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Adorno Vorlesungen 2024: Loïc Wacquant »Penal Power in the Flesh: The Workaday World of Prosecutors« (3/3)

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Seit 2002 veranstaltet das Institut für Sozialforschung in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag jährlich Vorlesungen, die an drei Abenden an Theodor W. Adorno erinnern. Im Rahmen der diesjährigen Vorlesungen verbindet der Soziologe Loïc Wacquant sozialtheoretische, historisch-vergleichende und ethnografische Ansätze, um strafrechtliche Praktiken als Kernfunktion des Staates zu untersuchen. Durch den Einsatz von Polizei, Gerichten und Gefängnissen kuratiert der strafende Staat Kriminalität; er hält sozialmoralische Abweichungen in Schach, verwaltet städtische Marginalität und definiert die Grenzen von Staatsbürgerschaft. Wacquant argumentiert dafür, den strafenden Staat daher in den Mittelpunkt einer politischen Soziologie zu rücken, die sich für Fragen von Klasse, Ethnizität und urbanem Raum interessiert.

Die Auftaktvorlesung Penality as a Core State Capacity and Negative Sociodicy verfolgt einen sozialtheoretischen Ansatz: Selektiv spürt Wacquant verschiedenen Staatstheorien – von Hobbes und Weber über Schmitt und Mann bis zu Scott und Bourdieu – sowie Theorien der Strafe – von Durkheim über Rusche bis Foucault – nach, um ein analytisches Konzept des strafenden Staates zu entwickeln. Der Bestrafung als staatlicher Kernkompetenz kommt, über materialistische Ansätze hinausweisend, der symbolische Zweck öffentlicher Beschämung zu. Hier, so zeigt Wacquant auf, werden die Grenzen des Staatsbürgerstatus sichtbar, wird die soziale und moralische Vernachlässigung marginalisierter Sozialkategorien legitimiert.

In seiner zweiten Vorlesung wendet sich Wacquant unter dem Titel Marginality, Ethnicity, Territory der Sozialgeschichte und vergleichenden Soziologie des strafenden Staates zu. Seit seiner Erfindung im späten 16. Jahrhundert und bis ins 21. Jahrhundert hinein richtet sich dieser durchgehend gegen Bevölkerungsgruppen, die doppelt untergeordnet sind – sowohl hinsichtlich der Klassenordnung (als Arme) als auch ihrer Statusposition (als Außenseiter). Die Vorlesung fragt danach, warum dies so ist und über welche Mechanismen diese Selektivität in formell demokratischen Gesellschaften hergestellt und verstetigt wird. Um diesen Fragen nachzugehen, vergleicht Wacquant die überproportionale Überwachung und Inhaftierung von Schwarzen Menschen in den Vereinigten Staaten und den Umgang mit postkolonialer Migration in Westeuropa. Er rückt damit den Raum als Prisma des staatlichen Handelns in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen.

In der dritten Vorlesung Penal Power in the Flesh: The Workaday World of Prosecutors stützt sich Wacquant auf die Ethnografie, um zu zeigen, dass Strafgewalt nicht nur auf dem Papier stattfindet, sondern sich konkret darin äußert, dass vermeintlich unkontrollierbaren Körpern physische und psychische Schmerzen zugefügt werden. Die Strafgewalt geht von den autoritativen Worten und Taten der Akteure des Strafsystems aus: Polizei, Staatsanwält: innen, Verteidiger:innen, Richter:innen, Bewährungshelfer: innen. Wacquant taucht tief in die alltäglichen Praktiken, Organisationslogiken und Affektwelten von Staatsanwält:innen ein, die er über einen Zeitraum von drei Jahren in einem kalifornischen Strafgericht beobachtete. Abschließend verknüpft er Ethnografie und Theorie, um die zentrale Bedeutung des Strafens für die Definition und Durchsetzung von sozialer Zugehörigkeit hervorzuheben.

Loïc Wacquant ist Professor für Soziologie an der University of California in Berkeley und Forscher am Centre Européen de Sociologie et de Science Politique in Paris. Seine Bücher wurden in zwanzig Sprachen übersetzt, jüngst erschienen sind Jim Crow. Le Terrorisme de Caste en Amérique (2024), Racial Domination (2024), Misère de l’Ethnographie de la Misère (2023) und Bourdieu in the City. Challenging Urban Theory (2023). Auf Deutsch erschienen sind unter anderem Die Erfindung der »Unterklasse«. Eine Studie zur Politik des Wissens (2023), Die Verdammten der Stadt. Eine vergleichende Soziologie fortgeschrittener Marginalität (2017), Bestrafen der Armen. Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit (2009), Leben für den Ring. Boxen im amerikanischen Ghetto (2003), Elend hinter Gittern (2000) und Reflexive Anthropologie (zusammen mit Pierre Bourdieu, 1996).

Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2024

27. November 2024 Campus Bockenheim, Hörsaal IV Goethe-Universität Frankfurt am Main

Video/Ton/Schnitt: @mkffm

© IfS, mit freundlicher Genehmigung vom Suhrkamp-Verlag (https://www.suhrkamp.de)


[medico Podcast]

Stephan Lessenich: »Krise, Angst, Ressentiment«

Interviews, Podcasts

Die Erfolge der AfD bei Landtagswahlen, der Wahlsieg Trumps in den USA, Kämpfe um körperliche Selbstbestimmung, die Normalisierung von Verrohung und Gewalt: Das alles und Vieles mehr sind Symptome des scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs extrem Rechter Akteure in politische Ämter.

Auf allen Kontinenten gewinnen autoritäre Projekte und Regierungsformen an Zuspruch, nehmen Abwehrhaltungen und vorgebliche Ängste gegen als abweichend Empfundenes zu. Emanzipatorische Gegenprojekte oder auch nur Widerspruch sucht man häufig vergebens – und wenn doch, winkt nicht selten heftige staatliche Repression.

In dieser Folge von Global Trouble sprechen wir mit dem Sozialwissenschaftler und Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung Stephan Lessenich über den Zusammenhang von Krise, Faschismus und Autoritarismus und dem Extremismus der gesellschaftlichen Mitte und darüber wie rechts es eigentlich noch werden kann.


Adorno Vorlesungen 2024: Loïc Wacquant »Marginality, Ethnicity, Territory« (2/3)

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Seit 2002 veranstaltet das Institut für Sozialforschung in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag jährlich Vorlesungen, die an drei Abenden an Theodor W. Adorno erinnern. Im Rahmen der diesjährigen Vorlesungen verbindet der Soziologe Loïc Wacquant sozialtheoretische, historisch-vergleichende und ethnografische Ansätze, um strafrechtliche Praktiken als Kernfunktion des Staates zu untersuchen. Durch den Einsatz von Polizei, Gerichten und Gefängnissen kuratiert der strafende Staat Kriminalität; er hält sozialmoralische Abweichungen in Schach, verwaltet städtische Marginalität und definiert die Grenzen von Staatsbürgerschaft. Wacquant argumentiert dafür, den strafenden Staat daher in den Mittelpunkt einer politischen Soziologie zu rücken, die sich für Fragen von Klasse, Ethnizität und urbanem Raum interessiert.

Die Auftaktvorlesung Penality as a Core State Capacity and Negative Sociodicy verfolgt einen sozialtheoretischen Ansatz: Selektiv spürt Wacquant verschiedenen Staatstheorien – von Hobbes und Weber über Schmitt und Mann bis zu Scott und Bourdieu – sowie Theorien der Strafe – von Durkheim über Rusche bis Foucault – nach, um ein analytisches Konzept des strafenden Staates zu entwickeln. Der Bestrafung als staatlicher Kernkompetenz kommt, über materialistische Ansätze hinausweisend, der symbolische Zweck öffentlicher Beschämung zu. Hier, so zeigt Wacquant auf, werden die Grenzen des Staatsbürgerstatus sichtbar, wird die soziale und moralische Vernachlässigung marginalisierter Sozialkategorien legitimiert.

In seiner zweiten Vorlesung wendet sich Wacquant unter dem Titel Marginality, Ethnicity, Territory der Sozialgeschichte und vergleichenden Soziologie des strafenden Staates zu. Seit seiner Erfindung im späten 16. Jahrhundert und bis ins 21. Jahrhundert hinein richtet sich dieser durchgehend gegen Bevölkerungsgruppen, die doppelt untergeordnet sind – sowohl hinsichtlich der Klassenordnung (als Arme) als auch ihrer Statusposition (als Außenseiter). Die Vorlesung fragt danach, warum dies so ist und über welche Mechanismen diese Selektivität in formell demokratischen Gesellschaften hergestellt und verstetigt wird. Um diesen Fragen nachzugehen, vergleicht Wacquant die überproportionale Überwachung und Inhaftierung von Schwarzen Menschen in den Vereinigten Staaten und den Umgang mit postkolonialer Migration in Westeuropa. Er rückt damit den Raum als Prisma des staatlichen Handelns in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen.

In der dritten Vorlesung Penal Power in the Flesh: The Workaday World of Prosecutors stützt sich Wacquant auf die Ethnografie, um zu zeigen, dass Strafgewalt nicht nur auf dem Papier stattfindet, sondern sich konkret darin äußert, dass vermeintlich unkontrollierbaren Körpern physische und psychische Schmerzen zugefügt werden. Die Strafgewalt geht von den autoritativen Worten und Taten der Akteure des Strafsystems aus: Polizei, Staatsanwält: innen, Verteidiger:innen, Richter:innen, Bewährungshelfer: innen. Wacquant taucht tief in die alltäglichen Praktiken, Organisationslogiken und Affektwelten von Staatsanwält:innen ein, die er über einen Zeitraum von drei Jahren in einem kalifornischen Strafgericht beobachtete. Abschließend verknüpft er Ethnografie und Theorie, um die zentrale Bedeutung des Strafens für die Definition und Durchsetzung von sozialer Zugehörigkeit hervorzuheben.

Loïc Wacquant ist Professor für Soziologie an der University of California in Berkeley und Forscher am Centre Européen de Sociologie et de Science Politique in Paris. Seine Bücher wurden in zwanzig Sprachen übersetzt, jüngst erschienen sind Jim Crow. Le Terrorisme de Caste en Amérique (2024), Racial Domination (2024), Misère de l’Ethnographie de la Misère (2023) und Bourdieu in the City. Challenging Urban Theory (2023). Auf Deutsch erschienen sind unter anderem Die Erfindung der »Unterklasse«. Eine Studie zur Politik des Wissens (2023), Die Verdammten der Stadt. Eine vergleichende Soziologie fortgeschrittener Marginalität (2017), Bestrafen der Armen. Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit (2009), Leben für den Ring. Boxen im amerikanischen Ghetto (2003), Elend hinter Gittern (2000) und Reflexive Anthropologie (zusammen mit Pierre Bourdieu, 1996).

Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2024

27. November 2024 Campus Bockenheim, Hörsaal IV Goethe-Universität Frankfurt am Main

Video/Ton/Schnitt: @mkffm

© IfS, mit freundlicher Genehmigung vom Suhrkamp-Verlag (https://www.suhrkamp.de)


Adorno Vorlesungen 2024: Loïc Wacquant »Penality as a Core State Capacity and Negative Sociodicy« (1/3)

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Seit 2002 veranstaltet das Institut für Sozialforschung in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag jährlich Vorlesungen, die an drei Abenden an Theodor W. Adorno erinnern. Im Rahmen der diesjährigen Vorlesungen verbindet der Soziologe Loïc Wacquant sozialtheoretische, historisch-vergleichende und ethnografische Ansätze, um strafrechtliche Praktiken als Kernfunktion des Staates zu untersuchen. Durch den Einsatz von Polizei, Gerichten und Gefängnissen kuratiert der strafende Staat Kriminalität; er hält sozialmoralische Abweichungen in Schach, verwaltet städtische Marginalität und definiert die Grenzen von Staatsbürgerschaft. Wacquant argumentiert dafür, den strafenden Staat daher in den Mittelpunkt einer politischen Soziologie zu rücken, die sich für Fragen von Klasse, Ethnizität und urbanem Raum interessiert.

Die Auftaktvorlesung Penality as a Core State Capacity and Negative Sociodicy verfolgt einen sozialtheoretischen Ansatz: Selektiv spürt Wacquant verschiedenen Staatstheorien – von Hobbes und Weber über Schmitt und Mann bis zu Scott und Bourdieu – sowie Theorien der Strafe – von Durkheim über Rusche bis Foucault – nach, um ein analytisches Konzept des strafenden Staates zu entwickeln. Der Bestrafung als staatlicher Kernkompetenz kommt, über materialistische Ansätze hinausweisend, der symbolische Zweck öffentlicher Beschämung zu. Hier, so zeigt Wacquant auf, werden die Grenzen des Staatsbürgerstatus sichtbar, wird die soziale und moralische Vernachlässigung marginalisierter Sozialkategorien legitimiert.

In seiner zweiten Vorlesung wendet sich Wacquant unter dem Titel Marginality, Ethnicity, Territory der Sozialgeschichte und vergleichenden Soziologie des strafenden Staates zu. Seit seiner Erfindung im späten 16. Jahrhundert und bis ins 21. Jahrhundert hinein richtet sich dieser durchgehend gegen Bevölkerungsgruppen, die doppelt untergeordnet sind – sowohl hinsichtlich der Klassenordnung (als Arme) als auch ihrer Statusposition (als Außenseiter). Die Vorlesung fragt danach, warum dies so ist und über welche Mechanismen diese Selektivität in formell demokratischen Gesellschaften hergestellt und verstetigt wird. Um diesen Fragen nachzugehen, vergleicht Wacquant die überproportionale Überwachung und Inhaftierung von Schwarzen Menschen in den Vereinigten Staaten und den Umgang mit postkolonialer Migration in Westeuropa. Er rückt damit den Raum als Prisma des staatlichen Handelns in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen.

In der dritten Vorlesung Penal Power in the Flesh: The Workaday World of Prosecutors stützt sich Wacquant auf die Ethnografie, um zu zeigen, dass Strafgewalt nicht nur auf dem Papier stattfindet, sondern sich konkret darin äußert, dass vermeintlich unkontrollierbaren Körpern physische und psychische Schmerzen zugefügt werden. Die Strafgewalt geht von den autoritativen Worten und Taten der Akteure des Strafsystems aus: Polizei, Staatsanwält: innen, Verteidiger:innen, Richter:innen, Bewährungshelfer: innen. Wacquant taucht tief in die alltäglichen Praktiken, Organisationslogiken und Affektwelten von Staatsanwält:innen ein, die er über einen Zeitraum von drei Jahren in einem kalifornischen Strafgericht beobachtete. Abschließend verknüpft er Ethnografie und Theorie, um die zentrale Bedeutung des Strafens für die Definition und Durchsetzung von sozialer Zugehörigkeit hervorzuheben.

Loïc Wacquant ist Professor für Soziologie an der University of California in Berkeley und Forscher am Centre Européen de Sociologie et de Science Politique in Paris. Seine Bücher wurden in zwanzig Sprachen übersetzt, jüngst erschienen sind Jim Crow. Le Terrorisme de Caste en Amérique (2024), Racial Domination (2024), Misère de l’Ethnographie de la Misère (2023) und Bourdieu in the City. Challenging Urban Theory (2023). Auf Deutsch erschienen sind unter anderem Die Erfindung der »Unterklasse«. Eine Studie zur Politik des Wissens (2023), Die Verdammten der Stadt. Eine vergleichende Soziologie fortgeschrittener Marginalität (2017), Bestrafen der Armen. Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit (2009), Leben für den Ring. Boxen im amerikanischen Ghetto (2003), Elend hinter Gittern (2000) und Reflexive Anthropologie (zusammen mit Pierre Bourdieu, 1996).

Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2024

27. November 2024 Campus Bockenheim, Hörsaal IV Goethe-Universität Frankfurt am Main

Video/Ton/Schnitt: @mkffm

© IfS, mit freundlicher Genehmigung vom Suhrkamp-Verlag (https://www.suhrkamp.de)


FAZ über das IfS: »Seyla Benhabib liebt Adorno und Frankfurt«

Zeitungsartikel, Über das IfS

Sie ist Fan von Hannah Arendt und ihre Dankesrede heißt »Gegen falsche Universalien und identitäres Denken«. Seyla Benhabib würdigt Adorno als Denker unserer Zukunft.


[taz]

Saskia Gränitz: »Gewalt steigt in sozialen Krisen«

Interviews, Zeitungsartikel, Aus dem IfS

Gewalt gegen Obdachlose nimmt zu. Hier müssten soziale Krisen und autoritäre Strukturen zusammengedacht werden, sagt die Soziologin Saskia Gränitz.


[Politik&Ökonomie]

Lena Reichardt: »Café Marx«

Zeitungsartikel, Aus dem IfS

In seinem Buch »Café Marx« erzählt Philipp Lenhard die Geschichte des Instituts für Sozialforschung neu. In Abgrenzung zu vorliegenden Darstellungen, rekonstruiert der Autor die Institutsgeschichte anhand der Konstelllierung von Personen, Räumen, Prozessen, Gedanken und Handlungen, wie Lena Reichhardt schreibt.


[politikkultur]

Stephan Lessenich: »Irrsinn im Quadrat«

Zeitungsartikel, Aus dem IfS

Stell Dir vor, es ist Kalter Krieg, und alle machen mit: In etwa so wirkt die politische Dynamik der Wissenschafts- und Kulturlandschaft im Deutschland des Jahres 2024. Das Gleichgewicht des Schreckens, Signatur der auf den Zweiten Weltkrieg folgenden Jahrzehnte demokratisch- kommunistischer Systemkonkurrenz, ist wieder zurück. Weniger allerdings auf dem Terrain der zwischenstaatlichen Beziehungen, wo man sich spätestens seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine die irrationale Konstellation des atomaren Patts zweier imperialer Antagonisten fast schon wieder zurückwünschen würde. Der neue Kalte Krieg tobt im Landesinneren, auf dem Feld der symbolischen Kämpfe, und die bevorzugte Waffe im ideologischen Konflikt ist die des Boykotts. Wer hier etwas auf sich hält, kennt bei dem Versuch, sein Gegenüber zum Schweigen zu bringen, kein Halten mehr. Dabei hat die Auseinandersetzung tendenziell noch archaischeren Charakter angenommen als zu Zeiten der bipolaren Welt. Auge um Auge, Zahn um Zahn, das Prinzip der »flexible response« war
gestern: Heute folgt auf die Wahrnehmung vermeintlich oder tatsächlich unerträglicher Äußerungen der jeweils gegnerischen Seite die äußerst vorhersehbare Reaktion, den oder die Kontrahentin mundtot zu machen, sei es nun per Ausladung oder Anschwärzung, Runtermachen oder Niederschreien


FAZ über die Adorno-Vorlesungen 2023: »Zur Schändung des Sigmund-Freud-Denkmals in Wien«


In Wien wurde der Gedenkstein für den Psychoanalytiker Sigmund Freud beschmiert. Das veranlasst zur Neuauflage der Frage Adornos: Was kann die Psychoanalyse dem Antisemitismus entgegensetzen?


[nd]

»Im Schatten der Frankfurter Schule«

Rezensionen, Zeitungsartikel, Über das IfS

Im Gegensatz zu Adornos männlichen Zöglingen sind seine Schülerinnen »vergessen« – trotz bedeutender Beiträge zu Theorie und Praxis. Mitternacht ist »Nachtstudio«-Zeit. Jedenfalls für Hannah Werbezirk. Die Salzburger Gymnasiastin hat es sich zur Angewohnheit gemacht, ein väterliches Verbot zu unterlaufen und zu später Stunde auf einem Empfangsgerät der Firma Grundig den Stimmen zu lauschen, die mittels Radio Wien den Weg unter ihre Bettdecke finden. Die artikulierte Ausdrucksweise, die ebenso elegante wie tiefschürfende Gedankenführung eines »Nachtstudio«-Gastes hat es ihr besonders angetan. Von einem Vortrag über den französischen Schriftsteller Marcel Proust ist sie so beeindruckt, dass sie das Frankfurter Institut für Sozialforschung per Brief um das Manuskript bittet.