wieder
an die Ethik der jeweiligen Lebenswelt anzuschließen.

06 (Juli 2014)

Christoph Deutschmann | Ein »hayekianisches« Regime in Europa? Zur Diskussion Wolfgang Streecks Buch »Gekaufte Zeit«

Christoph Deutschmann
Ein »hayekianisches« Regime in Europa?
Zur Diskussion Wolfgang Streecks Buch »Gekaufte Zeit«
(Vortrag am Institut für Sozialforschung am 10. März 2014)
IfS Working Paper #6


In his recent book “Buying time. The delayed crisis of democratic capitalism”, Wolfgang
Streeck interprets the present crisis management of the EU as an attempt to establish a
‘Hayekian’ regime of liberalized transnational markets in Europe. In contrast to Streeck,
the author of this paper argues that, if there has been a ‘Hayekian’ regime, it developed
already after the collapse of the Bretton Woods-system in 1973 and the subsequent dismantling
of capital controls in the U.S. and Europe. It was in the financial crisis of
2007/2008 that Hayekian liberalism finally ended in disaster. The European crisis management,
still being largely pre-occupied with keeping banks and states from collapsing,
is not following a Hayekian script. Rather, it is confronted with the challenge of removing
the debris of the breakdown of the Hayekian utopia, taking the form of zombie banks and
large uncovered capital claims. A re-nationalization of currencies in Europe, as proposed
by Streeck, does not offer a promising way to master this challenge. Rather, political cooperation
(at least) at European level in combination with much more democratic pressure
from below are required.
In seinem Buch „Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus“
interpretiert Wolfgang Streeck das gegenwärtige Krisenmanagement der EU als Versuch,
ein „hayekianisches“ Regime liberalisierter transnationaler Märkte in Europa zu errichten.
Der vorliegende Beitrag entwickelt eine Gegenposition zu Streeck: Sofern man von
einem „hayekianischen“ Regime sprechen kann, hat es sich bereits vor mehr als 30 Jahren
nach dem Zusammenbruch des Bretton Woods-Systems und dem nachfolgenden Abbau
der Kapitalverkehrskontrollen in den USA und Europa entwickelt. Die durch die Hayekianische
Utopie getriebene Liberalisierung der internationalen Finanzmärkte führte in die
Krise von 2007/2008. Das gegenwärtige europäische Krisenmanagement folgt keinem
„hayekianischen“ Drehbuch, sondern richtet sich hauptsächlich darauf, die Zahlungsfähigkeit
gefährdeter Banken und Staaten sicherzustellen. Es steht vor der Herausforderung,
die Hinterlassenschaften des Zusammenbruchs der Hayekianischen Utopie in Form zahlungsunfähiger
Banken und uneinlösbarer Vermögensforderungen abzuwickeln. Lösen
lässt sich dieses Problem nicht durch die von Streeck empfohlene Re-Nationalisierung
der Währungen, sondern nur durch ein auf europäischer Ebene koordiniertes Vorgehen.
Das setzt nicht nur intakte europäische Institutionen voraus, sondern auch eine demokratische
Öffentlichkeit, die dem Widerstand der Finanzlobby Paroli bieten kann.

05 (Juli 2014)

Ferdinand Sutterlüty | Religiöse Ideen und soziales Handeln Kirchen zwischen Gesellschaftskritik und Legitimitätsglauben

Ferdinand Sutterlüty
Religiöse Ideen und soziales Handeln
Kirchen zwischen Gesellschaftskritik und Legitimitätsglauben
IfS Working Paper #5


In einer stark von der Religionssoziologie Max Webers geprägten Perspektive arbeitet der Beitrag exemplarisch jene »religiösen Ideen« heraus, die für verschiedene christli-che Kirchen und Gruppen in einer von sozialen Ungleichheiten geprägten Gesellschaft handlungsleitend waren und sind. Die ausgewählten Beispiele aus Geschichte und Gegenwart zeigen, dass die kognitiven Gehalte religiöser Vorstellungen zu einem wesentlichen Teil erklären können, welche normative und praktische Haltung kirchliche Gemeinschaften geltenden »Rechtfertigungsordnungen« gegenüber einnehmen. In Deutschland und Europa, so eine weiterführende These, sind die Kirchen heute indessen kaum noch zu starken und eigenständigen Wirklichkeitsdeutungen durch spezifisch religiöse Semantiken in der Lage. Dieser Befund stellt den wesentlich von José Casano-va und Jürgen Habermas geprägten Diskurs, der die Religionsgemeinschaften als Akteure der Zivilgesellschaft und als Instanzen der gesellschaftlichen Selbstreflexion sieht, in ein neues Licht.

04 (Februar 2014)

Maria Kontos | Recognition Dynamics in a Misrecognised Job Domestic and Care Work of Migrant Women in Europe

Maria Kontos
Recognition Dynamics in a Misrecognised Job
Domestic and Care Work of Migrant Women in Europe
IfS Working Paper #4


In this paper I explore dynamics of social recognition within the domestic and care work
relation. I discuss how claims of social recognition intersect on the one hand with the
familialisation of paid domestic and care work, and on the other hand with the defamilialisation
of the worker. I demonstrate the ambivalences and limitations of social
recognition processes within this work relation and investigate the way social recognition
processes are determined and constrained by the overlapping of the private/familial
and public/economic spheres and logics. I argue that this overlap and the familialisation
of the work together with the defamilialisation of the worker are the background for
specific claims for recognition normally negotiated in the sphere of familial and intimate
relations; and that the familialisation of the work produces recognition claims that
ultimately remain unfulfilled. These claims and the responses to them find their limits in
the defamilialisation of the worker and the overarching economic interests of the
employer. Moreover, I show how cultures of rights influence recognition practices and
expectations as intersubjective recognition is embedded in multiple normative structures
within the two societies involved: the society of origin and the society of work.

03 (Januar 2014)

Boy Lüthje | Why no Fordism in China? Regimes of Accumulation and Regimes of Production in Chinese Manufacturing Industries

Boy Lüthje
Why no Fordism in China?
Regimes of Accumulation and Regimes of Production in Chinese Manufacturing Industries
IfS Working Paper #3


This paper examines the connections between the changing growth models of key industries in China and the regulation of work at shop-floor and industry levels. Referring to variety of capitalism theories and to regulation theory, the paper develops an interpretative framework for the analysis of sector-specific accumulation regimes in China’s core manufacturing industries. Workplace relations are analyzed with reference to a typology of production regimes derived from recent empirical research. The regimes of accumulation in the automobile, information electronics, and textile and garment industries and the underlying production models and segmentations of produc-tion networks are examined. The paper explores how increasingly differentiated regimes of production in core industrial sectors shape the strategies of restructuring in the wake of the global financial and economic crisis 2008-09, how these strategies result in new segmentations of the workforce, and why substantial reforms in the Chinese industrial relations system are on the agenda.
This paper has been written in the context of the joint research project of the Frankfurt Institute for Social Research and the East-West Center, Honolulu, “Rebalancing China’s emergent capitalism - Socio-economic regulation in the wake of the global economic crisis”, funded by the German Research Foundation (DFG). The paper presents key theoretical concepts of this project and develops a conceptual perspective for the main phase of empirical research to be carried out in key industrial regions in China in 2013.

02 (August 2013)

Kai Dröge | Zur Entstehung von Intimität im Internet Eine wissenssoziologische Untersuchung am Beispiel Online Dating

Kai Dröge
Zur Entstehung von Intimität im Internet
Eine wissenssoziologische Untersuchung am Beispiel Online Dating (Erweiterte Fassung eines Vortrages auf der Tagung der Sektion Wissenssoziologie der DGS, März 2011, Freiburg i. Br.)
IfS Working Paper #2


Dieser Beitrag untersucht den Prozess der Herausbildung von Intimität im Internet sowie die typischen Schwierigkeiten, die dabei auftreten. Die empirische Basis bilden eigene Untersuchungen über Online Dating.
Der seit Jahren ungebrochene Trend zur immer stärkeren Nutzung des Internets als Medium der Beziehungsanbahnung wird in der internationalen Forschungsliteratur häufig als Moment der Rationalisierung von Paarbeziehungen gedeutet. Dagegen zeigt die vorliegende Analyse, dass dieses Medium auch breiten Raum für Intimität und Emotionalität gibt, die sich in Begriffen der rationalen Interessenverfolgung nur unzureichend beschreiben lassen. Stattdessen greife ich auf eine klassische wissens-soziologische Analyse von Peter L. Berger und Hansfried Kellner aus den 1960er Jahren zurück, die heute im Internet überraschende Aktualität gewinnt. Berger und Kellner verstehen die Paarbildung als einen „nomischen“ Prozess, der die alltäglichen Wirklich-keitskonstruktionen der Beteiligten zunächst in eine Krise führt, diese dann aber wieder neu ordnet und so das Paar als eine intime und exklusive soziale Einheit konstituiert. Das Internet kann diesen Prozess sehr begünstigen, aber es gibt auch gegenläufige Entwicklungen: So erzeugt die große Zahl und schnelle Folge der Kontakte Abstump-fungen und Routinen, die schließlich die Bindungsfähigkeit der Beteiligten überhaupt untergraben. Zudem ist es schwierig, die online entstandene Nähe und Intimität in die Sphäre außerhalb des Mediums zu übertragen. Diese Beobachtungen führen schließlich zu einer Kritik der klassisch wissenssoziologischen Herangehensweise, die dem körpergebundenen Wissen eine zu geringe Beachtung schenkt. Außerdem werden aus der Untersuchung Schlussfolgerungen über die generelle Krisenanfälligkeit einer zunehmend mediatisierten Sozialwelt abgeleitet.

01 (August 2013)

Frank Beckmann und Chantal Magnin | Gesellschaftliche Verantwortung in der Wohnungswirtschaft

Frank Beckmann und Chantal Magnin
Gesellschaftliche Verantwortung in der Wohnungswirtschaft
Ergebnisse einer Studie zu Selbstverständnissen von Unternehmen mit öffentlichen, genossenschaftlichen und kirchlichen Trägern Gefördert durch den vhw – Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e. V.
IfS Working Paper #1


In der Studie wird die Rolle der sozialen Verantwortung im Selbstverständnis von Un-ternehmen der deutschen Wohnungswirtschaft thematisiert. Insbesondere öffentliche Wohnungsunternehmen sehen sich aktuell vor die Herausforderung gestellt, im Interesse ihrer Mieter_innen – respektive Kund_innen – Lebensqualität in den Wohnquartieren zu garantieren. Im Fokus der Untersuchung stehen Erfahrungen von öffentlichen, genossen-schaftlichen und kirchlichen Wohnungsunternehmen und ihre Rolle bei der sozialräumli-chen Integration von Wohnquartieren. Dafür wurden 20 Interviews mit Expertinnen und Experten aus der Praxis geführt. Durch deren Analyse lassen sich Einschätzungen identi-fizieren, die sich auf die Wahrnehmung von sozialer Verantwortung durch die Unterneh-men im nachbarschaftlichen Kontext beziehen. Die Interviews geben Einblick in den Handlungszusammenhang verantwortlicher Akteure in diesem Feld und beleuchten ins-besondere die politische Dimension integrativer Prozesse in städtischen Wohngebieten.