Montag

Institut für Sozialforschung, Sitzungsraum

Öffentliche Vorträge

Öffentliche Vorträge

Worin kann der Beitrag der Philosophie zur Analyse und Kritik von Rassismus liegen? Auf welche Weise können wir die Philosophie auf der Basis von rassismuskritischen Ansätzen und Kämpfen neu denken und welche institutionellen Rahmenbedingungen bräuchte es dafür? Worin liegen offene Fragen und blinde Flecken einer (philosophischen) Rassismuskritik und in welche Richtungen lassen sie sich weiterdenken? Der von Franziska Dübgen, Marina Martinez Mateo und Ruth Sonderegger herausgegebene Band Philosophie und Rassismus. Debatten und Kontroversen bietet eine Bestandsaufnahme dieser Diskussionen und bringt dabei eine Vielfalt an Methoden, Zugriffen und philosophischen Traditionen in einen Dialog.

In der Veranstaltung wird der Band von den Herausgeberinnen Franziska Dübgen und Marina Martinez Mateo vorgestellt und von Ivo Eichhorn, Hannah Hecker und Franziska Wildt diskutiert werden. Im Zentrum werden dabei Fragen zum Verhältnis von philosophischer Rassismusforschung und anderen Disziplinen (etwa Soziologie und Geschichtswissenschaft); zum Verhältnis von Rassismus(-Kritik) und Antisemitismus(-Kritik) sowie zur ambivalenten Bedeutung politischer und sozialer Kontexte zur differenzierten Bestimmung des Rassismusbegriffs stehen.

Franziska Dübgen ist Professorin für Philosophie mit den Schwerpunkten Politische Philosophie und Rechtsphilosophie an der Universität Münster.

Ivo Eichhorn ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Sozialphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt.

Hannah Hecker ist Doktorandin am Institut für Sozialforschung und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen.

Marina Martinez Mateo ist Juniorprofessorin für Medien- und Technikphilosophie an der Akademie der Bildenden Künste München.

Franziska Wildt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Die Kunst der Gegenuntersuchung« am Institut für Sozialforschung Frankfurt.

Dienstag

Campus Westend (Hörsaalzentrum HZ 10), Frankfurt am Main

Ringvorlesung des DFG-Graduiertenkollegs »Gewohnter Wandel«

Ringvorlesung des DFG-Graduiertenkollegs »Gewohnter Wandel«

Questions of housing are a key prism through which people in Bosnia and Herzegovina (BiH) have experienced social transformations over the last three and a half decades. They shaped experiences of the 1992-1995 war, in which half of the country’s population was displaced and had to find accommodation away from their original place of residence. They were at the heart of a vast foreign-enforced programme of reconstruction and return of the displaced, which effectively centred on restitution of property and tenancy rights. What has attracted much less attention, including in BiH itself, is that these war and postwar developments simultaneously entailed an ideological shift in terms of the value attributed to housing. In practice, from a society in which a substantial proportion of the population lived in socially-owned property according to the Yugoslav socialist self-management system, BiH was turned into a ‘property-owning democracy’. Considerations of exchange value gained precedence over those of use-value. This presentation traces the processes through which this has come to be.

Social anthropologist Stef Jansen is professor at the University of Sarajevo (Bosnia and Herzegovina) and honorary professor at the University of Manchester (UK). His ethnographic studies in the post-Yugoslav states have focused, amongst other things, on questions of home, hope, the state, borders, political subjectivity, social transformations and everyday geopolitics.

 

Veranstaltung im Rahmen der Ringvorlesung »Zerstörung - Zuflucht - Zukunft. Wohnen im und nach dem Krieg« des DFG-Graduiertenkollegs »Gewohnter Wandel. Gesellschaftliche Transformation und räumliche Materialisierung des Wohnens« im Wintersemester 2025/26

Wie wirkt sich Krieg auf das Wohnen aus und was können wir durch den Blickwinkel des Wohnens über Krieg lernen? In sieben Veranstaltungen beleuchten internationale Forschende aus Stadtplanung, Humangeographie, Architektur, Kunstgeschichte sowie Rechtswissenschaften und Anthropologie politische, ökonomische, bauliche und soziale Dimensionen der Wohnungsversorgung in Zeiten drohender und andauernder Kriege sowie sich anschließender Nachkriegsperioden. Die Beiträge blicken auf Entwicklungen in Bosnien, Deutschland, Israel, Jordanien, Syrien und der Ukraine und zeigen auf, wie Krieg als Zäsur bestehende Ordnungen und Strukturen zerstört, welche Neuerungen staatlicher Planungen zur Versorgung mit Wohnraum sich daraus entwickelt haben, wie die Menschen den alltäglichen Herausforderungen des Wohnens begegnen und wie bewaffnete Konflikte gesellschaftliche Wohnrealitäten und -identitäten dauerhaft prägen.

Die Ringvorlesung findet dienstags 14tägig um 18.30 Uhr im Wechsel an den Standorten Weimar und Frankfurt/Main statt. Es gibt die Möglichkeit einer digitalen Teilnahme:

BigBlueButton (Zugangscode: 98kbz7) https://meeting.uni-weimar.de/b/rooms/f2l-jnf-ajn-mfo/join

Montag

2og:dondorf (ehemalige Dondorf Druckerei)

Öffentliche Vorträge

Öffentliche Vorträge

Mit Frank Ehmann (FRA-UAS), Katja Kipping (Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes), Christian Kolbe (ISR/ FRA-UAS), Stephan Lessenich (IFS/ GU) und Anna Schumacher (FALZ)

Vorgeschichte, Inkrafttreten und Entwicklung des SGB II stehen paradigmatisch für ein enttäuschtes Versprechen universeller Teilhabe. Mit der Anrufung zur Aktivierung waren immer Ausschlussdrohungen verbunden, mit der Adressierung von »Unternehmer:innen ihrer selbst« immer auch die Legitimation von Strafpraktiken. Die programmatische Anrufung des Gesetzbuchs ist im Zeichen wechselnder politischer Kräfteverhältnisse unterschiedlich gelesen und operationalisiert worden. Für 2026 wartet nun die aktuelle Bundesregierung unter dem Titel »Neue Grundsicherung« mit der Herabsetzung der Grundsicherungsleistungen, neuen Regeln der Aktivierung und einem veränderten Strafenkatalog auf, um dem rechtspopulistischen Klima Rechnung zu tragen. Damit treibt sie Erwerbslose mehr noch als zuvor in konkurrenzielle Verhältnisse und schürt Entsolidarisierung. Nicht zufällig kehrt in diesem Kontext die die Faulheitsdebatte zurück, während das Arsenal der Strafen, ob formal oder informell, schon seiner Anwendung harrt.

Eine Kooperationsveranstaltung von Frankfurter Arbeitslosenzentrums, Institut für Sozialforschung und Institut für Stadt- und Regionalentwicklung.

Mittwoch

Institut für Sozialforschung

Öffentliche Vorträge

Öffentliche Vorträge

Wir sind es gewohnt, Menschen nach Geschlecht, Rasse, Alter oder Intelligenz zu unterscheiden. Doch ebenso wie die Abgrenzungen des Menschen von der Natur, den Tieren, dem Göttlichen oder den Maschinen sind diese Differenzierungen höchst ungewiss. In seinem neuen Buch »Rasse, Geschlecht, Gattung. Zur Frage der
anthropologischen Differenz« kennzeichnet Étienne Balibar diese Ungewissheit mit dem Begriff der anthropologischen Differenzen und zeigt, dass sich diese nie eindeutig bestimmen lassen, sondern immer wieder institutionell festgeschrieben werden müssen. Sind sie daher von Gewalt, Herrschaft und Kämpfen geprägt? Und wie werden sie im Rassismus, aber auch in emanzipatorischen Politiken wirksam? Können wir uns von ihnen oder durch sie befreien? Indem er das Unbehagen der menschlichen Gattung freilegt, entwirft Balibar eine neue Philosophie und Anthropologie.

Vortrag und Diskussion mit Étienne Balibar am 28. Januar 2026 von 18 Uhr bis 20 Uhr. Zeitgleich in Paris, Berlin und Frankfurt/Main.
Bitte darauf achten: Teilnahme nur vor Ort in Berlin und Frankfurt/Main möglich (ein Link wird nicht verschickt):
Institut für Europäische Ethnologie, Anton-Wilhelm-Amo-Str. 40/41, 10117 Berlin, Raum 408
Institut für Sozialforschung, Sitzungssaal Senckenberganlage 26, 60325 Frankfurt/Main

Künstler*innenhaus Mousonturm

Wie es kommen musste – Aspekte des neuen Autoritarismus

Wie es kommen musste – Aspekte des neuen Autoritarismus

[Bitte beachten: Die Veranstaltung fängt ausnahmsweise um 20 Uhr statt und nicht wie üblich bereits um 19 Uhr!]

Das in Adornos Studien zum autoritären Charakter aus der frühen Nachkriegszeit eher unbestimmt gebliebene Merkmal der Destruktivität rückt hier ins Zentrum der Autoritarismusforschung. Ausgehend von Erich Fromms Konzept der Destruktivität wird deutlich, wie autoritäre Dispositionen sich als affektiv grundierte Modi der Weltverarbeitung äußern. Anhand von Fallbeispielen wird das Begehren nach Zerstörung als eine Reaktionsform blockierten Lebens gedeutet, das sich seiner Handlungsfähigkeit beraubt sieht. Diese destruktive Affektstruktur speist ihre Energien aus einer Weltwahrnehmung, die sich von Aufstieg und Wachstum verabschiedet hat. Gesellschaft erscheint vielmehr als ein Nullsummenspiel, in dem (zu) viele Menschen um knappe Ressourcen kämpfen. Der Vortrag versteht diese affektive Weltwahrnehmung als zentralen Motor autoritärer Rebellion und plädiert für eine Relektüre Fromms.

 

Eine Veranstaltungsreihe von Institut für Sozialforschung und dem Künstler*innenhaus Mousonturm

Gegenwärtig wird sichtbar, was sich schon lange abzeichnete: Politische Kräfte, die neoliberale Politiken mit autoritären Anrufungen verknüpfen, rücken zunehmend zusammen und bilden Allianzen. Die Veranstaltungsreihe »Aspekte des neuen Autoritarismus« nimmt diese Konvergenz in den Blick, die nicht nur soziale Ungleichheiten vertieft, sondern auch demokratische Strukturen zunehmend untergräbt und für viele Menschen eine unmittelbare Bedrohung bedeutet.

Während der Neoliberalismus eine Gesellschaft des Wettbewerbs und der Entsicherung schafft, proklamiert der Autoritarismus einfache Feindbilder und rigide Ordnungen. Gemeinsam erzeugen sie ein gesellschaftliches Klima, das demokratische Prinzipien wie Menschenwürde und Grundrechte zunehmend unter Druck setzt. Die autoritär-neoliberale Allianz ist freilich kein Zufall, sie ist Ausdruck struktureller Dynamiken des Gegenwartskapitalismus. Analytisch wie historisch lässt sich zeigen, dass autoritäre Ordnungsvorstellungen bereits im Kern neoliberaler Ideologie verankert sind.

Die vom Institut für Sozialforschung und Künstler*innenhaus Mousonturm organisierte Veranstaltungsreihe beleuchtet die aktuelle Konjunktur dieser Allianz in Deutschland und der Welt, legt Mechanismen autoritär-neoliberaler Politik und deren gesellschaftlichen Konsequenzen offen und fragt danach, welche Gegenbewegungen zum neuen Autoritarismus sichtbar und denkbar sind.

 

9. Oktober 2025: Volker Weiß (Villigster Forschungsforum Hamburg) im Gespräch mit Paul Erxleben (IfS): Gangs of Today – Was die Racket-Theorie über die Gegenwart sagen kann

26. November 2025: Micaela Cuesta (Universidad Nacional de San Martín Buenos Aires) im Gespräch mit Alexander Kern (IfS): Para una Teoría Crítica del Autoritarismo Contemporáneo en Argentinia [auf Spanisch mit Simultanübersetzung ins Deutsche]

17. Dezember 2025: Morten Paul (Ruhr-Universität-Bochum) im Gespräch mit Ricarda Biemüller (IfS): Was war Faschismustheorie? Geschichte und Gegenwart eines Versprechens

28. Januar 2026: Carolin Amlinger (Universität Basel) im Gespräch mit Georg Marx (IfS): Zerstörungslust – Destruktivität als affektive Quelle des Autoritarismus

11. Februar 2026: Fiona Kalkstein (Else-Frenkel-Brunswik-Institut, Leipzig) im Gespräch mit Anna Rosa Ostern (IfS): Über Sündenböcke und Phantasmen. Faschisierung als Heilsversprechen

 

Der Eintritt ist frei.

Montag

PEG 1. G 168, Campus Westend

Vortragsreihe »Kritische Soziologie«

Vortragsreihe »Kritische Soziologie«

Vortrag von Martin Hauff (Goethe-Universität Frankfurt a. M.), kommentiert von Peter Gostmann (Goethe-Universität Frankfurt a. M.)

 

Vortragsreihe des AK Kritische Soziologie. Gemeinsamer Arbeitskreis am Institut für Soziologie der Goethe-Universität und am Institut für Sozialforschung (IfS) Frankfurt a. M.

Alle Vorträge finden c. t. statt.
Koordination: Laura Hanemann, Stephan Lessenich, Susanne Martin, Doris Schweitzer.
Kontakt: martin@soz.uni-frankfurt.de

Dienstag

Bauhaus-Universität Weimar

Ringvorlesung des DFG-Graduiertenkollegs »Gewohnter Wandel«

Ringvorlesung des DFG-Graduiertenkollegs »Gewohnter Wandel«

Wie bilden sich in Krisen- und Katastrophenszenarien spezifische Wohnutopien und Rückzugsarchitekturen heraus? Im Zentrum des Vortrags steht die Praxis des »Prepping« – abgeleitet von ‚to be prepared.‘ Prepper rüsten ihr privates Heim oder Geheimversteck für die Apokalypse auf, häufig angespornt durch entsprechende Magazine und Filme. Untersucht wird bei der Reportage Inside Prepping eines Outdoorausrüstungsmagazins, welche Subjektivierungsweisen dem Prepping zugrunde liegen und wie Wohnen vorgestellt wird. Dies wird mit Zeitschriftenbeiträgen zum privaten Bunkerbau des Kalten Krieges und der TV-Dokuserie Doomsday Preppers verglichen und mit künstlerischen Auseinandersetzungen zum Thema diskutiert. Die Reportagen setzen Isolation und Individualisierung als Lösung voraus. Sie triggern sowohl die Lust an Endzeitfantasien als auch Angst und suggerieren, dass diese durch akribische Organisation und den Erwerb von Verteidigungsartikeln besiegt werden könne. Existenzielle Angstpotenziale setzen jedoch regressive Affektebenen frei, die Prozesse der (De-)zivilisation schleichend weiter nähren. Die Angst vor dem Kontrollverlust in der Apokalypse weckt eine Begehrlichkeit für die Zukunft neue Machtfantasien durchzuspielen. So werden in den Wohnarchitekturen des Überlebens grundlegende gesellschaftliche Spannungen zwischen sozialem Wandel und räumlicher Materialisierung sichtbar – und damit Fragen berührt, die auch jenseits des Ausnahmezustands für die Gestaltung künftiger Lebensräume zentral sind.

Mona Schieren ist sie Professorin für Transkulturelle Kunstwissenschaften an der Hochschule für Künste Bremen und ist dort im Binational Artistic PhD-Program der Hochschule tätig. Sie studierte Kunstgeschichte und Philosophie in Hamburg und Nizza, sowie an der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik. Aktuell forscht und publiziert sie zu sozialen und transkulturellen Bedingtheiten künstlerischer Produktion im globalen Kontext Entangled Histories of Art and Migration (2024) hg. zusammen mit Bublatzky/Dogramaci/Pinther, zu Geschichtspolitiken sowie zur Kulturgeschichte von Körpertechniken und zu somatischen Körperpraktiken trans-species and shapeshifting encounter. Lygia Clarks künstlerische Methode der Strukturierung des Selbst (2025). 2019 mündete ihr Ausstellungsprojekt im Bunker Valentin (zusammen mit Katrin von Maltzahn) in das gemeinsam herausgegebene Buch Re: BUNKER. Erinnerungskulturen – Analogien – Technoide Mentalitäten. Sie war ferner beteiligt am Schweizer Nationalfonds Forschungsprojekt Materialisierte Erinnerungen (in) der Landschaft der Zürcher Hochschule der Künste und ist im wissenschaftlichen Beitrat des Denkort Bunker Valentin.

 

Veranstaltung im Rahmen der Ringvorlesung »Zerstörung - Zuflucht - Zukunft. Wohnen im und nach dem Krieg« des DFG-Graduiertenkollegs »Gewohnter Wandel. Gesellschaftliche Transformation und räumliche Materialisierung des Wohnens« im Wintersemester 2025/26

Wie wirkt sich Krieg auf das Wohnen aus und was können wir durch den Blickwinkel des Wohnens über Krieg lernen? In sieben Veranstaltungen beleuchten internationale Forschende aus Stadtplanung, Humangeographie, Architektur, Kunstgeschichte sowie Rechtswissenschaften und Anthropologie politische, ökonomische, bauliche und soziale Dimensionen der Wohnungsversorgung in Zeiten drohender und andauernder Kriege sowie sich anschließender Nachkriegsperioden. Die Beiträge blicken auf Entwicklungen in Bosnien, Deutschland, Israel, Jordanien, Syrien und der Ukraine und zeigen auf, wie Krieg als Zäsur bestehende Ordnungen und Strukturen zerstört, welche Neuerungen staatlicher Planungen zur Versorgung mit Wohnraum sich daraus entwickelt haben, wie die Menschen den alltäglichen Herausforderungen des Wohnens begegnen und wie bewaffnete Konflikte gesellschaftliche Wohnrealitäten und -identitäten dauerhaft prägen.

Die Ringvorlesung findet dienstags 14tägig um 18.30 Uhr im Wechsel an den Standorten Weimar und Frankfurt/Main statt. Es gibt die Möglichkeit einer digitalen Teilnahme:

BigBlueButton (Zugangscode: 98kbz7) https://meeting.uni-weimar.de/b/rooms/f2l-jnf-ajn-mfo/join

autoren buchhandlung marx & co

Prismen

Prismen

Markus Brunner und Saskia Gränitz im Gespräch mit Ann-Katrin Kastberg

Das Erstarken rechter Bewegungen, die Wahlerfolge antidemokratischer Parteien und die Verbreitung menschenfeindlicher Einstellungen: Die Gegenwart zeigt mit neuer Schärfe, was die Kritische Theorie seit ihren Anfängen unter dem Begriff des Autoritarismus zu verstehen versuchte. Anknüpfend an diese Tradition widmet sich die Doppelbuchvorstellung den psychosozialen Bedingungen des Rechtsrucks entlang der Frage, inwiefern Autoritarismus als Form der Krisenbearbeitung verstanden werden kann. Denn dass sich wachsende Teile der Bevölkerung für das rechte »Ticket« entscheiden, hängt sowohl mit der gesellschaftlichen Lage als auch damit zusammen, wie Menschen psychisch damit umgehen.

Markus Brunner stellt in seinem Buch die vielfältigen Überlegungen der Frankfurter Schule zum Thema dar, zeichnet aktuelle Debatten nach und plädiert für eine dynamisierte Perspektive in der Autoritarismusforschung. Saskia Gränitz zeigt in ihrer Studie, in der sie die Bewältigung von Wohnungsnot untersucht hat, wie autoritäre Krisenbearbeitung im Subjekt konkret vor sich geht. An Fallbeispielen möchten die Autor:innen schließlich mit Ann-Katrin Kastberg und dem Publikum über autoritäre Dynamiken sowie ihren Nährboden diskutieren.

 

Grundlage des Gesprächs ist das kürzlich von Markus Brunner erschienene Buch Sozialpsychologie des Autoritären. Zur Aktualität der Autoritarismusforschung der Frankfurter Schule. Gießen: Psychosozial-Verlag 2025 sowie Saskia Gränitz' kürzlich veröffentlichte Dissertation Wohnungsnot und Autori­tarismus. Subjektanalytische Zugänge zur psychosozialen Bewältigung prekären Wohnens. Wiesbaden: Springer VS 2025.

 

Markus Brunner ist Sozialpsychologe und Soziologe an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien.

Saskia Gränitz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Referentin für Publikationen am Institut für Sozialforschung.

Ann-Katrin Kastberg ist Doktorandin am Institut für Sozialforschung und am Institut für Humangeographie an der Goethe-Universität Frankfurt a. M.

Mittwoch

Künstler*innenhaus Mousonturm

Wie es kommen musste – Aspekte des neuen Autoritarismus

Wie es kommen musste – Aspekte des neuen Autoritarismus

Die Faschismusforschung unterscheidet zwischen einer Bewegungsphase, in der die Faschisten (noch) nicht an der Macht sind und der Phase der Herrschaft. Die Bewegungsphase ist für die Sozialpsychologie von besonderem Interesse, da die Faschisten noch kaum auf Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen rekurrieren können, um ihre Ideologie zu verbreiten. Sie müssen hier auf psychologische Mechanismen setzen, die Faschisierung attraktiv wirken lassen, um eine gesellschaftliche Basis zu verankern. Faschistische Ideologie und ihre Versprechen docken an unbewusste, regressive Wünsche und Phantasien der Reinheit, Vernichtung, totalen Beherrschung u.v.m. an, zu denen die Gesellschaft in Krisenzeiten in stärkerem Ausmaß tendiert. Ein Verständnis des Unbewussten und seines Zusammenspiels mit Autoritarismus und Faschismus, wie es die analytische Sozialpsychologie versucht, kann uns dabei helfen, Faschisierungsprozesse gezielt zu bekämpfen.

 

Eine Veranstaltungsreihe von Institut für Sozialforschung und dem Künstler*innenhaus Mousonturm

Gegenwärtig wird sichtbar, was sich schon lange abzeichnete: Politische Kräfte, die neoliberale Politiken mit autoritären Anrufungen verknüpfen, rücken zunehmend zusammen und bilden Allianzen. Die Veranstaltungsreihe »Aspekte des neuen Autoritarismus« nimmt diese Konvergenz in den Blick, die nicht nur soziale Ungleichheiten vertieft, sondern auch demokratische Strukturen zunehmend untergräbt und für viele Menschen eine unmittelbare Bedrohung bedeutet.

Während der Neoliberalismus eine Gesellschaft des Wettbewerbs und der Entsicherung schafft, proklamiert der Autoritarismus einfache Feindbilder und rigide Ordnungen. Gemeinsam erzeugen sie ein gesellschaftliches Klima, das demokratische Prinzipien wie Menschenwürde und Grundrechte zunehmend unter Druck setzt. Die autoritär-neoliberale Allianz ist freilich kein Zufall, sie ist Ausdruck struktureller Dynamiken des Gegenwartskapitalismus. Analytisch wie historisch lässt sich zeigen, dass autoritäre Ordnungsvorstellungen bereits im Kern neoliberaler Ideologie verankert sind.

Die vom Institut für Sozialforschung und Künstler*innenhaus Mousonturm organisierte Veranstaltungsreihe beleuchtet die aktuelle Konjunktur dieser Allianz in Deutschland und der Welt, legt Mechanismen autoritär-neoliberaler Politik und deren gesellschaftlichen Konsequenzen offen und fragt danach, welche Gegenbewegungen zum neuen Autoritarismus sichtbar und denkbar sind.

 

9. Oktober 2025: Volker Weiß (Villigster Forschungsforum, Hamburg) im Gespräch mit Paul Erxleben (IfS): Gangs of today – Was die Racket-Theorie über die Gegenwart sagen kann

26. November 2025: Micaela Cuesta (Universidad Nacional de San Martín, Buenos Aires) im Gespräch mit Alexander Kern (IfS): Para una Teoría Crítica del Autoritarismo Contemporáneo en Argentinia [auf Spanisch mit Simultanübersetzung ins Deutsche]

17. Dezember 2025: Morten Paul (Ruhr-Universität-Bochum) im Gespräch mit Ricarda Biemüller (IfS): Was war Faschismustheorie? Geschichte und Gegenwart eines Versprechens

28. Januar 2026: Carolin Amlinger (Universität Basel) im Gespräch mit Georg Marx (IfS): Zerstörungslust - Destruktivität als affektive Quelle des Autoritarismus

11. Februar 2026: Fiona Kalkstein (Else-Frenkel-Brunswik-Institut, Leipzig) im Gespräch mit Anna Rosa Ostern (IfS): Über Sündenböcke und Phantasmen. Faschisierung als Heilsversprechen

 

Die Veranstaltungen beginnen jeweils im 19 Uhr im Künstler*innenhaus Mousonturm. Der Eintritt ist frei.

Freitag

Renate von Metzler-Saal (Cas. 1.801), Goethe-University Frankfurt

Tagungen, Konferenzen, Workshops

Tagungen, Konferenzen, Workshops

With Melinda Cooper (Australian National University), Penelope Deutscher (Northwestern University), Clara Mattei (University of Tulsa), Vanessa E. Thompson (Queens University Canada), Vanessa Wills (George Washington University)    

Organisation: Rime Abd Al Majeed, Christina Engelmann, Miriam Schröder  

The workshop will discuss contemporary materialist feminist analyses and what we can learn from them about current fascist developments in the US, Europe, and worldwide. In particular, we will focus on how gender relations and capitalist production and reproduction intertwine with authoritarian and fascist tendencies today. The speakers will discuss the extent to which liberal, conservative, and right-wing political agendas coincide in promoting policies that simultaneously reproduce gender inequality, racialized logics, and class relations. The three panels will examine historical developments in which liberal and fascist forces allied to weaken the workers’ movement, while also questioning Marxist and Black feminist approaches to what they can contribute to an analysis of fascism and how we should organize from a feminist perspective to fight current authoritarian tendencies.  

Please register by February 6 (anmeldung@ifs-frankfurt.de).  

The event is a collaboration with Forum kritischer Wissenschaften.

 

Schedule

13:00 – 13:30
Introduction
Rime Abd Al Majeed, Christina Engelmann, Miriam Schröder

                                 
13:30 – 15:00
Panel I: Historical and Contemporary Analyses of the Interrelations between Liberalism and Fascism
Clara Mattei and Melinda Cooper
Chair: Christina Engelmann


15:00 – 15:30
Coffee break


15:30 – 17:00
Panel II: Black Feminist Studies on Fascist Formations of Capitalism
Penelope Deutscher and Vanessa Wills
Chair: Miriam Schröder


17:00 – 17:30
Coffee break


17:30 – 19:30
Podium: What is to be done?
Clara Mattei, Vanessa E. Thompson and Vanessa Wills
Chair: Rime Abd Al Majeed


19:30 – 21:00
Reception and dinner

 

Donnerstag – Samstag

IG-Farben-Nebengebäude 1.741b, Campus Westend

Tagungen, Konferenzen, Workshops

Tagungen, Konferenzen, Workshops

Programm am Donnerstag, 19. Februar 2026

13.30–14.00 Uhr

Christian Dries, Martin Kudla, Stephan Lessenich, Christian Wiese

Begrüßung und Einführung

14.00–14.45 Uhr

Jochen Gimmel

Apokalypse: Die Wiederkehr des Verdrängten

14.45–15.30 Uhr

Sara Walker

(Nicht-)Erfahrung in einer apokalyptischen Welt: Anders, Adorno, Benjamin

15.30–16.00 Uhr Pause

16.00–16.45 Uhr

Stefan Niklas

Die Selbstbegegnung der Erde hat nicht stattgefunden: Günther Anders und der Planet als ein »auf atemberaubende Weise Unbekanntes«

16.45–17.30 Uhr

Laëtitia Riss

From Apocalypse to Globocide: On Anders’ Last Word

18.00 Uhr

Öffentlicher Vortrag

Yael Kupferberg

Vom »letzten« zum »ersten« Juden. Günther Anders – das Judentum und die jüdische Existenz

19.30 Uhr Gemeinsames Abendessen

 

Programm am Freitag, 20. Februar 2026

9.30–10.15 Uhr

Robert Ziegelmann

Zweierlei Inversion der Utopie: Zum Bilderverbot bei Günther Anders und in der Kritischen Theorie

10.15–11.00 Uhr

Jonas Balzer

Antiquiertheit der Bedürfnisse? – Zu Verlauf und Wirkung einer Seminardiskussion unter Beteiligung von Theodor W. Adorno, Günther Anders, Max Horkheimer und Herbert Marcuse

11.30–12.15 Uhr

Jason Dawsey

Technology Critique and Counterrevolution: Günther Anders, Post-Marxism, and the Beginning of the Neoliberal Era

12.15–13.00 Uhr

Mara Recklies

Vom Genozid zum Globozid? Adorno und Anders’ Kritik der instrumentellen Designpraxis

13.00–14.30 Uhr Mittagspause

14.30–15.15 Uhr

Bernd Bösel

Marcuse und Anders: Zwei komplementäre Vordenker der Degrowth-Bewegung?

15.15–16.00 Uhr

Susanne Herresthal

Kreative Negativität bei Günther Anders

16.30–17.15 Uhr

Lucas Pohl

Mensch ohne Welt: Günther Anders und die kritische Geographie der Endzeit

18.30 Uhr Gemeinsames Abendessen

 

Programm am Samstag, 21. Februar 2026

9.30–10.15 Uhr

Jacob Blumenfeld

Three Catastrophes

10.15–11.00 Uhr

Florian Heßdörfer

Apokalypseblindheit: Versuch über die Endzeit als Erkenntnishindernis

11.00–11.30 Uhr

Pause

11.30–12.15 Uhr

Marcus Quent

Was heißt: Kritik der Apokalypse-Blindheit?

12.15–13.00 Uhr

Tom Vandeputte

Toward a Critical Theory of Extinction

 

 

Tagung vom 19. bis 20. Februar 2026 in Frankfurt am Main

Günther Anders, geb. Stern (1902–1992), wird in jüngster Zeit vermehrt als Inspirationsquelle für ein kritisches Denken der Gegenwart wiederentdeckt: im (post-)apokalyptischen Diskurs bei Jean-Pierre Dupuy oder Srećko Horvath, in Bruno Latours Gaia-Vorlesungen und Christine Hentschels Überlegungen zum »edge work« von Klima-Aktivist:innen, die nach alternativen Formen des Überlebens und des Widerstands im Anthropozän suchen.[1] Teils zustimmend, teils kritisch haben sich auch Denker:innen wie Zygmunt Bauman, Deborah Danowski, Eduardo Viveiros de Castro, Michaël Fœssel, Jean-Luc Nancy, Guillaume Paoli, Peter Sloterdijk und Slavoj Žižek auf Anders bezogen.[2] Im Fokus steht dabei meist dessen »prophylaktisches« apokalyptisches Denken, das die Katastrophe an die Wand schreibt, um sie zu verhindern, gepaart mit der Idee einer »moralischen Phantasie«, von »Streckübungen« unseres Vorstellungs- und Gefühlsvermögens. Auch Andersʼ Medienkritik wurde unlängst wieder für aktuelle Debatten um Künstliche Intelligenz und Affektpolitik revitalisiert (z.B. bei Bernd Bösel, Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski[3]).

Zwei bedeutsame Traditionslinien, an die Anders explizit und implizit anschließt, bleiben dabei häufig unterbelichtet: Neben seiner akademischen Sozialisation bei Husserl und Heidegger und einem starken Bezug zur Philosophischen Anthropologie Plessners fühlte sich Anders vor allem der frühen Kritischen Theorie verbunden und bezeichnete sich selbst immer wieder als Marxist. Trotz großer inhaltlicher Nähe zur frühen Kritischen Theorie bleibt Anders bei den meisten »Frankfurtern« jedoch stets ein allenfalls geduldeter, zumeist aber ignorierter Außenseiter. Starke Bezüge gibt es außerdem zum Judentum. Anders reflektiert sie offen, meist aber nur, um sich selbst als abtrünnig zu inszenieren. Beide Bezüge stellen daher zugleich intellektuell fruchtbare Anziehungs- wie Abstoßungspunkte dar.

Von sich selbst sagte Anders einmal, er habe bis »zum 6. August 1945 – der Tag hieß Hiroshima« gewissermaßen »sehr jüdisch […] in der Erwartung des Noch-Nicht, des zu errichtenden messianischen Reichs« gelebt.[4] Zwar nannte er sich auch »der Ungläubige«, einen »Ketzer« und aus einer »Tradition des Antitraditionalismus« stammend, steht jedoch mit dieser Abwehr in einer langen Traditionslinie von Ketzern und Häretikern, in einer jüdischen Tradition des Traditionsbruchs. Darüber hinaus bezeichnete Anders sich einmal als »Schüler der Propheten«, erkannte im Herumgetrieben-Sein durch die Verfolgung einen Vorteil – »allein der Herumgetriebene genießt die Chance der Vorurteilslosigkeit«[5] – und entdeckte an einem für ihn bedeutsamen Tag eine »Wurzel« seines Denkens, die in seiner Medienkritik unübersehbar ist: »Sie heißt: ›Du sollst dir kein Bildnis machen‹. Ihr entstammen alle meine Leidenschaften. Wenn ich ›philosophiere‹, so besteht meine Tätigkeit in nichts anderem als in der Befolgung dieses Gebotes, in der Bekämpfung menschengemachter absoluta, also in Ikonoklasmus«.[6]

Die Bedeutung dieses Bildersturms für Andersʼ Denken der Endzeit bzw. des Anthropozäns wurde bisher noch kaum erfasst. Ähnliches gilt für die Tiefendimension der »prophylaktischen« Apokalyptik.[7] Als Anders den Apokalypsebegriff äquivalent zu der »von uns verursachten Erd- und Selbstvernichtung« verwendete, bediente er sich in der Tradition auf eigenwillige Weise. (Interessant sind in diesem Zusammenhang seine erst kürzlich entdeckte Bekanntschaft mit Jacob Taubes und die Verbundenheit mit seinem Großcousin Walter Benjamin.) Als er 1956 eine »eschatologische Windstille« diagnostizierte,[8] setzte er mit seinem enervierenden Insistieren auf die bevorstehende »Apokalypse« ganz auf die politisch-revolutionäre Sprengkraft endzeitlicher Gedanken, um so ein breites Publikum zu erreichen. Ganz im Sinne seines Ikonoklasmus verweigerte er dabei jedoch, alternative Szenarien auszumalen oder gar zu verabsolutieren.

Andersʼ Verhältnis zur frühen Kritischen Theorie wie zu anderen marxistischen Denkern – z.B. Ernst Bloch, dessen Utopismus Anders scharf kritisierte und mit einem »Prinzip Trotz« konterte – ist hochgradig ambivalent. Abgesehen von wenigen Arbeiten (siehe etwa Dawsey[9]) steht eine umfassende Untersuchung dieser Bezugslinien ebenfalls noch weitgehend aus. Anhaltspunkte zu thematischen, methodischen und inhaltlichen Überschneidungen, aber auch Divergenzen und Gräben, gibt der 2022 veröffentlichte Nachlassband mit Briefen an und von Adorno, Bloch, Horkheimer und Marcuse. So schreibt Anders an Adorno, dass »die Affinität Ihrer und meiner Produktion (und nicht nur in den Augen Dritter) seit langem immer evidenter wird«, zugleich gelte es, die »hot potatoes« zwischen ihnen anzugehen. Von den persönlichen Idiosynkrasien abgesehen zählt philosophisch dazu in erster Linie wohl Andersʼ Technikkritik, die mit ihrer Betonung der Subjekthaftigkeit und Co-Akteurschaft von Technik aus seiner Sicht eine Leerstelle in der marxistischen Tradition ausfüllt, die Technik letztlich als verfügbares Produktionsmittel denkt – ohne dass Anders sich damit freilich in Fundamentalopposition zu Marx und dessen Frankfurter Nachfahren bringen wollte. Auch sein Denken ist vom Motiv einer Dialektik der Aufklärung durchzogen und sucht unverkennbar den Anschluss an die marxistische Tradition. Leidenschaftlich gestritten wird zwischen Anders und Adorno über die Rolle des engagierten Intellektuellen, über Sinn und Formen des politischen Aktivismus.

Starke Anknüpfungspunkte findet Anders wiederum in den technikkritischen Überlegungen des jungen Marcuse. Frappant und bisher unbearbeitet sind die Familienähnlichkeiten zur Kritischen Theorie zudem in der Auseinandersetzung mit Kulturindustrie, Antisemitismus und Shoah. Mit seiner negativen Anthropologie der Weltfremdheit des Menschen rückt Andersʼ Denken nicht nur in die Nähe der Gnosis; er verfolgt wie die Frankfurter (bis hin zu Ulrich Sonnemann) auch einen konsequenten Anti-Essentialismus. Den messianisch und utopisch inspirierten Denkern aus Frankfurt (und Tübingen) steht er skeptisch gegenüber. Über den späten Fromm äußert sich Anders in den Ketzereien abfällig, der sozialpsychologische Ansatz des frühen dürfte ihm selbst allerdings recht nahegelegen haben. So zeigt er sich Friedrich Pollock gegenüber beeindruckt vom »Familien-Wälzer« (The Autoritarian Personality), formuliert aber auch »grundsätzlichere« Bedenken. Wie Adorno oder Kracauer ist Anders ein Meister der »kleinen Form«, des Essays und des Aphorismus. Methodisch bedient er sich vor allem bei der marxistisch inspirierten Avantgardekunst seiner Zeit, darunter Bertolt Brecht, John Heartfield und George Grosz.

 

Die Tagung unter dem Titel »Kritische Theorie der Endzeit. Günther Anders als Denker der Gegenwart« will sich am Frankfurter Institut für Sozialforschung mit diesen Einflüssen beschäftigen. Über rein historisierende, werkgeschichtliche oder vergleichende Zugänge hinaus soll dabei jedoch vor allem Anders als ein kritischer, aus unterschiedlichen Denktraditionen schöpfender Theoretiker des Anthropozäns im Zentrum stehen. Es geht also – mit Blick auf Andersʼ Verbindung zur Kritischen Theorie, zum Judentum und deren wechselseitigen Verflechtungen – um Begriffe, Verständnisse und Konzepte, um Weltdeutungen und -haltungen, die sich im Anschluss an Anders für aktuelle Problemstellungen gewinnen lassen. Demgemäß lauten die Leitfragen der Tagung:

  • Welche Fluchtlinien lassen sich von Andersʼ Denken ausgehend in die Gegenwart ziehen?
  • Welche Rolle spielen dabei Judentum bzw. Kritische Theorie?
  • Wo und wie lassen sich Andersʼ Kritik der politischen Technologie und der atomaren Endzeit in gegenwärtige Debatten einbringen und weiterentwickeln – in wissenschaftliche, politische und intellektuelle Diskurse um das Ende der Fortschrittsutopie und die Konturen einer von apokalyptischen Klimaszenarien und Kipppunkten geprägten Endzeit, über die Antiquiertheit, Liquidierung und Optimierung des Menschen, nicht zuletzt auch über Formen des Widerstands gegen die drohende Katastrophe?

 

 

[1] Jean-Pierre Dupuy, A Short Treatise on the Metaphysics of Tsunamis, Michigan 2015; Christine Hentschel, »Stretches of imagination at the end of times: affective workouts against apocalypse«, in: Marina Garcés (coord.), Ecology of the imagination. Artnodes, Nr. 29. UOC, https://doi.org/10.7238/d.v0i29.393041 (zuletzt aufgerufen am 24.11.2024); Dies., »Edgework in post/apokalyptischen Zeiten«, in: Soziopolis, 27. September 2023, https://www.soziopolis.de/edgework-in-post-apokalyptischen-zeiten.html (zuletzt abgerufen am 24.11.2024); Srećko Horvat, After the Apocalypse, Cambridge (UK) 2021; Bruno Latour, Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime, Berlin 2020.

[2] Zygmunt Baumann, Collateral Damage. Social Inequalities in a Global Age, Cambridge/Malden 2011; Deborah Danowski/Eduardo Viveiros de Castro, In welcher Welt leben? Ein Versuch über die Angst vor dem Ende, Berlin 2019; Michaël Fœssel, Nach dem Ende der Welt. Kritik der apokalyptischen Vernunft, Wien 2019; Jean-Luc Nancy, After Fukushima. The Equivalences of Catastrophes, New York 2015; Guillaume Paoli, Geist und Müll. Von Denkweisen in postmodernen Zeiten, Berlin 2023; Peter Sloterdijk, Die Reue des Prometheus. Von der Gabe des Feuers zur globalen Brandstiftung, Berlin 2023; Slavoj Žižek, »From catastrophe to apocalypse… and back«, in: Apocalyptica, Heft 1/2022.

[3] Bernd Bösel, Die Plastizität der Gefühle. Das affektive Leben zwischen Psychotechnik und Ereignis, Frankfurt a. M./New York 2022; Ders., »Ikonomanie, apriorische Bedingungsformen, Psychotechnik: Zur Aktualität der Medientheorie von Günther Anders«, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 72, 4 (2024), S. 579–592; Felix Maschewski/Anna-Verena Nosthoff, »›Passivität im Kostüm der Aktivität‹. Über Günther Anders’ Kritik kybernetischer Politik im Zeitalter der ›totalen Maschine‹«, in: Günther Anders aktuell. Themenausgabe des Behemoth. A Journal on Civilization, 11(1), 2018, hg. von Christian Dries; Dies., »The obsolence of politics: Rereading Günther Anders’s critique of cybernetic governence and integral power in the digital age«, in: Thesis Eleven 153(1), 2019, S. 75–93.

[4] Günther Anders: »Günther Anders«, in: Mein Judentum, hrsg. v. Hans Jürgen Schultz, Stuttgart/Berlin 1978, S. 58–76, hier: S. 69.

[5] Günther Anders: Ketzereien, München 1991, S. 319.

[6] Günther Anders: Der Mann auf der Brücke, München 21963, S. 158.

[7] Siehe dazu Günther Anders: »Die Frist«, in: ders.: Endzeit und Zeitenende. Gedanken über die atomare Situation, München 1972, S. 170–221.

[8] Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen 1. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 42018, S. 307.

[9] Jason Dawsey, »Marxism and technocracy: Günther Anders and the necessity for a critique of technology«, in: Thesis Eleven, 153(1), 2019, S. 39–56.

 

 

Kooperationspartner

Buber-Rosenzweig-Institut für jüdische Geistes- und Kulturgeschichte der Moderne und Gegenwart an der Goethe-Universität Frankfurt

Günther-Anders-Forschungsstelle der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Internationale Günther-Anders-Gesellschaft

Institut für Sozialforschung Frankfurt am Main

 

Organisationsteam

Prof. Dr. Christian Wiese

Prof. Dr. Stephan Lessenich

Dr. Christian Dries

Martin J. Kudla, M.A., M.A.

 

Der Call for Papers findet sich hier.

 

Freitag

IG-Farben-Nebengebäude 1.741b, Campus Westend

Donnerstag

Institut für Sozialforschung

Tagungen, Konferenzen, Workshops

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Veranstaltung im Rahmen des von der VolkswagenStiftung geförderten Projekts »Die Kunst der Gegenuntersuchung«.

Freitag

Institut für Sozialforschung

Tagungen, Konferenzen, Workshops

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Veranstaltung im Rahmen des von der VolkswagenStiftung geförderten Projekts »Die Kunst der Gegenuntersuchung«.

Mittwoch

Campus Bockenheim

Adorno-Vorlesungen

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Donnerstag

Campus Bockenheim

Adorno-Vorlesungen

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Freitag

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