Hegel ist der Denker der Befreiung. Er hat nicht nur festgestellt, dass in der westeuropäischen Moderne (gegenüber allen historisch vorhergehenden Ordnungen) endlich „Alle frei“ sind, sondern auch sowohl die Sklaverei, über deren Abschaffung in Haiti er gut informiert war, für Unrecht befunden als auch die Familie in der Liebe statt in einem Vertrags- oder Produktionsverhältnis begründet.
Aber für jeden dieser Bereiche gilt, dass Hegel in einem zweiten Schritt wieder Differenzierungen einführt, die ihn nicht nur zum Denker der Befreiung, sondern zugleich zum Denker einer eigenartigen Knechtschaft machen. Die „selbstbewusste Liebe“, auf die Hegel die Familie gründet, mündet in die heterosexuelle Kleinfamilie, in der das Eheverhältnis die EhepartnerInnen (Mann und Frau) zu einer Person verschweißt, die fortan nach Außen vom Mann vertreten wird, während die Frau ans Haus gefesselt bleibt. Ähnliches lässt sich im Hinblick auf die Kategorie race bei Hegel feststellen: Die Sklaverei ist für ihn „ein absolutes Unrecht“, doch behauptet er zeitgleich, dass die Versklavung schwarzer Menschen nach Amerika immer noch besser gewesen sei als ihre Realität in Afrika, wo ihnen jegliches Bewusstsein für Freiheit gefehlt hätte; und in diesem Zusammenhang entwickelt er auch eine Theorie dessen, was er „Rassenverschiedenheiten“ nennt. Die bürgerliche Gesellschaft schließlich, in der die Einzelnen erstmals nicht mehr als „Jude, Katholik, Protestant, Deutscher, Italiener, usf.“ gelten, sondern endlich nur als „Mensch“, erzeugt eine Unterschicht, die von allen zivilisatorischen Errungenschaften der Gesellschaft ausgeschlossen ist: Den Pöbel.
Zwischen beiden Deutungen muss man sich nicht entscheiden: Beide sind wahr. Hegel ist der Denker der Freiheit und der Denker der Knechtschaft. Das macht ihn zugleich zum paradigmatischen Denker unserer Gegenwart, in der genau diese Zweideutigkeit fortbesteht: Patriarchat, Rassismus und Klassendifferenz existieren innerhalb der modernen Freiheit fort. Aber ist das dann noch Freiheit? Wird sie nicht – im Ganzen – problematisch? Und noch wichtiger: Warum ist das so? Welche Rollen spielen Kategorien wie „Biologie“, „Kultur“ und „Geschichte“ im Diskurs der Moderne? Wie verflechten sich Geschlechterdifferenz, Klassendifferenz und Hegels „Rassendifferenz“ im Kontext der bürgerlichen Gesellschaft? Steht nicht sogar die Kategorie der „Liebe“ – ein Hegelsches Erbe, das wir weitgehend angenommen haben – mit einer von Hegel als „vormodern“ apostrophierten Sittlichkeit im Bunde und weist also in die Geschichte? Schließlich: Wie könnte eine Zukunft der Freiheit aussehen, die nicht mehr die zweideutige Freiheit Hegels wäre? Kann man ihm (und also unserer Moderne) entkommen?
Diese Fragen wollen wir im Workshop an den Texten Hegels zur Familie, zur bürgerlichen Gesellschaft und zur Philosophie der Geschichte sowie unter Rückgriff auf einschlägige Sekundärliteratur gemeinsam nachgehen.
Programm:
25.06.2026
14:15-15:55 Uhr
Race (Purtschert):
– Hegel, Philosophie der Geschichte (=Werke, Bd. 12), S. 105-129, 477-488.
– Hegel, Enzyklopädie III (= Werke, Bd. 10), §§ 393-394, S. 57-70.
16:15-18:00 Uhr
Gender (Hutchings, Stone):
– Hegel, Enzyklopädie II (= Werke, Bd. 9), § 369 + Zusatz, S. 516-519.
– Hegel, Grundlinien (= Werke, Bd. 7), § 158-181, S. 307-338.
– Hegel, Logik II (= Werke, Bd. 6), S. 480-484.
26.06.2026
15:15-16:55
Class (Zambrana, Ruda):
– Hegel, Grundlinien (= Werke, Bd. 7), §§ 182-188, S. 339-346.
– Hegel, Grundlinien (= Werke, Bd. 7), §§ 237-256, S. 385-398.
17:15-19:00
Abschlussdiskussion: Über die Reproduktion der Knechtschaft
Gerne verschicken wir die Textgrundlage (formlose Mail an rime.abd_al_majeed@leuphana.de und amoeller@em.uni-frankfurt.de)